„Ich will fort. Ich bin an das Rad des Daseins geflochten. Es will mich schleppen durch alle unreinen Tiere und Kräuter. Ich widerstrebe nicht, nein, ich widerstrebe nicht, nicht mehr. Ich habe widerstrebt dem Schicksal bis zu diesem Augenblick, wo ich den Dämmerungsmenschen im Mikanthus nach dem Hai-ling-tai suchen hörte. Meinen Schatten hat man mir gestohlen. Ich war nicht so schlau wie der Dämmerungsmensch. Ich habe kein so gutes Schwert wie er. Ich habe keinen Koffer wie er. Ich bin nicht so wachsam wie er. Mein Schatten ist nicht der König der linken Seite, ich habe auch den Hai-ling-tai verloren, und den Lu-fu und den Soh-kwan und den Tsao-yao. Wer alle Schatten verloren hat, muß sie suchen oder muß sterben. Verzeiht mir, Brüder, daß ich nicht mehr widerstreben kann, daß ich mein Schicksal über mich ergehen lasse. Nicht mit Stillschweigen, denn das kann ich nicht, sondern mit Greinen, Heulen, Zerfleischen meines Lebens. Ich muß in das Licht gehen, das mich beleuchtet. Verzeiht mir, Brüder.“

Die Männer saßen dumpf da. Ma schlug mit Keulen auf sie. Die Köpfe der meisten senkten sich, sie hielten den Atem an.

„Ich habe euch rufen lassen, bevor es hell wird, denn ich will mit mir noch an diesem Tag der Vollendung des herrlichen Cakyasohnes fertig werden. Nicht vollenden will ich mich, nur beenden. Euer armer Bruder glaubt nicht mehr an eine Vollendung für sich. Er hat der hundertarmigen Frau keinen Zettel mit seinem Namen in die Barke geworfen, denn er weiß schon lange, daß sie ihn nicht mitnimmt. Seht mich, einen Menschen, der seufzt und stöhnt, und so in — die Freiheit geht.“

Er verzog seinen geschwollenen Mund, so daß er zu lächeln schien. Er bückte sich, suchte mit den Händen auf den Brettern, zog seine gelbe Kutte empor, wiegte sie über den Armen. Ma-noh war besessen von Schmerz. „Ich wäre glücklich, wenn ich Wang-lun nicht gesehen hätte. O hätte ich Wang-lun nicht gesehen, meine gelbe seidene Blüte! In meiner Hütte auf Nan-ku hab ich mich angespieen, hier muß ich meine Eingeweide zerreißen.“

Nahm einem Manne neben sich die Laterne aus der Hand, leuchtete vor sich, über sich, streckte sich vor, horchte über die schwarze lautlose Masse hin. Kraniche flogen vom Sumpf herüber. Dann schwang er mit beiden Armen die Kutte wie ein Banner herum und rauschte: „Wißt ihr, wohin er geht, Ma-noh, der Priester der Kuan-yin auf Pu-to-schan, der Freund des Wu-wei, der Lehrer der kostbaren Regeln? Wohin er stürzt? Ich sage es euch gern, was ich schon seit Wochen gewußt habe, als mich Wang-lun hat gehen lassen mit euch. Als er mir den Kessel und die Bohnen gab und nicht mehr Zeit fand zu sagen, wie ich kochen sollte. Er hat mich verlassen. Er darf nicht böse Geister auf mich hetzen, wenn ich ihn verlasse. Yen-lo-wang, der Fürst der Unterwelt, weiß, wie bitter mir schmeckt Wang zu verlassen. Wißt ihr, in welche Freiheit Ma-noh geht? Dämmerungsmensch, weißt du es nicht? Sui, Twan, Chang, keiner von euch?“

Jetzt lachte er hitzig, leicht wie eine Seifenblase platzend, trällernd mit dem weichen Tonfall, den er an diesem Tage zum erstenmal fand: „Ich gehe — — zu einer Frau auf dem andern Hügel, die mich vielleicht schon erwartet, liebe Brüder. Nun wißt ihr’s. Und nun ist alles aus.“

Ein Schluchzen und Brüllen von der furchtbaren Art des Weinens älterer Menschen klang eruptiv aus der dunklen Masse. Niemand regte sich, hob den Kopf. Der kleine Priester tappte die Bretter herunter. An der vorderen Reihe der Hockenden ging er vorüber, keiner sah ihn an. Am hinteren Ende der Barke, wo das umgebrochene Steuer lag, zupfte ihn einer am Mantel. Ma blieb stehen. Aus dem Dunkel wackelte ein riesiger Mensch auf, sagte herunter mit harter Stimme: „Bruder, du mußt an den nächsten Ast.“

Ma riß verächtlich seinen Rock los. Zehn Hände griffen nach dem Riesen, der mit kalter Stimme dröhnte: „Er will uns verraten. Keine Regel hat hier Geltung. Er muß an den nächsten Baum, Brüder.“

Zwei Männer verstellten ihm den Weg, kaltblütige Bauern, die eine Woche bei der Truppe waren. Sie schleuderten seine Hand ab: „Du bist kein Richter. Wir sind Brüder zueinander. Wenn du Ma angreifst, werden wir dir die Hände abschlagen.“

Indem sie der Riese noch fixierte, packten sie ihn bei den Beinen, kenterten ihn auf die Erde, stemmten ihn nieder. Er heulte, klammerte sich an die Hosen der Bauern. Fackeln, Holzstücke flogen von hinten über sie. Man drängte sich um die Ringenden, sperrte sie auseinander. Sie keuchten.