Die beiden Liu waren bei allem Fanatismus tatsachengeschulte Köpfe. Sie hatten unter sich oft die Frage ihres Bundes diskutiert. Für sie stand im Vordergrund: der Bund dehnt sich aus, er wird von wahrhaft ernsten Gedanken getragen, man muß ihm Zeit zur völligen Reife lassen; aber sobald es Winter wurde, in ein paar Monaten, mußte es zu Ende sein mit der Gebrochenen Melone. Sie hatten von Ma-noh einmal die entsetzliche Geschichte der Bergläufer von Nan-ku bei einem verschwiegenen Spaziergang gehört; sie zweifelten beide nicht daran, daß das Winterschicksal der Gebrochenen Melone an Grausigkeit nicht zurückstehen würde.

Was sie eigentlich genauer und präzis beschrieben mit der „völligen Reife des Bundes“ meinten, wußten sie so wenig wie die meisten anderen, die ähnliche Wendungen gebrauchten. Es war eine zu intensive Suggestividee, die jeder Zergliederung spottete, die bei der Berührung Schrecken einflößte. Die Idee ruhte im Hintergrunde, man konnte sich auf sie verlassen, man vernachlässigte sie, man lebte den vorgeschriebenen Regeln nach und war gewiß, daß automatisch zu einer gewissen Zeit die Dinge, welche die Idee verhieß, sich erfüllen würden.

Beide stimmten ohne weiteres Juen bei, daß man das Kloster behalten müsse. Nur das Dreierlein fing zu nörgeln an. Ob wirklich die Regierung nicht angreifen würde, und dann sei der Platz für die Dauer zu klein, und woher für immer die Nahrung.

Zu ihren Debatten zogen sie einen sehr phantastischen professionellen Geschichtenerzähler namens Cha hinzu, der immer mit nacktem Oberkörper ging, um möglichst viel von dem wirksamen Prinzip der Sonne, dem Yang, in sich aufzunehmen. Ein gutmütiger Kauz mit schönen lebendigen und jungen Augen, ein Mann, dem alle vertrauten, die mit ihm in Berührung kamen.

Ferner nahm Teil an den Unterhaltungen ein großer ernster Mensch, der vielleicht in der Mitte der vierziger Jahre stand, Namen und Herkunft nicht angab. Ma-noh wußte allein sein Schicksal. Er war hager, trug einen ungepflegt hängenden Kinn- und Schnurbart, war von einer außerordentlichen Güte und Höflichkeit gegen jedermann, dabei von einer ebenso großen Scheu und Passivität. Vielleicht war niemand unter den Bündlern so korrekt in den Gebeten und in der Wachsamkeit über seine Gedanken, so behutsam in der Beachtung der Regel, nichts, weder Pflanze, noch Tier, noch Mensch unnötig zu verletzen. Man nannte ihn die „Gelbe Glocke“, weil er fast beständig in einer bestimmten Tonlage sprach, die dem Grundton Gung des ersten Tonleiterrohrs entsprach, und dieses Rohr hieß Huang-dschung oder die Gelbe Glocke. Die Gelbe Glocke war, das wußte man allgemein, der vertraute Freund der schönen Liang-li, die ihr herrisches, leichtaufbrausendes Wesen in seiner Gegenwart wunderbar beruhigte. Man zog diesen unbekannten Menschen auch darum viel zu wichtigen Besprechungen zu, weil man Frauen zwar nie an Beratungen teilnehmen ließ, aber Liang gern mittelbar hören wollte.

Der alte Cha äußerte sich negativ. Dieser Märchenerzähler wußte aufs schärfste Märchen und Wirklichkeit zu trennen. Er stimmte den Gründen des kleineren Liu bei und zwar mit strenger Bestimmtheit, machte Juen Vorwürfe, wie er auf so niedrige Gedanken kommen könne, das Kloster den frommen Mönchen mit Hinterlist abzunehmen. Er eiferte sich in eine große Erregung mehrere Male hinein. Bei diesen Erregungen verlor er den realen Boden, watete in Wut, kämpfte gegen kolossale Größen, gegen Mammuts der Phantasie, die gar nicht in Frage kamen. Endete so, daß er nur an seiner drohenden Kopfhaltung und dem schmetternden Tönen seiner Stimme erkannte, daß er sich gegen etwas gewandt hatte; wartete eine Entgegnung ab.

Die Gelbe Glocke säuselte monoton; er wich aus, um nicht zu widersprechen. Beschäftigte sich damit, den alten Cha erschreckt anzusehen und ihm einige verbindliche Redensarten zu machen über die Stärke seiner Vorstellungskraft und seine Gesinnung. Nach seiner Meinung gefragt dankte er für die Güte, ihn für urteilsfähig zu halten. Er fühle sich diesen wichtigen Entscheidungen nicht gewachsen, vertraue dem Beschluß der andern völlig und unbedingt. Schließlich rückte er mit seiner eigenen Ansicht heraus, von der er aber ausdrücklich bemerkte, daß sie nur die Richtschnur für sein privates Dasein abgebe und daß er nie und um alles in der Welt nicht wolle, daß andere sie für eine wirkliche Meinung ansehen. Und schließlich äußere er sie nur, weil die Herren es wünschten und er die Herren nicht verletzen wolle.

Er könne sich nur der Ansicht des weltkundigen Herrn Cha anschließen. Ja wenn er es recht erwäge, könne und müsse er noch weitergehen, wenigstens was ihn anlange. Man müsse sehen, wie man dem Winter und dem Hunger in der alten Weise widerstünde. Wenn es aber sehr schlimm ginge, so müsse man sterben, denn das sei das Schicksal. Und sie würden ja auch sterben, denn sie begehrten alle nur nach dem Tao und nicht nach dem Leben. Wenn sie den Frühling erlebten, so sei dies etwas Wunderbares und kaum Glaubliches. Schließlich wüßte er nicht einmal, ob man dafür danken solle, denn jeder Tag früher am Ziel sei wahrscheinlich verdienstlicher als jeder Tag später. Doch dies alles wüßten ja die alten Männer besser als er, und er verletze sie nur durch den Vortrag gedankenloser Banalitäten.

Damit hatte die Gelbe Glocke getönt. Der große stille Mensch sah beschämt auf den Boden, die Äußerung bereitete ihm Pein.

Ma-noh hockte eines Morgens mit den vier Männern auf einem inneren Hof, der weit nach hinten gelegen steil anstieg und zu den Gräbern der Mönche führte. Dicht wucherte hier das Gras zwischen den Steinen, der Hof war mit alten Ulmen bepflanzt. In ihrem Schatten saßen die Männer, auch die schöne Liang saß hier, in einem gelben durchlöcherten und geflickten Kittel. Ihr hartgeschnittenes Gesicht war magerer geworden, die früher energischen Bewegungen hatten eine gewisse sanfte Rundung angenommen, ihre schmalen Augen warfen das alte schwarze Feuer.