Abends schlief der Mann nur wenige Stunden. Er suchte nachts einen Schatten von sich, der Hai-ling-tai hieß und nur in dickster Finsternis unter besonderen Vorkehrungen sichtbar wurde.
Der Dämmerungsmensch ging auf den Zehen um die verbrannte Barke zwischen den Stauden, bog sachte Halm um Halm beiseite, kauerte mit angespannter Aufmerksamkeit hin. Ab und zu nickte ein breiter Halm, dann griff er ihn beim Fuß, betastete ihn mißtrauisch, lauerte. Als die Nacht vorrückte hörte er unmittelbar hinter sich ein Rufen: „Dämmerungsmensch, Dämmerungsmensch!“ Er blieb angewurzelt stehen, tastete nach seinem Zopfschwert. Nach einem Schweigen murrte es wieder: „Dämmerungsmensch!“ Er erhob sich, steppte, den Kopf zwischen die Schultern eingezogen, dem Ruf nach; Hai-ling-tai wollte mit ihm unterhandeln.
Glitt auf einen schmalen Gang zwischen zwei Hüttenreihen. Da blinkte auf einem Stocke eine unbedeckte Laterne; ein kleiner Mann stand auf dem Gang, rief: „Dämmerungsmensch“. Es war Ma-noh, gegen den der alte Wahrsager anlief. Ma-noh flüsterte, er möchte diese Nacht vor seiner Hütte wachen. Sobald der Morgen anbräche, möchte er hereinkommen; der Dämmerungsmensch sollte einen kleinen Auftrag für Ma-noh ausführen.
Während draußen das Umsichspähen, Schlagen durch die Luft wieder anfing, vollzog sich drin das Ereignis, das das Schicksal der Schlafenden auf den beiden Hügeln und dem Tale entschied.
Als der Dämmerungsmensch einen grauen Schimmer am Himmel entdeckte, marschierte er steif in die Hütte, wo Ma-noh auf einem Strohsack lag und sich aufrichtete. Er umarmte den Alten und hielt sich an seiner Brust fest. Der lächelte drohend über dem gebückten Schädel, schwang abschreckend sein Schwert nach den acht Himmelsrichtungen. Der kleine Priester brummte: „Dämmerungsmensch, du wirst deinen Bruder erfreuen. Geh in alle Hütten und Zelte der Männer, weck sie einzeln. Ma-noh läßt sie bitten, auf dem freien Platz, wo wir den vollendeten Buddha feierten, sich zu versammeln. Sie möchten gleich kommen. Noch bevor die Sonne aufgeht, läßt sie der arme Bruder bitten.“
Von dem Hügel krochen sie herunter. Gewimmel von Laternen zwischen kohlschwarzen Stämmen. Klappern, halblautes Sprechen, Gähnen, lahme Knochen, Drängen, Trappeln. Als sie auf dem freien Platz im Tal standen, schlug und krachte es hölzern; die Reste der Barke stürzten, von den schiebenden Menschen angerührt. Der halbverkohlte Mast sauste seitwärts, die Splitter flogen, rissen Löcher in Laternen. Die Männer stapelten die Bretter, hockten herum, warteten.
Ma-noh kam im zerrissenen bunten Mantel. Hinter ihm stolzierte der feierliche Dämmerungsmensch; er schwenkte auf dem Arm Ma-nohs Priestermantel, Schärpe und Mütze. Als man Ma einen erhöhten Platz auf dem Bretterstapel einräumte, legte sein Begleiter die Kleider neben ihn, nachdem er in die acht Himmelsrichtungen mit dem Zeigefinger gestochen hatte. Gequollen und rot waren Mas Augen; sein farbloses Gesicht gedunsen vom Weinen; auf Händen und Unterarmen blutige Kratzstriemen.
Die vielen Männer und ihr Führer, der unüberwindliche Zauberer, saßen sich stumm gegenüber, Mauer gegen Mauer. Die Nächstsitzenden blickten auf Ma-nohs Schärpe. Ihre Unruhe übertrug sich auf die Entfernteren. Man weckte ihn, rief ihn an. Er solle sprechen.
Er stand auf, drehte die Priestermütze in den Händen. Er erzählte stockend, daß er auf dem Nan-kupaß jahrelang den goldenen Buddhas vergeblich gedient hätte. Der Mann aus Han-kung-tsun kam da, er lebte nun richtig. Aber Wang-lun sei jetzt monatelang weg, er käme nicht zurück, er käme nicht zurück und wenn Wang-lun jetzt zurückkäme, so käme er zu spät. Dies wolle er ihnen sagen.
Ma-noh fiel in sich zurück. Wenn er die Lider raffte, blickte er erschöpft, aus übergroßen einschlafenden Augenkreisen. Seine Stimme klang völlig verändert, weich, nahe, wie die eines Wohlbekannten.