Nach dieser Karawane kam niemand mehr über die Straßen zum Wu-tai-schan. Es sollten die Menschen zur Erstarrung, die Berge zum Springen gebracht werden. Die Pochwerke hatten ihre Arbeit eingestellt. Der Fluß, schmaler als sonst, blies durch die Täler seine Luft, die von der Kälte zum Ersticken verdichtet war.

Die Wegelagerer und Verbrecher hatten sich zu einem kleinen Teil in die Dörfer geschmuggelt, welche westlich und östlich der Berge lagen. Die übrigen warteten eine kleine Zeit auf die Pilgerzüge, von denen sie lebten. Dann schlossen sich überall größere und kleinere verzweifelte Haufen zusammen. Die Wege, hinter die sich die Höhlen und Hütten der Heimatlosen verkrochen, mußten bald unübersteigbar werden; dann gab es kein Hin und kein Her.

In mehrere gewundene schmale Höhlen, die vor dem Wind geschützt waren auf der Straße oberhalb Mas Einsiedelei, hatte sich der Haufen geflüchtet, zu dem auch Wang hielt, etwas über fünfzig Mann. Aber nach zwei Tagen, als fünf nach verhungernden, erfrierenden Genossen suchen gegangen waren auf den zugänglichen Straßen, Abhängen, Tälern, waren es achtzig geworden. Es gab keine lange Beratung. Die neun Geachtetsten unter ihnen bestimmten, daß das etwa sechs Stunden entfernt gelegene Dörfchen Pa-ta-ling gleich geplündert und eingenommen werden sollte.

Unterwegs während des Abwärtskletterns kamen einzelne überein, und es verbreitete sich unter die andern, daß von den Bewohnern des Dörfchens niemand entweichen dürfe; man müßte sie entweder einschließen oder niederschlagen. Es gab beim Abwärtsrennen der Männer, zu denen kurz vor dem Dorfe noch ein kleiner Haufen von dreißig Ratlosen stieß, ein unaufhörliches Schreien, Zusammensinken, Wimmern um Mitnehmen. Die Kräftigen hielten vor Hunger den Mund offen und bissen in den Wind; sie liefen besinnungslos. Sie trugen abwechselnd die älteren und leichten Vagabunden auf dem Rücken. Sie liefen den letzten Rest des Weges durch ein welliges Tal völlig schweigend in einer langen Linie, die nach hinten breiter wurde; die Starken wie Windhunde voran, ohne Gedanken an die Folgenden.

Das Dorf hatte fünfzig Häuser, die an einer einzigen Straße lagen bis auf vier Häuser, die um einen immergrünen Eichbaum beim Eingang der Straße von den Hügeln her standen. Von diesen Häusern sahen die Leute zuerst das Springen von Menschen über die Schönn-i genannten Felsenklippen, das Fallen und Aufraffen immer neuer Menschen. Sie näherten sich rasch über den weißblauen Schnee, es schien als ob sie verfolgt wären. Ihre Zöpfe flogen wagerecht; man sah sie über die Schultern wie Peitschen schwingen.

Die Frau des Bauern Leh gellte zuerst auf dem Hofe: „Banditen, Banditen, Banditen!“ Es rannten Frauen, Kinder, zuletzt Männer, Betten hinter sich, die Dorfstraße herunter, schlugen an Hoftore, verschwanden in den Häusern. Winseln, Kreischen wirbelte über den Höfen, von Dach zu Dach getragen, zitterte über der leeren Landstraße.

Von den Hügeln her kam das Trappen, das ungleichmäßige Knistern und Knarren, weitausgreifendes Bewegen, das nicht einmal zu atmen schien. Gebleichte Gesichter mit reglosen Zügen, Hände, die im Schwung wie Keulen hin und her schaukelten. Körper, die empfindungslos liefen. Rümpfe, die steif auf Schenkeln saßen, welche wie Pferde ritten. Hinter der langen Linie der Einzelläufer schwammen schwarze Gruppen, Hand an Hand gefaßt. Aufgelöste Nachzügler schleuderten die Arme wie Hämmer, um vor sich Löcher in die Luftmauern zu schlagen.

Die wenigen auf dem Dorfe, die vor ihrer Türe standen und den langgestreckten Keil heransausen sahen, sahen auch die schwarzen krächzenden Vogelschwärme, die mit den Vagabunden die Berge verlassen hatten.

Die ersten Räuber warfen sich mit Steingewicht gegen die Tore. Sie prallten hintereinander auf, drangen ein. Die nächsten an die folgenden Tore. Sie überrannten einander. Das Kreischen ließ nach; die Bergläufer in den Häusern strömten Eiskälte aus und das Grausen von Sterbenden; sie konnten ihre Kiefer nicht öffnen; ihre Augen zwinkerten nicht. Die letzten Häuser waren verrammelt. Ein Heulen entstand draußen, ein Gebrüll verwundeter Tiere, daß sich die Frauen verkrochen. Die Lebenden draußen hoben die Körper der Hinstürzenden auf, rannten mit den kopfschüttelnden Rümpfen gegen die Holzpfosten an. Dann öffneten plötzlich die Bauern die Tore, fällten die Wimmernden mit Beilen, liefen in die Nachbarhöfe, hackten in die keuchenden Münder. Nachzügler, die Stärksten, mit den Lahmen auf den Rücken, hetzten ins Dorf, warfen ihre Last in den ersten Hof, folgten dem Schreien, zerquetschten die Bauern wie Geschosse, würgten sie, zerschmetterten ihre Kinder auf der Dorfstraße, wortlos ohne die Mienen zu verziehen.

Die Toten froren dünn und steif auf dem Wege.