Sie war aus Schen-si gebürtig, klein, flink, geschwätzig. Man konnte sie für einen Pudel halten oder für ein Kaninchen. Sie log gern und viel, auf eine gewisse dumme Weise, wie es ihr gerade einfiel. Sie war mit der anderen als Haussklavin auf dem Landsitz einer Familie bei Kwan-ping tätig gewesen, floh, als im Zimmer ihrer Herrin durch ihre Unvorsicht Feuer ausbrach, wagte nicht zurückzukehren, ließ sich vergnügt von drei bettelnden Schwestern zum Lager der Gebrochenen Melonen führen. Sie war faul, sagte ja zu allem, ließ sich nicht belehren.
Die andere, nicht größer als sie, aber voller, mit einer längeren Nase, viel feiner als die Jüngere, log nicht weniger, mehr in einer großsprecherischen prahlerischen Art. Sie neigte leicht zur Sentimentalität und zur Eigenbeweihräucherung. Von Zeit zu Zeit litt sie unter eigentümlichen Verstimmungen Monate hindurch, trug sich mit abenteuerlichen Vorstellungen und mit Selbstmordgedanken, schon von ihrem zwölften Lebensjahr an. Später nahm sie, als hätte sie etwas Großartiges erlebt, gern eine Märtyrermiene an, gestand aber leicht, wenn man auf sie eindrang, daß sie ohne Heimat, ohne Eltern und Sippe sich sehr quäle unter der Leere und Aussichtslosigkeit ihrer Existenz. Sie hielt sich für etwas Besonderes, hing innig, ja leidenschaftlich mit ihren Freundinnen zusammen, vertrug sich nur auf Wochen, galt als klug, schön und zänkisch. Wäre sie nicht in das Haus ihres ehrenwerten Herrn, sondern eines geschäftskundigen Mannes gekommen, so wäre sie längst an eine Theatertruppe verkauft, wo sie sich am glücklichsten entwickelt hätte.
Wang fuhr in seine Hosen und Sandalen. Die Mädchen wollten ihm helfen. Sie arbeiteten plappernd an ihm herum. Die Jüngere bot sich ihm in Erregung an, indem sie zwischen allerhand Gefrage erzählte, daß sie über fünfzehn Jahre alt wäre und froh sei, auf einen so furchtbaren Dämonenbezwinger gestoßen zu sein. Ach, sie wollte so gerne Blumen mit ihm pflücken. Wang meinte, er wolle darüber nachdenken, stieß, als sie ihn umsprangen, eine nach der andern hin. Der Jüngeren platzte am Hals und unter den Achseln der Kittel. Sie zeigte Wang erfreut und verschämt die armseligen Rundungen ihrer Brust. Die Sentimentale stand schmollend, da die Kleine sie immer mit der Schulter anwippte, sie weggehen hieß, ihr von rückwärts über die Nase patschte.
Als nun Wang die Kleine bei den Schultern ergriff, sie über den Moosboden herumwirbelte, das Mädchen schwindlig wurde und losgelassen hinschießend sich ihre zu straffe Hose aufschlitzte, schimpfte die Sentimentale; das hätte sie nicht in dem Hause ihres ehrenwerten alten Herrn gelernt. Wang nahm auch sie bei den Schultern. Sie riß sich aber los, sagte mit niedergeschlagenen funkelnden Augen, sie wolle einen Vorschlag machen. Sie wolle mit der Kleinen ringen oder Steine heben oder was die Kleine meine. Sie wollten sich messen. Der Mann hetzte sie aufeinander, dann setzte er sich in das Stroh. Sie mußten neben ihn kauern, er begütigte sie, liebkoste ihre glühenden Gesichter, die sich noch immer verbittert voneinander abwandten.
Er erzählte ihnen unter Getändel Geschichten, die er noch in Tsi-nan-fu gehört hatte.
Die ofenschwarzen Massen der Nacht lockerten sich. Ein graues dünnes Gas fugte sie auseinander und verteilte, verflüchtigte sie in große Räume. Der Katalpawald, abgedeckt, trat wie ein Bock hervor mit gesenkten Hörnern.
Wang legte den blauen Kittel an, hing sein Schwert um den Hals. Sie sollten laufen, ihre Almosenschalen und was sie sonst hätten, holen; sie müßten zusammen aufbrechen. Als er neben ihnen marschierte, langsam und mit Schonung des Knies, sagte er ihnen nicht, warum er so heimlich aufbräche und wohin sie gingen.
Er wanderte drei Wochen durch das mittlere Tschi-li, schickte Boten in viele größere Ortschaften und Städte, die schon von Schan-tung her benachrichtigt waren, daß die Wu-wei unter Wang-lun aus Hun-kang-tsun zu den Vaterlandsfreunden der Weißen Wasserlilie gehörten und auf jede erdenkliche geheime Weise zu unterstützen seien. Wangs Boten liefen als Feigenverkäufer; in ihrer schmalen langen Kiste lag zwischen einer Schicht von Feigen das Erbschwert Chen-yao-fens, der Gelbe Springer mit einem Brief Wangs in der verabredeten Schreibweise der Weißen Wasserlilie, in der je nach einem mündlich zu übermittelnden Zeichen nur der dritte und dann der siebente Charakter gelesen wurde; von einem bestimmten Zeichen an jeder zweite und dann der vierte. Die Geheimhilfe der Weißen Wasserlilie wurde in kurzer Zeit mobil gemacht; es herrschte unbedingtes Vertrauen auf das Komitee in Schan-tung.
Zugleich änderte Wang-lun seine Anordnungen für die Lebensweise der Brüder und Schwestern; er duldete und wünschte in ärmeren Gegenden die vollkommene Auflösung und Zerstreuung der Brüder und Schwestern in Ansiedelungen, Dörfer, Städte. Wang gab darin dem Wunsche zweier Mitglieder des Pelien-kao nach, die ihm antworteten, sie billigten nicht den strengen Abschluß der Wahrhaft Schwachen, ihr eulenhaftes Wesen; es sei nötig, daß man sich nicht nur brieflich verbünde; unter der Süßigkeit der Feigen liege doch kein Schwert. Aber Wang gab zugleich den Angesehenen aller Haufen heimliche Weisung, die Brüder und Schwestern vor ihrem Eintritt in menschliche Siedelungen zu warnen, sich den Brüdern der Weißen Wasserlilie gleichzustellen. Vaterlandsfreunde seien alle, aber die Wu-wei nur friedlich und leidend, die echtesten Kinder ihres armen Volkes, das niemand wahrhaft in Krieg verwickeln könne, weil es wie das Wasser immer flösse und die Form jedes Gefäßes annehme.
Nachdem Wang-lun im mittleren Tschi-li solchermaßen für die Sicherheit der Brüder und Schwestern gewirkt hatte, wäre er frei von Tätigkeit gewesen und hätte sich seiner eigenen Vorbereitung für die große himmlische Reise widmen können. Aber ein Pferd mit einem Pfeil im Schenkel kann nicht grasen, und ein Wind, der gegen den Bannerpfahl rennt, schweigt nicht. Es gab Abende für Wang in diesem Sommer, wo er in einer verlässigen Teestube sitzend, auf dem Wege durch einen Wald, von dem Gedanken an Ma-noh überfallen wurde und von diesem Gedanken niedergekrampft wurde. Eines Tages überwand er sich und schickte einen Boten, einen raschen jungen Mann mit einem Brief an Ma-noh, in dem er ihn bat, ihre Begegnung zu vergessen und ihm die Seelen wieder herauszugeben, die jetzt berauscht wären, und selbst mit ihnen zu ihm zu kommen. Nicht einmal der Bote kehrte wieder.