Solche Milde und Süße wehte in der sommerlichen Luft. Gegen Abend schwommen von den Blumenhängen um das Sumpfufer verwirrte Gerüche herüber, mit dem Windhauch abreißend, klangartig; eine Schar betäubter versunkener Geister flog in Phosphorfunken herüber, dunkelte über den Boden hin, suchte sich an Menschen festzuhaken. Weit voneinander ab standen prächtige Katalpabäume auf den langgestreckten Hügeln. Die dicken braunen Knorren schwellten in buschigem grünen Zweigwerk auf, so dicht und reich, als könnten die Bäume nicht genug auf einmal einatmen von dem blauen Wind, nicht breithändig genug die goldigen heißen Tropfen des Yang auffangen. Jedes der herzförmigen Blätter trug ein glänzendes Grün zur Schau, zeigte ohne Scham das engmaschige Aderwerk seiner Eingeweide. Wenn die Lüfte vom Sumpf herüberkamen, tremolierten die nackten Blättchen, schnellten an, warfen die Geisterchen platt mit der Zunge beiseite, drängten sich verliebt aneinander. Aus der schwebenden grünen Masse, dem hängenden grünen Erdboden, hingen an Stengelchen bräunliche Fäden herunter und klappten ins Gras, wie bräunliche sich windende Regenwürmer, die vom Fall erschlagen wurden und das schöne Moos befleckten. Wo die Hügel abflachten und in die Talmulden übergingen, wucherte der ornamentale Mikanthus, der mannshohe starre Halm, die zebraartig quergestreifte Staude, unbewegliches sich verjüngendes Gelb und Grün, an dem sich die Kugeln der blassen Regentropfen mit ihren Spektren aufspießten.
Auf dem fetten Boden, den man von Westen her anfing zu brechen, lagerte in Ruhe die Truppe Ma-nohs. Man erwartete die Ankunft Wang-luns, der schon die östlicher vorgerückte Schar Chus seit einer Woche erreicht hatte.
Es war am siebenten Tage des fünften Monats, daß man einen jungen schwachen Bruder herantrug, den man auf offnem Wege bewußtlos aufgefunden hatte. Das fünftägige Fasten, das er sich freiwillig aufgelegt hatte nach einer Entrückung, bekam ihm nicht. Den leichten langen Menschen, der eine Art Kutte mit Strick trug quer über beide Arme gelegt, schleppte ein baumstarker Mann im Soldatenkittel; der Mann bückte sich mit dem schweißtropfenden Kopf weit nach vorn, um den Schatten seines riesigen Strohhuts über das Gesicht des jungen Menschen zu werfen. Überall waren Hütten und Zelte wie bei einer Armee aufgeschlagen; Ma-noh ließ zwanzig Männer abwechseln, Bretter auf Segelkarren fahren hinter und vor dem Haupttroß, weil die Kälte- und Feuchtigkeitserkrankungen unter den Brüdern und Schwestern überhand nahmen. Unter den kühlen Katalpabäumen legte der Soldat, Deserteur der Provinzialtruppen, den Kranken vor ein Zelt in das trockene Moos, tropfte aus einem winzigen schwarzen Glasfläschchen eine grüne Flüssigkeit auf die borkigen Lippen des Bewußtlosen, setzte je zwei Tropfen hinter seine Ohren. Der Kranke seufzte, suchte die Tropfen hinter den Ohren abzuwischen, kaute mit den Lippen, schlug die Augen auf. Der Soldat sah ihm zu, kommandierte, er solle den Atem verhalten, jetzt langsam atmen, jetzt den Atem verhalten.
Die Sonne war untergegangen. Ma-noh lehnte, bis die graue Dämmerung heraufzog, gegen die Bretterwand seiner Hütte, zählte, rechnete, blickte durch die hohle Hand nach den Sternen, griff sich an die Brust, lag mit der Stirn am Boden: morgen war der Tag der Vollendung Cakya-munis, des Reinen, des Schwertträgers der durchdringenden Weisheit.
Als Ma sich aufgerichtet hatte und in dem warmen Moos hockte, fing er nachdenklich zu lächeln an, von der dunklen Luft eingerundet. Seine Augen zwinkerten; gelblich standen sie in den schmalen Spalten, wie junge Hunde, die aus einem halboffenen Koffer herausschnappten. Man ging mit Papierlaternen an ihm vorbei, ein vielstimmiges glückliches Singen klang aus dem Frauenlager von dem östlichen Hügel herunter. Von Zeit zu Zeit harte gleichmäßige Männerrufe. Irgendwo betete man. Der undurchdringliche, schwere, dickleibige Himmel drängte sich eng an die Erde, die ihm, wo ihn die Sonne verlassen hatte, verwandt vorkam; mit Millionen blinkender Sterne lispelte er ängstlich nach etwas Nahem, bettelte bei der Erde, die er sonst mit kaiserlichem Gleichmut um seine geschwollenen Füße laufen ließ. Es blökte ein klägliches „Wä wä“, näherte sich, umschwirrte, dumpfte gegen die Holzlatten. Aus dem Bambusdickicht schwirrten Vögel herüber, flogen dicht an Mas Zelt vorüber in die Mikanthusfelder. Ma schloß die Augen; er sah die Satyrhähne, wie sie im Sommer auf Nan-ku und durch die südlichen Gebirge flogen: türkisblaue Hörner, runde dunkle Augen in einem schwarzen Kopf; feurig schwollen Brust und Bauch; auf braunem Mantel und braunen Schwingen des kleinen Fliegers flimmerten die augenförmigen Ringe. Wie sie bellten.
Morgen wird man den Tag der Vollendung des herrlichen Cakya-muni feiern. Ma bewegte sich nicht. Hier hielt man sich an ihn, vertraute ihm. Ihr Wohl lag in seinen Händen. Er schmeckte eine Bitterkeit an seinem Gaumen und schluckte. Es wird alles rudern, schwimmen, fliegen zu den Inseln im großen Ozean, es wird alles gut geraten und ist alles gut geraten: die Boote gerichtet, die Ruder bereit, das Steuer fest eingespannt. Kuan-yin hieß die Schiffergöttin, die die Überfahrt leitete, am Bug stehend, dem Wind die Richtung weisend. Sie lasen vor ihren Zelten, die Frauen sangen, lagen alle gut im Schatten der Kuan-yin. Er der Bootsknecht, der treue Steuermann. Sein Wohl lag in ihren Händen; er suchte sich zwischen ihren Handflächen, wie er zermalmt, zerrieben, ins Gras gestreut würde. Der weise Prior von Pu-to hatte ihm einmal die Schule nicht gegeben, den Unterricht der Novizen, den er wünschte; es war ein weiser Prior; jetzt hatte er Novizen, so viel er wollte, sie gingen mit ihm, wohin er wollte, und er war schon nicht mehr stolz.
Ma-noh verbarg, über sich gebückt, sein kaltes Gesicht in den Händen. Und er verbarg sich auch, daß er sie leise, scharf haßte, in einem tuckenden unheimlichen Schmerz, den er hinter dem Brustbein spürte. „Wang-lun“, seufzte er. Ma-noh sah ihn schon wie die andern, mythisch groß. „Wang-lun, Wang-lun“, wimmerte Ma-noh; er fühlte in sich unklare Dinge regsam, Wang-lun konnte alles schlichten. Was war dies für eine grausame Reise nach Schan-tung zu der Weißen Wasserlilie, und er kam nicht, und er kam nicht zurück.
Und er kam zu spät zurück. Wohin sollte das gehen? Sie wurden alle still und klar, hoffnungsfreudig auf eine besondere Art. Nichts wurde aus ihm. Seine goldenen Buddhas, die kristallene tausendarmige Göttin fuhr man im Karren hinter ihm her als eine Speise, von der er nie aß. In der täglichen Arbeit für die Brüder gab es keine Versenkung, keine Überwindung. Die vier heiligen Stufen berührte er mit keinem Fuß mehr: nun in die Strömung eingegangen, einmal wiedergeboren, keinmal wiedergeboren, Archat, Lohan, sündenlos Würdiger, ja, der mit demselben Blick Gold und Lehm betrachtet, den Sandelbaum und die Axt, mit dem er gefällt wird. Nichts, nichts mehr von den Freudenhimmeln, wo sie auseinander weichen, die Geister des begrenzten Lichts, die Bewußtlosen, die Schmerzlosen, die Bewohner des Nichts und jene, die sind, wo es weder Denken noch Nichtdenken gibt. Mild und stumm saßen auf dem Nan-kupasse die goldenen Buddhas vor ihm, die Ohrlappen bis auf die Schultern gezogen, unter dem blauen aufgeknoteten Haar die runde Stirn mit dem dritten Auge der Erleuchtung, weite Blicke, ein aufgehelltes, verdunstendes Lächeln über den aufgeworfenen Lippen, auf den runden schlanken Schenkeln hockend, die Fußsohlen nach oben gerichtet wie die Kinder im Mutterleib. Nichts mehr von dem. Und auch nichts von Wang, von Stille, Gleichmut; er nahm nicht teil an dem wachsenden Ring der Frommen. Und nichts von anderem, anderem.
Morgen wird man den Tag der Vollendung des herrlichen Cakya-muni feiern.
Ma-noh nahm seine zitternden heißen Finger vom Gesicht, legte die Hände vor der Brust aneinander, brachte die Finger in die heilige Mudrastellung, bannte sich in der dunklen süßen Sommerluft.