Er stand, mit dem runden Rücken in einen Winkel gelehnt, die Arme unter den weiten langen Ärmeln ineinander verschränkt, sann mit hervortretenden Augen, was ihm passiert war. Plötzlich erstarb alles in ihm. Er ging ruhig zwischen dem Gerätekram an das offene Fenster. Die schneidende Luft wehte. Wang-lun, den Kopf hinaus in die Dunkelheit gesteckt, wußte nicht, was er hier blickte. Die kleinen Häuser drüben standen sehr fern, die Finsternis des Himmels stand nicht ferner. Er betrachtete alles mit Befremden.

Er mummelte sich in seinen Kittel, zog den Kopf zwischen die Schultern, ging in das Nachbarzimmer, wo fünf der Vagabunden saßen und mit Figuren spielten. Ihnen fiel auf, wie stier sein Blick und wie ausdruckslos sein Gesicht war. Er blieb am Tische stehen. Er sagte leise zu dem Buckligen, den er umfaßte, ohne aber den Blick höher auf ihn als bis zu den Schultern zu richten, daß er noch einmal durch das Dorf gehen wolle.

Und dann ging er durch die leere Straße; kehrte um, ging hügelwärts weiter. Lief, indem er die Schwärze der Nacht Schale um Schale, Panzer um Panzer, durchbrach. Ehe er verstand, was geschah, hatten seine Arme das Schwingen der Keulen angenommen, war eine Sichel aus seiner Stirne gewachsen, mit der er die Nacht durchschnitt. Er sprang über die Schönn-i genannten Klippen. Sein Körper lief schon empfindungslos weiter; er ritt ruhig atmend auf federnden Schenkeln. Er freute sich, daß etwas ihn mitgenommen hatte und mit ihm davonlief. Über die Hügel, auf die Felsen. Zu Ma-noh, zu Ma-noh. Der mußte die Gemse hören, die zu seiner Hütte heraufkletterte aus der liegenden Nacht.

Es war noch kein Zeichen des Morgens am Himmel, als Ma-noh seinen Namen rufen hörte, die Stiege zu seiner Hütte hinuntersprang.

Der trübe Docht blakte. Stumm und mild saßen die Buddhas im Hintergrund; die Ohrlappen bis auf die Schultern gezogen, blauer Haarknoten, weite Blicke, ein verschwimmendes Lächeln um die prallen Lippen, auf runden glatten Schenkeln hockend. Wang lag mit der Stirne vor der tausendarmigen Göttin aus Bergkristall, anklagend, bettelnd, verwirrt. Gewillt, hier liegen zu bleiben, nicht fortzugehen. Durcheinander stammelnd, was ihm geschehen sei.

„Was Su-koh geschah, ist nichts gegen dieses. Su-koh haben sie mit fünf Säbeln niedergeschlagen an der kleinen Mauer. Sie haben ihn gefangen genommen und dann über den Nai-ho geschickt. Mich haben sie verlockt, in ihre Mitte geschlossen, bezaubert. In meine Brust wollen sie einen Dämon zaubern, der Bucklige will das, alle wollen das. Ich bin gut zu ihnen gewesen, habe jeden Zank ausgewischt. Mancher von ihnen lebte nicht mehr ohne mich. Ich bin die Dorfstraße heruntergegangen. Es war Kohle in dem Beutel. Ich kann nichts dafür, es war nur Kohle. Und es ist doch kein Gold und kein Siegel. Warum soll es Gold sein, wie soll das Siegel des Kaisers in den Lederbeutel kommen? Warum verlangen sie das von mir? Sie sollen es nicht wollen; sie sollen es nicht wollen. Sie sollen mich wieder gehen lassen; ich habe nichts gesagt von dem Lederbeutel. Ich bin der Wang-lun aus Hun-kang-tsun. Ich bin ein Mörder; kein Mandarin hilft mir jetzt. Ich lasse mich nicht verhetzen. Ihr sollt mir helfen, ihr fünf Fos; Ma-noh, hilf mit; bete mit mir; hilf mir sie bezwingen.“

Er richtete sich auf den Knien auf, hielt Ma-noh an der Brust fest, der sich schon neben ihn geworfen hatte. „Oder bin ich schon verzaubert? Sag, Ma-noh? Es kommt schon zu spät bei mir, nicht wahr, ja, es kommt schon zu spät.“

Heulend stieß er, von den Buddhas abgewandt, lange Schreie aus, öffnete immer die Arme und schlug sie wieder zusammen. „Was soll geschehen, Ma-noh? Was soll mit Wang-lun geschehen? Die bösen Geister haben ihn befallen. Wang-lun haben die bösen Geister befallen.“

Ma-noh drückte Wangs verklammerte Finger von sich ab, ließ ihn auf den Boden rutschen, legte einen dünnen gelben Mantel mit roter Borte über sein Flickkleid, setzte die viereckige schwarze Mütze auf, das Dach des Lebens, schlug den Rasselstab, schüttelte die Klapper. Die pfeifenden Worte, die er ausstieß, gingen unter in dem blechernen Geklirr; und während er die eklen Schlangengötter mit Flüchen anrief, die Nagas, die Lus und ihre Könige, während unter dem Dröhnen der Klapper die Garudavögel gebannt aufschwirrten aus dem Kreise, die grünschwingigen Garudas mit roten Menschenbrüsten, weißem Bauch, auf ihren schwarzen Vogelköpfen standen zwei Hörner, zitterte in Ma-noh das Herz vor Glück. Er tanzte, selbst träumend und hingerissen, um Wang, der den Kopf duckte; er verstand alles, was Wang sagte; er bückte sich, strich ihm über die Schultern, den Scheitel, und hätte sein Knurren und Zischen in Lachen verwandeln mögen. Wang dachte an seinen Vater und seine Mutter, und wie seine Mutter eingeschlafen war, als der Vater unter Hundegekläff in einer Tigermaske hin und her sprang vor der Frau und über die Hingesunkene schnaufte und flüsterte. Ihn fror plötzlich sehr unter der Achsel, an den Knien, an den Fersen.

Er lag schwindlig, lang auf den Leib gestreckt am Boden. Ma häufte Decken über ihn, drückte das Licht aus. Eine weiße Helligkeit trat durch die verklebten Fenster. Ein Scharren und Kratzen an der verriegelten Tür, Füße und Schnäbel von hungrigen Krähen. Dann lief es einmal weich über die Stufen, kroch über das niedrige Dach, schnuppernd, schlüpfte wieselartig über Balken weg. Alle Augenblicke krachte es ganz weit; fernes Schieben, Schurren, Poltern folgte. Schneemassen kamen ins Rollen, stürzten in die Schluchten.