Als der zapplige Junge abends mit einem kleinen Reissack am Arm gehen wollte, nahm sie einen zweiten Reissack, sagte, sie würde mitkommen. Worüber Liu nicht erstaunt war, sondern erklärte, dies sei sehr schön, dann könne er ihr über Ngoh und Chu noch weiter erzählen; Ngoh sei nämlich ein erstaunlicher Mensch und werde bald mit Ma-noh Führer ihres Bundes sein.
Die Witwe war froh. Unter den Männern tat man gleichgültig und zuvorkommend zu ihr; Liu, der sich nicht um die Frau kümmerte, erwarb sich allgemeines Lob, worüber er sich freute. Die Frau pflegte in der nächsten Zeit zwei Kranke, denen die Füße erfroren waren, zimmerte einen Karren für sie, dessen Teile sie zusammenbettelte.
Nach vier Tagen ging sie in das Dorf herüber, half einem Schreiner beim Sägen den hellen Tag für ein paar Käsch, erzählte Bekannten von ihrem neuen Leben, kam mit ihrer fünfzehnjährigen schönen Nichte und einem dicken asthmatischen Weib, der Ehefrau eines Schmiedes, zurück. Auch diese blieben bei den Wahrhaft Schwachen.
Die Frau des Schmiedes war kinderlos, die Nebenfrau hatte sich völlig zur Herrin des Haushalts aufgeworfen; die rechtliche Frau fühlte sich ihres Lebens nicht sicher. Sie meinte, daß die Nebenfrau ihr eines Nachts einen Werwolf aufs Bett geschickt hätte; von der Zeit rühre ihre Atemnot her. Es kam ihr überhaupt nicht geheuer in dem erbärmlichen Hause vor, das nur aus einem stallartigen Zimmer hinter der Schmiede bestand. Daß das Kind der Nebenfrau nicht von dem Schmied herrührte, sondern von irgendeinem abscheulichen Wesen, dessen Natur sie noch nicht genau kannte, war ihr sicher. Die fünfzehnjährige Nichte jener Witwe war gut befreundet mit dieser jugendlichen Nebenfrau des Schmieds. Als die Witwe kam, von den Brüdern erzählte, die Schmiedfrau hoch erregt hörte, welchen kräftigen Zauber diese Männer verstanden, verabredeten sie und beschworen sich gegenseitig, daß sie sich nicht verlassen wollten; die Frau wollte aus der Wohnung heraus, die unter bösen Einflüssen stände, später zurückkehren, wenn sie starke Beschwörungsformeln gelernt hätte bei den Brüdern. Fest entschlossen sich so zu rächen stand das dicke Weib auf. Sie erklärte aber, als sie schon an der Hinterwand der Schmiede abends standen, die Nichte ihrer Freundin müsse mit. Sie säße oft sehr lange mit der Nebenfrau zusammen; aber unter der Diele des Wohnzimmers scharre eine große Ratte, und man könne nicht wissen, was in diesem Hause entstehe zwischen dem begehrlichen Tier und dem arglosen Mädchen.
So nahm denn die Witwe, beunruhigt und kurz entschlossen, ihre Nichte, die sich sträubte, aus dem Dorf, und sie zogen zu dritt nach der Pagode. Es war in den Scheunen schon ganz still; die drei legten sich in eine Ecke auf Bettzeug, das das junge Mädchen hatte unter beiden Armen mitnehmen müssen. Frühmorgens sammelte die Schmiedfrau seufzend und zerdrückt ihre Knochen; die Nichte kraxelte wie ein Hühnchen hinter ihr her, die sich resolut bei diesem und jenem Mann erkundigte, wer am stärksten von ihnen sei und was sie tun sollte. Ein zittriger Mann, der mit einem Stock in dem Sandboden stocherte und sich ein Loch für seinen Wasserkessel wühlte, gab ihr am umständlichsten Bescheid, ohne sie nur einmal anzublicken. Sie fühlte sich sehr angezogen durch das gelassene Wesen des Mannes, der ihr überall beistimmte. Er sagte, es würde wohl bald zu Ende sein mit den Werwölfen, Nachtmahren, wenn erst viele recht tüchtig gegen sie vorgingen. Die Wahrhaft Schwachen hätten ja noch zu ganz andern Sachen Beziehung; sie werde schon noch hören, für die Bündler sei alles nur eine Kleinigkeit, zweifellos Werwölfe seien eine Kleinigkeit. Zum Beispiel Wang-lun —. Er trat ihr auf den Fuß und bat sie weg zu gehen, weil er Platz brauche.
Die Frau, hoch befriedigt, hörte zu. Ihr gefiel besonders, daß offenbar jeder einzelne, Mann oder Frau, ohne Vermittlung eines kostspieligen Wu das Nötige bewirken könne.
Die Nichte kükelte steifbeinig, mit scheinheiligen Äuglein hinter der Schmiedfrau, ratschlagte, wann sie fortlaufen sollte. Wenn sie nur nicht zu Hause saftige Schläge erwartet hätten. Vielleicht verjagte oder verkaufte man sie. Chu sah sie im Vorübergehen mit ihren tränenschwitzenden Augen, einen Schleier vor dem flennbereiten Mund. Er lachte über dies wuschlige widerspenstige Mitglied. Sie vertraute sich ihm an, um ihn auszuhorchen. Er gab ihr Bescheid, daß sie keiner holen würde. Sie ging mit drei Männern schmunzelnd fort, die er beauftragt hatte.
Nonnen, Pilgerinnen, Bettlerinnen, Verunglückte jeder Art nahm der Bund in großer Zahl auf. Um die Zeit, als Wang-lun den Westfuß des Tai-ngan umging, die Binsenruten auf den Winteräckern geschnitten wurden und der erste Regen fiel, wälzte sich der Strom der Wahrhaft Schwachen in mehreren Betten durch die westliche und südliche Ebene von Tschi-li.
Aber weder die Aufnahme der Frauen, noch die Zersplitterung wurde von so großer Bedeutung für das Schicksal der Wahrhaft Schwachen, wie die Veränderung, die Ma-noh erlitt. Dieser ehemalige Fopriester von der Insel Pu-to-schan, Sonderling und Krähenfreund auf Nan-ku, hob sich draußen mit einer fürstlichen leidenschaftsvollen Gebärde auf, begrub unter dem Wallen und Stampfen seines entfesselten Stolzes einen großen Haufen der Wahrhaft Schwachen und sich selbst in der nördlichen Ebene von Tschi-li.
In Pa-ta-ling hielt Ma-noh nur gefesselt, was in Wang vorging. Ein Gefühl aus mütterlicher Angst, Ehrfurcht, Entzücken füllte den kleinen hageren Mann. Als Wang seufzte am Morgen und allein fortzog, blieb Ma-noh in völliger Ratlosigkeit. Er saß in der kahlen Gerätekammer, betrachtete seine aufgetriebenen Fingergelenke, die Buddhas, die er vom Karren hereingetragen hatte, die armgroße Kuan-yin mit den tausend Gliedern aus Bergkristall, die auf dem Fensterbrett stand. Strolche, Diebe und Mörder waren seine Gesellschaft; es hieß wandern, wandern. Vielleicht sah man ab und zu eine Zibetkatze, gleich der fetten alten, die jeden Abend mit der gepolsterten Schnauze gegen seine Tür stieß und wie ein Sperling piepste; sie lief jetzt wohl in seiner Hütte herum, schnüffelte, oder es nistete ein Strolch drinnen, pelzte dem verdutzten Getier Steine auf. Krähen gab es überall, man wird andere Krähen sehen. Was sollte er unter den Wegelagerern? Wang war nicht mehr da. Es hieß wandern, nicht widerstreben, wahrhaft: nicht widerstreben. Das Wort hatte keinen Sinn ohne Wang. Hohl blaffte die Lehre Wangs: „Was nützt alles Toben und Ankämpfen, wenn das Schicksal seinen Gang geht? Was nützt alle Anspannung, wenn das Schicksal mit Glück, Erfolg, Krankheit, Übersättigung nichts als ersticken kann?“ Das war ein sonderbarer Feiertagsstaat für Bettler!