Sie ließ sich, sobald sie hergestellt war, in das Haus des Vaters tragen. Ohne ihren Gatten zu sprechen, hatte sie sich in Hochzeitsschmuck geworfen, aus Laune, wie sie ihre Dienerschaft beruhigte. Den langen Schleier trug sie, Ringe, Armspangen, Blumen aus Federemail. So trat sie vor ihren Vater, wie ihre Mutter in jungen Jahren anzusehen, im entschlossenen Gesicht die scharfen Züge der Krankheit, verneigte sich und sagte, sie wäre da. Tseu hieß sie willkommen und war entsetzt. Sie nahmen nebeneinander Platz zum Essen.
Liang saß in glücklicher Laune neben ihrem Vater, dem das Herz zu zucken begann, der von Schmerz, Sehnsucht, Grauen zerrissen war. Wie Mann und Frau gingen sie durch die Zimmer; Tseu ließ seine schöne Tochter gewähren; sie umarmte, küßte ihn. Sie umschlang seine Schultern ohne Scham. Sie spazierten durch den dichten Park. Da lief Liang im Gestrüpp ihrem Vater voraus, raffte den grünen Schleier, den sie sich um den Hals wand, warf sich rückwärts, das Gesicht nach dem Vater zu, die Arme gegen ihn aufgehoben, in den Weiher. Tseu brauchte lange Zeit, ehe er mit Hilfe des herbeigeholten Gärtners die Frau herauszog; sie kam nach Stunden wieder zu sich. Sie soll dann ihren Rettern geflucht haben, an der Brust des trostlosen Tseu in Weinen, Vorwürfe und verwirrtes Geschrei ausgebrochen sein. Sie ließ ihn nicht los, bis er sie willenlos umfaßte und unter Küssen flüsterte, er wolle mit ihr sterben. Auf seinem Schoß streckte sie sich im Zimmer; da schloß sie gegen Abend still die Augen, richtete sich auf und sagte abwesend, daß sie nach Hause zu Hu-tze müsse. Die Sänfte Liangs ist nie in den Hof Hu-tzes gekommen. Es kam nur, von einem fremden Läufer getragen, am Morgen ein Brief von ihr bei Hu-tze an, daß sie sich wohl befinde, daß es ihm und seinem Knaben, den zu gebären sie das Glück hatte, wie sie hoffe, auch gut erginge; und sie werde ihm auch in der Zeit zugetan bleiben, wo sie nicht bei ihm wohne.
Dann ist sie, verlockt von der Lehre des Nichtwiderstrebens, zu Ma-nohs Gruppe vor Tschön-ting gestoßen, um arm, keusch und gleichmütig zu leben.
Dies war die schöne Liang-li, die sich im Lager von ihren Dienerinnen trennen mußte. Denn hier war keiner Diener des andern. Sie ging, wie alle lilienfüßigen Frauen, von einigen Männern oder kräftigen Frauen begleitet, zu betteln, singen, Kranke zu heilen.
Frau Ching saß im hohen Kaoliang neben ihr. Dies war eine einfache Gemüsehändlerin, die in äußerlich erträglichen Verhältnissen lebte; sie war seit einem Jahre Witwe, besaß einen größeren Jungen von zwölf Jahren, dazu ein verwachsenes skrophulöses, auch bösartiges Kind. Nach der Geburt des unglücklichen Wesens hätschelte sie ihren älteren Liebling nicht mehr lange. Sie wurde völlig von dem Kinde, das der Vater sein „Großväterchen“ nannte, in Anspruch genommen, je mehr sich seine Eigentümlichkeiten herausstellten. Trotzdem sie überzeugt war, daß die hexende Hebamme an allem schuld hatte, denn dies war schon das zweite unglückliche Kind, das in der Straße von der Hebamme gebracht war, und trotzdem sie alle Aschen, Wasser, Brandmale anwenden ließ, hegte sie ein Mißtrauen gegen sich selbst; ob sie irgend etwas in der Schwangerschaft oder vorher versehen hätte, ob sie sich vielleicht zu wenig aus einem zweiten Kind gemacht hätte, oder was sonst. Sie beobachtete unausgesetzt das Kind. Von dem älteren wollte sie kaum etwas wissen; sie meinte mißgünstig, daß er gerade Beine hatte; und damit sei es ja gut. Sie bekam Zänkereien mit ihren Nachbarinnen, weil sie glaubte, daß man sich über das Großväterchen mokierte; es kam zu Streitigkeiten, weil Frau Ching schließlich fremde Kinder prügelte, die von dem Kleinen beim Spiel gebissen oder gekratzt wurden. Denn das liebte das Großväterchen sehr.
In der ersten Zeit, als das Kind zwei Jahre etwa alt war, versteckte sie es in der Wohnung; sie hatte eine grenzenlose Liebe zu dem Wesen, bettelte es in der stillen Wohnstube an, es möchte doch vernünftig sein, versuchte auf eigene Faust absurde Heil- und Zauberpraktiken; das waren schöne Wochen, wenn sie etwas Neues bei dem Kind anwandte und nun von Tag zu Tag hoffnungsfreudig ihre Beobachtungen machte, sich hier betrog, da betrog. Dann wurde sie, enttäuscht, wütend auf sich, daß sie wegen dieses Krüppels mit aller Welt sich zerwerfen mußte, ließ das Kind herumliegen. Sie schimpfte hart auf den Teufel, den man ihr aufgehalst habe.
Immer gewann ihre Besorgtheit die Oberhand. Sie brachte das Kind unter Gespielen, bewirkte durch ihr abschreckendes Auftreten, daß keiner das Großväterchen zu foppen wagte, ja, daß man Angst vor ihm hatte, sich von ihm mannigfach tyrannisieren ließ, wodurch seine Unarten sich üppig entwickelten. Es wäre beinahe dazu gekommen, daß sie sich des Kindes wegen ganz isoliert hätte, wenn die Nachbarinnen nicht einsichtig gewesen wären. Frau Ching nahm ein herausforderndes Wesen an; sie duldete kein Gespräch, keine Andeutung auf ihr mißratenes Kind. Sie lebte sich in eine schroffe Abwehrhaltung hinein, die nicht nur die Dinge um das Großväterchen betraf. Ihre Gesprächigkeit, derbe Laune, verschwand unwiederbringlich. Sie war eine jähzornige, wenig umgängliche Frau geworden.
Damals kam das große Gerücht von den neuen mächtigen Zauberern, die aus den Nan-kubergen nach Süden und Osten herumzogen. Die Berichte häuften sich. Ein heller Blitz fuhr in die Frau; sie lief in die Jamenhöfe, auf die Marktplätze, wo man Geschichten erzählte, sog die Nachrichten ein, trug sie mit sich nach Hause. Sie hätschelte das Großväterchen und den älteren Jungen, sprach aufgeregt mit allen Bekannten ihrer Straße; übergab den älteren Knaben, dazu ihre ganze Wirtschaft, als die Wahrhaft Schwachen sich Tschön-ting näherten, dem Besitzer des Nachbarhauses zur Pflege, sagte, daß sie auf ein paar Tage verreise, und wanderte in das Lager des Ma-noh. Es erübrigt sich, zu berichten, wie es ihr und andern draußen erging. Sie fanden nicht, was sie suchten und bemerkten schließlich, daß sie alles Erdenkliche erreicht hatten. Man erfüllte ihnen keinen Wunsch; man entzog ihnen jeden Wunsch.
Ma-nohs Haufe lagerte in dem üppigen Gelände westlich des großen Sumpfes von Ta-lou.
Schon war der fünfte Monat gekommen.