Es wuchs der „Ring der Frommen“, wie man sich unter den Brüdern ausdrückte. Diese eigentümliche Vorstellung hatte die Masse selbst aufgebracht. Man meinte, man könne allmählich in dem geschlossenen Ring der Wahrhaft Schwachen durch die Gewalt der Versenkung jenes Letzte erreichen, das man bald das Westliche Paradies auf dem Kun-lun nannte, bald den fünften Maitreya, bald das Kin-tanpulver, welches ewiges Leben gewährt.
Ma-noh wurde heftig aus sich herausgerissen. Er wuchs in seine Aufgaben hinein. Schwer gelang ihm die Besinnung auf den Nan-kupaß. Nan-ku war der Geburtsort des Bundes; es waren erst Wochen um, seitdem der Fischersohn aus Schan-tung von dem alten Wu-wei gesprochen hatte. Ma ging straffer in seinem langen geflickten Priestermantel. Sein kleines spitzes Gesicht ähnlich dem Antlitz einer Krähe. Unheimlich lebendig zuckte es über seine niedrige, schrägfliehende Stirn, fuhren Gedanken um seinen liniendünnen Mund. Während er mit mageren Händen gestikulierte, schlangen seine Blicke Taue, die nicht losließen. Er redete hastig wie früher, aber mehr dringend und gehalten. So sah das Boot aus, auf dem viele die Große Überfahrt antraten.
Mit einer Gruppe von zweihundert Männern und Frauen trennte Ma-noh sich von einer nordwärts wandernden. Sie waren nicht weit entfernt von Tschön-ting, einer mittleren Stadt am Huto-ho, dessen Lauf sie dicht von seinem Austritt aus dem Wu-taigebirge gefolgt waren. Ma-noh wollte sehen, möglichst bald südlich von Tschao in die einsame Gegend des Sumpfes von Ta-lou zu kommen. Ihn drängte es aus Gründen, die er nicht faßte, in eine sehr ruhige Landschaft. Bei Tschön-ting vergrößerte sich Mas Gruppe um eine Anzahl Männer und Frauen.
Die junge Frau Liang-li, die gestützt auf zwei Dienerinnen angetrippelt kam, die schönste Frau der Stadt, stammte aus dem berühmten Tseu-Geschlechte, dem unter anderm der große Zensor Tseu-yin-lung angehörte, der zur Zeit des Mingkaisers Schi-tsung wirkte. Frau Liang, als sie noch Mädchen war, hing sehr an ihrem Vater, der hohe Staatsämter bekleidet hatte, dann als reicher Mann in Tschön-ting seinen Ahnen und seiner Familie lebte. Die zarte Mutter Liangs, Tseus rechtliche Frau, kränkelte jahrelang. Die sehr energische Tochter ließ die beiden Nebenfrauen nicht aufkommen, sie besorgte die jungen Geschwister zusammen mit ihren Dienerinnen, stand dem Vater zur Seite in der Verwaltung seiner großen Güter. Tseu liebte sehr seine feine Frau, für deren Heilung er sein halbes Vermögen hingab. Jeder Wu, jeder Exorzist, der neu in die Stadt kam, erfuhr, daß er sich seine ersten Taels bei Tseu verdienen konnte. Ganze Prozessionen veranstaltete Tseu zur Heilung seiner Frau, die zunehmend schwächer und heller wurde, ab und zu tagelang aus Mund und Nase blutete und dabei ängstlich jammerte. Sie blieb auf einmal weg, und kein Brennen der Fußsohle, keine Nadelstiche unter die Fingernägel weckten sie.
Es mag wohl der furchtbare zähe Vampyr, der die Frau aussog, noch nicht genug gehabt haben; jedenfalls wurde der sehr frische Mann, ein vorzüglicher Boxer und Ringkämpfer, nach dem Tode seiner Frau in einer nicht natürlichen Weise traurig. Und es geschah etwas, das über die Tore des Tseuhauses hinaus nicht ruchbar wurde: der Witwer suchte sich in einer Mondnacht, nachdem er seinen Ahnen Kerzen angezündet hatte, in einem kleinen Teich zu ertränken. Unruhig gemacht durch den nächtlichen Kerzengeruch warf sich Liang einen langen Mantel um, rannte vergeblich durch das Haus nach dem Vater, stürzte in den Park. Sie zog den Vater aus dem Teich. Tseu genas völlig unter der Pflege seiner Tochter.
Aber seit dem schrecklichen Ereignis in dem Park veränderte sich sein Verhältnis zu der schönen Liang. Es kam etwas Gedrücktes in sein Benehmen. Er wich ihr aus, hängte sich an die beiden jungen Nebenfrauen, deren Reize der Witwer erst jetzt zu empfinden schien. Der Mann, der in der Mitte der fünfziger Jahre stand, betäubte sich an der Schönheit dieser Frauen. Die Tochter verfolgte ihn. Ihr Haß auf die beiden Frauen schwoll über jedes Maß. Sie verleumdete sie bei Tseu, setzte durch, daß er die jüngere, ein harmloses, sanftmütiges Wesen, verjagte.
Aber es kam nicht zum Frieden. Liang legte die Trauer nicht ab um die Mutter. Sie trug die Halskette, die Perlenschnüre der Toten. Die beiden seidenen Beutelchen, die Lotosblattäschchen hängte sie sich an den Gürtel. Zwei goldene Ringe, zwei silberne Ringe, Verlobungsgeschenke Tseus an seine Frau, nahm sie aus dem Kästchen, schob sie sich über die Finger. Tseu wich aus dem Hause. Er besuchte die Theater, besiegte öffentliche Preisringer. Es sprach sich in der Stadt herum, daß er eine Geliebte in den bemalten Häusern hätte. Ehe es mit ihm zu Ende ging in dieser verzweifelten Weise, erschien sein Bruder, der damals als graduierter Literat in Ta-ming wohnte, in Tschön-ting, um den schlimmen Gerüchten über seinen Bruder nachzuforschen.
Er hielt dem zehn Jahre älteren Mann die Schande vor, die er auf das Tseuhaus werfe, bewirkte bei einer erregten Bootfahrt, daß Tseu zugestand, die Familie an der Aufsicht über die Liegenschaften zu beteiligen, schließlich die verjagte Nebenfrau, die ihm draußen einen Knaben geboren hatte, zur rechtlichen Frau zu erheben. Als die Brüder ernst im Hause erschienen und der schönen Liang dies mitteilten, verneigte sie sich, nachdem sie an ihren Ringen gespielt hatte, vor ihrem Vater, nahm Halskette, Perlschnüre ab, legte sie vor Tseu an den Boden, bat, ihr vor der Hochzeit des Vaters einen Gemahl zu wählen. Das war Hu-tze, der schon nicht mehr hoffte, Liang zu besitzen.
Die beiden Hochzeiten gingen vorbei. Liang wohnte im Hause des Hu-tze, der seine junge Frau innig verehrte. Der kluge kühle Mann vermochte nicht ihr finsteres Wesen zu bannen. Zuerst lebte Liang ganz zurückgezogen und schien gewillt, die Liebe des Hu-tze anzunehmen. Sie gebar ihm aber kein Kind. Da glaubte er, es sei besser, wenn sich Liang in Gesellschaft begebe; auch gewisse Steine vom Wege und Blumen ließ er in ihren Zimmern aufstellen, damit sie sie gelegentlich berühre, denn in ihnen wohnen die Geister ungeborener Kinder. Die junge Frau lachte über alles und folgte ihm.
Sie ging in die Wohnung ihres Vaters. Bei diesem Besuch traf sie ihn nicht an. Sie trippelte in die wohlbekannten Zimmer, nahm aus einem Kasten, den sie aus einer verhängten Truhe holte, die Andenken an ihre Mutter heraus, die Verlobungsgeschenke des Vaters, die Perlenschnüre, das Lotosblattäschchen. Dafür warf sie höhnisch lachend den Stein in den Kasten, den Hu-tze ihr hatte bringen lassen. Sie war viel freudiger in den folgenden Monaten, von einer hinterhältigen samtenen Zutraulichkeit zu dem Mann, dem sie einen Knaben brachte. Beim Anblick des Kindes weinte die schmalwangige Wöchnerin hilflos, verfiel in ein widerspenstiges finsteres Wesen, mit häufigem Schluchzen, Fäusteballen, Wutausbrüchen, daß sie verloren sei.