Mißtrauisch, in sich versunken ging er mit den andern. Er sprach an dem Tage wenig. Ihm fiel, während er träumte, die letzte Nacht ein, und er hätschelte eine schlimme Sehnsucht nach der tiefen, harten Stimme Wangs. Erst schob er selbst den kleinen Karren mit seinen überdeckten Buddhas, lehnte es bissig ab sich helfen zu lassen. Nach ein paar Li als es aufwärts ging, erlahmten seine dürren Arme, er mußte die Deichsel abgeben. Die Müdigkeit steigerte seine Ungeduld, die ganz klein, quälend rasch an seinen Muskelbündeln wie an winzigen Gitarren zupfte. Er setzte sich auf einen runden Granitblock mitten auf den Weg.

Der Zug staute sich. Ma-noh merkte nach einer kleinen Zeit, da er mit den Blicken immer stier den Schneeboden schaufelte, daß alle haltmachten. Er wollte gereizt aufspringen, den Mann an seinem Karren anfahren, wurde durch die ernsten erwartungsvollen Mienen entwaffnet, sah um sich. Er gurgelte rasch: „Weiter.“ Rümpfte beschämt die Nase. Es war lächerlich: diese Leute warteten auf seine Befehle, durchtriebene Gesellen warteten auf den Wink eines Fopriesters, um zu wandern. Wie würde der große Prior auf Pu-to lachen! Er Bandenführer, Räuberhauptmann.

Erst jetzt fiel ihm ein, daß er an Wangs Stelle stand. Aber das wollte er nicht, er brauchte selber Wang. Im Augenblick ergriff das „Ich will nicht“, das Verlangen nach Wang auf eine gewaltsame Weise seine Därme, quetschte seinen Schlund hoch, melkte seinen Speichel. Verzweifelt drückte er die Arme vor die Brust. Er kam sich rettungslos verloren vor. Sein Gehirn schwindelte, seine Haut kochte bei der Vorstellung, daß Wang auf einmal weg sei und alles sinnlos geworden, die freudige Niederlage unter ihm, der Abstieg ins Dorf, die Wanderung der Massen vom Paß. Alles durchlöcherte, entleerte seine Brust, pfählte seine Wirbelsäule.

Er stand an Stelle Wangs: diese starklaunige, plötzlich anspringende Vorstellung schüttelte an ihm.

Er roch mit einer wabbligen Übelkeit im Munde sein altes Leben. Wang konnte ihm entgleiten: was sollte er tun? Er fürchtete sich, er greinte.

Nur sich besinnen, nur sich besinnen! Wo war Wang-lun? Die Strolche und Bettler um ihn debattierten. Ma hörte die heiligen Gedanken, die Wang aus ihm gesogen hatte. Über den einfältigen Männern lag der Rausch des gestrigen Tages und der Nacht. Er sah sie an, von seinem Trübsinn verschluckt; er arbeitete sich heraus, in Furcht zurückzufallen. Die weiche Stunde zwang er sich vor Augen, in der er den schneeschweren Himmel betrachtete und Wang zum erstenmal liebte. Er wollte das noch einmal erleben, nur dieses Erlebnis hatte Schwingen.

Den Strolchen näherte er sich; wieder sah er sich mit leiser Qual in der Rolle des Lauschers, im Anschmiegen, Anlehnen. Wie sollte er Wang finden? Sie marschierten, ihnen war der Fischersohn nicht fortgegangen. Ma mischte sich schamlos unter sie. Er schmeichelte ihnen, simulierte, damit die Strolche nichts merkten. Und unversehens atmete er ruhiger, unversehens hatte ihre freudige Sicherheit die Löcher seiner Seele verkleistert. Er zog seine schwarze Mütze aus Katzenfell über die Ohren.

Das unsichere Gefühl, daß die Männer, die er führen sollte, mehr von Wang besaßen als er selbst, verließ ihn in den nächsten Wochen nicht. Er war bisweilen nicht zu bewegen, eine Auskunft zu erteilen; es versenkte ihn in eine zahnwetzende Wut; ihm schien, als ob man ihn in Versuchung führen wolle. Man wollte ihm vorhalten, wer er war. Und wieder mußte er sich zwingen und zu seinem Erstaunen gewahren, daß die Brüder an nichts dachten, ihm vertrauten. Ja lächerlicherweise eine Ehrfurcht vor ihm hatten, die sich nicht viel von ihrer Empfindung gegen Wang unterschied. Er antwortete ihnen unter schmerzvoller Hemmung. Sie wollten, so schmählich es war, ersichtlich nichts zwischen ihm und sich; Wang-lun stand nicht zwischen den Bettlern und ihm. Sie boten sich selbst, freiwillig, drängend als Objekte an. Er empfand es als Unsauberkeit, daß er diese Männer anwies, als Schändung Wangs. Mit einer peinlichen gezwungenen Lüsternheit bewegte er sich unter ihnen.

Er gewöhnte sich. Das tägliche Handeln schliff überscharfe Empfindungen ab. Genötigt, sich stündlich zu äußern, zu entscheiden, kam er rasch in die Nähe zu den Brüdern, die sie brauchten, in die des Führers. Er wirkte. Mehr als Nachdenken befreite und löste das. Er schwamm über Widerstände. Er fühlte sich gesättigt, über Zweifel gehoben. Die Stunden von Nan-ku fingen an zu verdunkeln. Hart modellierten die neuen Aufgaben an ihm.

Die Lehre Wangs sprühte Kälte. Manche Charaktere, über die sie zuerst geworfen war, mußten aufs Heftigste gegen sie rebellieren. Ungeschickte, die jede Handfertigkeit verlernt hatten bei ihrem Gewerbe auf Nan-ku, in armen Gegenden nicht das Notdürftigste erbettelten, geschlagen, tagelang eingesperrt wurden: sie fanden sich mühselig, mißmutig zurück, waren schwer zu bewegen, unter Menschen zu gehen. Ihre schiefen Blicke sagten, daß sie bald an die Arbeit gehen würden, die sie gut verstanden. Ma-noh nahm sich ihrer an; es konnte nicht im Plane Wang-luns liegen, die Hände in den Schoß zu legen, unbarmherzig verderben zu lassen. Scharf waren andere zu überwachen: der wanderte freudig herum, zog morgens munter ab, stellte sich abends ein, belebt, vergnügt, zu vergnügt; er hatte einen Sippengenossen in einer nahen Ortschaft gefunden, genoß in Ruhe seine Gastfreundschaft. Ins Riesenhafte wuchs die Arbeit, als der Zustrom schwoll und man kaum erfuhr, wer kam, Namen, Schicksal, ob der Neuling nicht gegen die drei kostbaren Regeln verstoße, die Armut, Keuschheit, Gleichmut, was er erhoffe von dem Bund der Wahrhaft Schwachen. Damals traten ohne weiteres ausgebrochene Verbrecher in den Bund, um sich zu verkriechen; man mußte sie sich vom Leibe halten oder aufnehmen, je nach ihrer Art, verstecken oder verjagen. In dem einen Falle hatte man ihre Rache zu gewärtigen, im andern Nachforschung der Ortspolizei, der Präfekturbeamten. Gelegentlich bemächtigte sich die Polizei kurzweg einiger Männer und Frauen, die sie verdächtigte, Verbrecher zu beschützen.