Nung drehte ihr langsam sein ovales Gesicht zu, das unter dem Schmerz alle Ebenmäßigkeit verlor; das, was geschehen sollte, wenn man ihn entdeckte, wisse er nicht; er wolle nicht gegen die kostbaren Regeln verstoßen, denn das wäre eine Sünde gegen seinen Vater; aber er wisse sich nicht zu helfen. Der ekelhafte Selbstmorddämon mit den weiten Hosen hätte ihn schon angefallen, diese Nacht und drei Abende zuvor. „Was soll man tun, liebe Schwester? Was soll dieser Bruder Nung tun gegen sich?“ Nun saßen sie still und ohne Überlegung in dem üblen Rauch; seine rußigen Hände griffen in ihre schwarzen, kunstvollen Haarwindungen.

Die junge Frau, obwohl um sich selbst besorgt, folgte ihm, wie er verlangte. Sie zog mit ihm in eine Wohnung zu dem Kohlenbrenner, der Nung beschäftigte. Der baumstarke, duldsame Mann warnte die jungen Leute, die ihm aber auswichen.

Inzwischen war das Jahr weit vorgerückt; die Bewohner der Insel rüsteten sich zum Ching-ming-Fest, dem Allerseelentag. Überall im Freien errichtete man Schaukeln, an denen bunte Schnüre wehten. Das welke Laub der Roßkastanien flatterte herum. Man häufte frische Erde auf die Gräber. Das übliche leckere Schmausen fing an. Auf allen Wegen gingen die Frauen mit Weidenkätzchen hinter den Ohren, um nicht als gelbe Hunde wiedergeboren zu werden. Die Männer stolzierten in den Alleen, saßen in den Teeschänken bei Würfel- und Dominospielen mit golddurchwirkten Jacken und Gürteln.

In der Nähe der Tempel für die Stadtgottheit lagen die Begräbnisstätten für die Dirnen; die Frauen der Gebrochenen Melone ließen dorthin nach der Stadt auch ihre Toten bringen in einem großen Stolz und Mitleid. Als sie nun — denn Ma-noh duldete das Beibehalten aller volkstümlichen Sitten — am Ching-ming-Feste morgens in Scharen auf den Friedhof strömten, begegneten der verliebten jungen Frau, die Nungs Freundin war, andere Schwestern am Eingang zum Dirnenbegräbnis, verwehrten ihr den Eintritt. Es fiel kein Schmähwort; die Schwestern bedeuteten ihr nur, daß sie sie nicht mehr zu sich rechnen könnten, seitdem sie wie eine Ehefrau mit Nung zusammenwohne.

Die Schwester lief in Scham nach Hause, erzählte Nung, dem die Knie zu zittern begannen, daß ihr Geist, wenn sie stürbe, keine Ruhestätte bei den andern Schwestern finde, weinte, daß sie aus dem Ring ausgestoßen sei, daß sie nicht mehr so leben könne und sie müßte zu den Schwestern zurück. Der Wirt, der lange gebeugte Kohlenbrenner, hörte ihr zu und brummte: „Das wird wohl so sein müssen.“

Nung von ihr allein gelassen, wirtschaftete ohne Bewußtsein tagelang zwischen seinen Kohlen und im Garten herum. Nachts warf er sich in Kleidern auf die Erde, sein Gesicht wusch er nicht, seine Eßschalen ließ er stehen. Er ging eines Morgens an die Mauer des Dirnenfriedhofs und wartete auf die junge Frau. Als sie am regnerischen Abend mit einem Bruder zusammen vorüberkam, — sie atmete schon wieder auf, weil sie sich nicht in grenzenloses Elend gestürzt hatte — fiel Nung sie an, stieß den Bruder vor die Brust, zerrte die Kreischende an den Zöpfen hinter sich her. Dorfleute rannten herzu, rissen die Schwester los, verprügelten den Mann.

Nung, ganz auf der falschen Bahn, rollte nun glatt weiter. Die kostbare Regel, die den Besitz einer Frau verbot, fiel noch manchem im Bunde schwer. Offen am Tage nach dem vergeblichen Angriff unter seinen vielen Freunden darüber redend, verstand er es, sie mit sich eines Sinnes zu machen. Arbeitskameraden aus dem Dorf gesellten sich hinzu. Man schickte, hinter einer Weidenpflanzung lagernd, einen Boten an Ma-noh, Abweichungen von der kostbaren Regel zu gestatten. Die drei Gesetzeskönige ließen den Boten ins Gefängnis werfen.

Verbohrt, die junge Frau zu besitzen, die in die Hauptstadt zu Ma-noh geflüchtet war, sammelte Nung in vier Tagen Anhänger aus Dörflern, denen er den König als unduldsam und gewalttätig schilderte, und aus Brüdern, die nicht besser waren als er. Sie rotteten sich morgens auf den Straßen der Hauptstadt zusammen, um Ma-noh zu ihren Forderungen zu zwingen. Aber der Priesterkönig und sein Beirat warnten Nung und hießen die Männer die Stadt verlassen und um sich sorgen.

Da drang der junge Nung, schmutzig, barfüßig, in zerrissenen Kleidern in das Jamen ein, das als Königspalast diente. An der Schwelle der offenen Tür stehend, während sein aufgelöster Zopf ihm von rückwärts über den Schädel wehte, rief er in den dunklen Saal hinein, in dem Ma mit den drei Gesetzeskönigen an der Wand saß, ob man die Wünsche bewillige oder er den Bogen spannen solle. Auf das Schweigen trieb er das erstemal einen Pfeil dicht über Mas Kopf in die Holzwand, beim zweitenmal durchbohrte er einem Gesetzeskönig den Arm, dann wurde er selbst von hinten in die Schulter getroffen. Der Pfeil zitterte im Fleisch, Nung brüllte. Die Bürger hatten auf den Straßen den größten Teil von Nungs lärmenden Anhängern vertrieben, das Jamen umstellt, ihn selbst mit einigen andern im Hofe eingeschlossen. Der um sich beißende Nung wurde in den Holzkragen gelegt, im Stadtgefängnis eingesperrt. Die Gesetzeskönige verurteilten ihn, als Ma teilnahmslos die Sache von sich abwies, zur Todesstrafe mit Zerstückelung.

Nung wußte, daß sein Geist verloren war. Er gebärdete sich als ein der Unterwelt zustrebender Dämon, schmähte Brüder und Schwestern, die ihm auf dem Wege zum Richtplatz vor der Stadt begegneten, lachte über seinen Vater, für den er sich geopfert hätte und höhnte auf der Totenstätte den heiligen Bund so, daß der Henker nicht die Strafe des verlängerten Todes üben konnte, sondern auf Drängen der empörten Zuschauer den Ruchlosen erdrosselte.