Ma-noh, in der schwefelgelben Kutte, mit roter Schärpe, auf dem Schädel die vierzipflige Mütze, öffnete die Tür. Brausen des Flusses drang in das dumpfe Zimmer, in dem die Klapper nicht mehr lärmte. Blendende Weiße warfen die Schneemassen herein. Ma pfiff und gluckste. Er hielt die große Almosenschale in der Hand, mit Körnern und Brocken gefüllt. Die Krähen stießen wütende Schreie aus. Er hielt die zudringlichen Vögel mit spitzem Lachen zurück. Weit über die Stiege, in den hohen Schnee der Straße flogen die harten Stücke.
Obwohl Wang schon am ersten Abend unruhig drängte, hielt Ma-noh ihn über drei Tage auf dem Berge fest. Am Morgen des vierten klopften Männer an Mas Tür, fünf Räuber aus dem Dorf. Sie hatten Wang gesucht und brachten die Nachricht, daß sie verraten seien, daß gestern nachmittag dreißig Berittene, abgeschickt aus der Unterpräfektur Cha-tuo, unter einem riesigen Pa-tsoung in das Dorf einfielen. Sie hätten, unterstützt von Dorfbewohnern, die Soldaten verjagt, ein Pferd lahmgeschlagen; es konnte aber nicht verhindert werden, daß vier ältere Wegelagerer, darunter ein Kranker, von den Soldaten ergriffen und auf den Pferden mitgeschleppt wurden. Als sie den Raub bemerkt hätten, waren die Reiter schon im Galopp und schossen mit Pfeilen nach rückwärts. Die Brüder drängten sehr fort, berichteten sie. Auch die gutmeinende Dorfbevölkerung bäte, rasch abzuziehen, weil sonst beide, Banditen wie Dörfler, verloren seien. Alle Wege wären gut passierbar, das Wetter erträglich, es werde ein rasches Frühjahr geben.
Von den Männern, die zu der Einsiedelei geschickt waren, gehörten drei zu den engeren Freunden Wangs von den Pochwerken. Es waren die erfahrensten, zuverlässigsten Männer.
Auf das erregte Bitten Wangs blieben sie fast einen halben Tag gemeinsam in Ma-nohs Hütte.
Wang konnte sich schwer bezwingen. Er ging ratlos in einem Durcheinander von Empfindungen an den niedrigen glühenden Herd, über dem der Wassertopf an einem rohen, schlecht geschnittenen Eichmast hing. Sein breites Gesicht schrumpfte unter der Hitze. Er wandte sich und streifte mit den fliegenden Ärmeln die goldenen Buddhas, die ihre bezaubernde, flimmernde, irisierende Miene zuwandten dem stummen Ma-noh, der ihre Blicke aufzufangen suchte, dem Wanderer Wang, den hockenden fünf Vagabunden, die die Köpfe zusammensteckten, teeschlürfend die Nachbarorte durchhechelten. Über und über waren sie bepackt mit zerlumpten Kitteln, Tuchfässer, schwer bewegliche Fleischpakete.
Wang schwankte unter einer Aufwallung und einem unertragbaren Sieden in der Brust die Stiege herunter, und seine schrägen schmalen Augenschlitze kniffen sich zu, geblendet vom Weiß, das entgegenprallte. Er stand am Rand der Bergstraße. Aus dem Flußtal schleiften Nebelschlieren. Von einem drehenden Windstoß gerafft zogen sie sich schlangenartig rasch hoch und pufften, breitschleiernd, über Wang und die lange Bergstraße. Das Rauschen der Schnellen klang unglaublich nah. Das Tal kochte kalt und war verschüttet in den brodelnden Dunst. Muskellose weiche Schneearme streckten sich herauf.
Sie berieten in der kaum mannshohen Hütte unter dem Felsen. Ma-noh mit welkem spitzen Gesicht, im bunten Flickmantel und aufgewundenen Zopf, höflich, leicht gnädig, im Inneren aufgebläht, erwartungsvoll erregt. Wang, zwischen den andern am Herd, bog den Rücken rund; seine Blicke wanderten von einem Augenpaar zum andern.
Er fing an zu sprechen, die Hände auszustrecken, die Freunde zu beschwören: „Die vier Alten haben die Reiter mitgenommen, und man wird sie ins Gefängnis werfen und ihnen die Köpfe abschlagen. Sie konnten nicht so schnell laufen wie ihr. Den Lahmen hab ich auf meinem Rücken getragen, als wir vom Berg herunterliefen. Es wird ihnen keiner glauben, wie elend wir sind und daß der Frost so schlimm war. Der Lahme muß daran glauben, daß ihm ein Bootsmann das Bein zerschlagen hat. Sein Unglück ist groß, man wird ihn an einem ungünstigen Ort verscharren, sein Geist muß betteln, wie im Leben hungern, frieren. Sein Bein war zu kurz und die Soldaten hatten Pferde. Uns nimmt man alles. Wir sollen in den leeren Bergen erfrieren, die Raben sind mit uns ausgezogen, keiner konnte mehr leben, keine Karawane gab zu essen. Unsere armen Brüder nimmt man uns. O, wir sind arm.“
So jammerte Wang-lun, blickte ihnen allen in die traurigen gesenkten Gesichter und litt. Mit einmal kam die Angst wieder und die Befremdung vor ihnen. Er wandte sich, schluckte an dem Kloß hinter seinem Gaumen. Er preßte es gewaltsam herunter, hielt seine eiskalten schwitzenden Hände über den Herd. Sie taten ihm nichts, sie wollten nichts von ihm, es war nur ein Gerede gewesen, er wollte sie gar nicht fragen. O, war das Leben schwer. Dazu blitzte es ihm vor den Augen; bald schienen es von dem Herd verwehte Funken zu sein, bald fuhr es so rasch und glatt zusammen, fünf Säbel und eine kleine getünchte Mauer.
Ein breitschultriger alter Mann unter den abgesandten, ein Bauer, dem sein Land mitsamt seiner Familie fortgeschwommen war, veränderte seine entschlossene Miene nicht bei den zitternden Worten Wangs: „Wir müssen unsere Brüder wieder holen. Wenn du ihn in das Dorf getragen hast, Wang, mußt du ihn zurückbringen. Hätten wir Pferde und Bogen wie die Soldaten, wäre nichts geschehen. Der Unterpräfekt von Cha-tuo soll ein kluger Mann sein aus Sze-chuan. Aber er ist zu feingebildet für uns in Nan-ku. Sag selbst, Chu, Ma-noh, wir müssen mit unserer Sprache herauskommen.“