Manche waren die Opfer eines starken Triebes geworden, den sie nicht beherrschen konnten, auch nicht beherrschen wollten, die alle Schlauheit in sich aufboten und schärften, um diesem Triebe zu dienen, mit dem sie sich gleichsetzten. Einige Opiumraucher, Spieler von feinerem Gesichtsschnitt, ältere Leute. Nicht wenige, die ein Gewerbe trieben, ab und zu betrogen, entdeckt und bestraft wurden, nun sich schikaniert von den Polizisten fühlten, Schabernack auf Schabernack, Gehässigkeit auf Gehässigkeit folgen ließen, die Grenzen überschritten, und im Grunde froh waren, mit einem Schlage vogelfrei zu werden, der brütenden Gesetzlichkeit entflohen. Dies waren die Glücklichen, die wenig Bitterkeit in ihrer Freiheit fühlten.
Am schlimmsten waren die Hitzköpfe, die Rachsüchtigen, die Zügellosen dran. Sie hatten sich, meistens jung, wegen eines Ehrgeizes, einer Verliebtheit, einer Eifersucht, zu einem verhängnisvollen Schritt reißen lassen, standen außerhalb ihrer Familie, Sippschaft, Heimat, in deren Rahmen ihre Triebe wie ihr Verbrechen sinnvoll wurden, gingen mit bösen Blicken herum, verfluchten sich, kauten an dem unzerreißbaren Gummi ihrer Leiden. Ihnen nützte nichts; sie waren zu allem fähig; man durfte sie nicht anrühren. Sie waren nicht mitteilsam, überall dabei, wo etwas vorging und geplant wurde, machten ihrer Grausamkeit Luft, wo sie konnten, wurden von den Kameraden scharf beobachtet.
Dann kamen viele, die warteten, die sich angeschlossen hatten, nur um irgendwo in den achtzehn Provinzen zu hausen. Das waren die entlassenen Soldaten, die noch ihre zerrissenen blauen Kittel trugen und auf neue Anwerbung hofften. Krüppel, die aus kleinen Ortschaften stammten, wo man sie nicht ernähren konnte, und die nun die Wallfahrtswege belagerten. Tüchtige ernste Menschen, die ihre Familien durch Überschwemmungen verloren hatten; solche, bei denen der Mißwachs auf den Äckern ein jährlicher Gast war; solche, die erst vorübergehend aus Scham in die fernen Berge zum Betteln liefen, dann schwer loskamen und keinen Ausweg sahen.
Es gab besondere auffallende Erscheinungen, unter ihnen Wang-lun; unruhige Geister, die es nirgends hielt, die hier wie überall unter Vertrauten auftauchten und verschwanden; derartige Menschenwellen wogten in dem ungeheuren Reiche viel.
Den harten und unbeweglichen Kern aller Bergläufer bildeten die vier, fünf alten Verbrecher, welche seit Jahren die Plage der Pässe und höheren Wege ausmachten. Sie waren freundliche, etwas falsche Gesellen, die viele Anekdoten zu erzählen wußten, gutmütig die andern aushorchten, über die jüngeren grobe Späße machten. Einer hatte in seiner Körperfülle das Aussehen eines würdigen Mandarins; es fehlte ihm an seiner Mütze nur der Knopf. Er hielt sehr auf respektvolle Behandlung und bediente sich eines komischen Höflichkeitszeremoniells bei den kleinsten Dingen im Verkehr, wobei gestört er in unsäglich gemeines Schimpfen ausbrechen konnte. Er war Hypochonder, äußerst wehleidig und verbrachte das meiste Geld, das er durch Diebstahl und Raub erwarb, bei kleinen Wurzelfrauen, Hökerinnen in den Nachbarorten, bei denen er nach Medikamenten ein und aus ging. Er hatte eine Masse Eigenheiten, schnitzte sehr gewandt Tabaksdosen mit Blumendeckeln, suchte bei jedem frisch Ankommenden zu erfahren, was es für Neuigkeiten darin in den Städten gäbe, bemühte sich auf die furchtbarste Art, wenn er es wollte und es für ihn nötig wurde, die Muster zu beschaffen. Er seufzte seinen Hökerfrauen vor, die ihn als feinen Herrn behandelten, wie ein armer Mensch seine Haut zu Markte tragen müsse, um auch nur eine Spielerei zu erwerben. Wenn er einbrach, war er der zähste, sicherste Mensch, mit Muskeln von Stahl, einer unbezwinglichen Geduld und Kälte. Vor Leuten, besonders jungen Männern, die ihn überraschten und die er angreifen mußte, hatte er einen Ekel, wenn sie sich nicht wehrten oder um Schonung bettelten, nachdem er sie gefaßt hatte. Er hatte zwei Kaufmannsgehilfen einmal, die vor Entsetzen auf ihrem Ofenbett laut schrien, als er in ihr Zimmer nachts eindrang, mit einem Eisenstück erst betäubt, dann aber, als die kräftigen Menschen trotz seines Befehls unter ihrer Decke weiter wimmerten, sie mit der ersten besten Schnur einen nach dem andern erwürgt, war toll, ohne etwas zu nehmen, in die Berge zurückgerannt. Er führte seitdem den Namen „Seidenschnur“.
Ein anderer dieser fünf Gesellen war ein großer hagerer Kantonese mit einer Hornbrille. Dieser liebte weder Totschlag noch Einbruch, er war Gelehrter und verfaßte Gedichte, gesellschaftliche und sittenfördernde Abhandlungen, Betrachtungen über allerhand Themata, auch aus der Tierwelt, Geologie, Astrologie. Sein Wesen blieb den meisten der Vagabunden dauernd fremd. Er hielt sich völlig fern von ihnen; sie kamen in seine Höhle, um sich über vielerlei Dinge, besonders Krankheiten und günstige Tage, Rats zu erholen. Es war ein Mann von einer gewissen Bildung, der viele Dichter abschrieb und saubere Charaktere malte. In diesen großen ruhigen Menschen kam alle paar Monate eine Veränderung. Die ihn besuchten, merkten das vorher; er hörte ihnen nicht mehr geduldig zu; es herrschte Unordnung in seiner sonst ziemlich gerichteten Wohnung im Felsen. Er erklärte selbst, wenn ihn einer fragte, daß er jetzt viel mit eigenen Sachen beschäftigt sei, nur diese Tage; sie sollten sich nicht abstoßen lassen; er würde über die Sache, die sie ihm vortrügen, später noch genau nachdenken und ihnen Auskunft geben. Dann kamen die paar Tage, wo die Banditen sich nicht von ihrem Gelächter erholten. Wo der gelehrte Mann schmierig und zerfetzt von oben bis unten über alle Wege kletterte, bei allen Bekannten vorsprach in diesem Aufzug unter einem Schwall hochtrabender unverständlicher Worte und Brocken, dazwischen mit kolossalen Schlüpfrigkeiten, die an ihm sonst unbekannt waren, um sich warf, und selbst aus dem Lachen nicht herauskam, das sein Gesicht unter tausend trockenen Fältchen vergrub. Auf diesem Hin und Her, bei dem er sich keine Ruhe gönnte, kaum ein paar Stunden tags schlief, ohne sich zu erschöpfen, versteckte sich die hagere Gestalt auch gelegentlich hinter einem Block bei Mondlicht an einer Straßenbiegung, fiel mit lautem Geschrei ganze Karawanen an, die nicht selten auseinanderstoben vor ihm, stieß einen einsamen Pilger, nachdem er lange hinter ihm her mit Wutbläken geschlichen war, unter einem Freudenjuchzer in den Abgrund, verging sich bei Marktflecken in viehischer Weise an Frauen und Kindern. Nach ein paar Tagen saß er wieder in seiner Höhle, zeigte ernst seinen Gästen die Schrunden und Beulen, die er davongetragen hatte. Er behandelte diese Verletzungen in den ersten Tagen wie eine heilige Sache, kam rasch in das alte Geleise, in die gelehrte Arbeit, bei der ihn keiner, unter schwerster Gefahr, an die unruhigen Tage erinnern durfte. Der Einfluß dieser Männer auf die andern war gering; schon unter sich kannten sie sich wenig; unter den andern allen galten sie als gefährliche Sonderlinge, die zu keiner gemeinsamen Sache zu bewegen waren.
Die Vagabunden sprachen geheimnisvoll über Wang-lun in den überhitzten Stuben des Dörfchens. Seine langen Besuche bei dem Zauberer Ma-noh brachten sie zum Erschauern; alle gaben zu, daß dahinter etwas stecke. Er war ein Verfolgter, der nicht zur Ruhe kam. Ein Buckliger in dem Hause, das auch Wang bewohnte, schlug auf den Tisch: „Diesem Wang ist in Schan-tung etwas passiert, er will Gespenster bannen lernen, um sich an jemand zu rächen. Auf dem Liang-fu-schan sitzt einer, der hat in Krügen die Dämonen der ganzen Provinz gefangen.“ Ein anderer stimmte bei: „Ma-noh wohnt schon lange oben; er kennt alle Berggeister. Was soll Wang von ihm wollen?“ Der Bucklige: „Ich habe ihn einmal an der Pochmühle sitzen sehen; er schlug mit den Händen an seinen Augen vorbei. Warum? Er hat Dämonen gesehen und wollte sie zerquetschen.“ Ein Alter legte sich über den Tisch und grinste: „Ein Gelehrter ist Wang-lun. Er trägt etwas mit sich herum. Was ist dabei wunderbar, wenn er zaubern kann? Wer eins kann, kann das andere.“
In Wang überwucherte unter dem Einfluß der Gespräche mit Ma die Versonnenheit und der Ernst. Er beruhigte sich. Die Wände und Vorhänge, mit denen sich etwas Dunkles in ihm umstellt hatte, fielen; er ebnete und bewältigte sich in der größten Heimlichkeit. Der Zickzack in ihm kam nur gelegentlich zum Vorschein; in Possenstreichen, die andere vor den Kopf stießen, in stundenlanger grundloser Gleichgültigkeit, in vorübergehender Böswilligkeit, Widerspenstigkeit. Die älteren Vagabunden wußten, daß etwas Heiliges dahinter steckte, wenn er Späße machte; daß dies nicht anders war, als ob er sich in einem Krampf wälzte.
Gegen Ende ihres Aufenthalts in Pa-ta-ling stampfte Wang eines Abends kältegeschüttelt in die Stube; er lachte, brüllte, sprang an den Wänden herum. Er hätte auf einem frischen, völlig frischen, eben gefallenen weißen Schneehaufen, sie sollten einmal denken und sich das vorstellen, einen großen verschlossenen Lederbeutel mit dem kaiserlichen Kriegssiegel gefunden; und wenn er in den Beutel griffe, hätte er lauter runde Goldkugeln in der Hand. Er warf einen schwarzen Beutel auf den Tisch. Zehn glattrasierte bezopfte Köpfe stießen über dem Beutel zusammen, ein freudiges erschrecktes Schnattern erhob sich. Einer griff und hatte dicken Kohlestaub bis an den Ellenbogen; ein anderer faßte vorsichtig hinein, es ging ihm ebenso. Und so zwei andern. Sie sahen sich verblüfft über dem Tisch mit der Öllampe an, schwiegen betreten, blinzelten gegen den langen Wang, der ruhig am Ofenbett stand, sahen sich wieder einer nach dem andern an, schüttelten die Kohle von den Händen. Ein feister hellfarbiger hielt den Beutel hoch gegen sein Ohr, schüttelte ihn, horchte. Auch die vier, die in den Beutel gefaßt hatten, drängten sich durch und legten den Kopf an den Beutel. Der erste stellte den Beutel auf die Tischplatte, wich von dem Tisch zurück, sagte, ohne Wang anzublicken, mit einem bestürzten Gesichtsausdruck: „Er hat recht. Wang hat recht.“ Er war so fassungslos, daß er nicht tat, was einem andern, dem Buckligen, nach einer Pause einfiel: nämlich, ohne den Beutel zu berühren, Wang zu bitten, ihnen das Siegel des Kaisers zu zeigen und zu fragen, ob es das Siegel Khien-lungs oder eines früheren Kaisers sei. Wenn er es ihnen aber nicht zeigen wolle, ihnen doch etwas noch zu sagen über das Siegel; auch über die vielen Goldkugeln. Sie seien zwar erschreckt, sehr erschreckt, er auch, aber sie würden es doch gern hören und den andern sagen.
Der lange Wang-lun hatte inzwischen längst aufgehört zu lächeln. Mit einer Miene, die immer ängstlicher wurde, stand er am heißen Ofenbett; seine linke weite Hose schwälte am Rost, ohne daß er es merkte und den feinen sengenden Rauch beachtete. Er ging langsam und ganz unsicher von einem zum andern, zog ihn an der Hand zur Lampe, sah ihm suchend ins Gesicht: „Was ist denn? Was ist denn? Was meint ihr denn?“ Er stemmte beide Hände auf die Tischkante auf, hinter dem Tisch stehend, beäugte den Beutel von allen Seiten, bückte sich, strich furchtsam über ihn. Dann umspannte er ihn mit der linken Hand, ging mit ihm in die Nachbarkammer, immer Blicke nach rechts und links auf die Männer werfend, als erwarte er Schläge von ihnen. Eine dünne Spur des Kohlenstaubs rieselte hinter ihm her. Die Kammertür versperrte der lange Wang und hockte am Boden in dem engen Raum, in dem nur Krüge, leere Tonnen und Ackergeräte herumstanden, drehte eine Holzhacke in der rechten Hand, legte sie vorsichtig neben sich. Dann hob er den fast ausgelaufenen Lederbeutel, auf beide ausgebreitete Hände gelegt, an sein schweißtriefendes Gesicht und fiel mit dem Kopf so auf seine aufgestellten Knie. Er sagte mit klappernden Zähnen laut, daß die nebenan es hörten: „Was ist denn? Was wollen sie von mir?“ Die Kleider klebten ihm an den Gliedern. Er stand auf, besah das Loch in seiner Hose. Es befiel ihn eine so lautlose schwindelnde Angst, daß er sich im Kreise drehte, auf die Holzdiele unter seinen Filzsohlen blickte, den Boden befühlte mit der Hand, die krummen Finger gegen die Wand drückte.