Die schwere Bestrafung und Vertreibung der beteiligten Brüder und ihrer Helfer folgte. Dieser Aufruhr und seine häßlichen tobenden Begleiterscheinungen brachen über die Gebrochene Melone wie ein schweres Unglück herein. Es kam manchen Bündlern vor, als sei ihnen verhängt, sich nach dem erduldeten Leiden noch selbst zu zerfleischen. Viele schlichen entmutigt herum, dachten an verzweifelte Flucht in die alte Umgebung draußen, waren sinnlos lebensüberdrüssig. Andere hielten den Aufruhr für einen Reinigungsvorgang, der einer jungen Sache nicht erspart bliebe, trösteten sich und die andern, versuchten heller zu blicken.

Man erlebte auf den Märkten der Dörfer und der Hauptstadt rührende Szenen. Es wiederholte sich auf dem Hof des Königsjamens dieser Vorgang: ein zweirädriger Karren fuhr vor, eine Dame stieg mühsam aus, trippelte an das Gong neben der Treppe und warf sich zu Boden. Vor Ma oder einen der Gesetzeskönige kniete sie, klagte sich an, beschuldigte Heimat und Sippe, und dann legte sie unter Verwünschungen vor allen Zuschauern einen Schmuck nach dem andern auf die Stufen, Spangen, Ketten, Ringe, Federn, zog die bemalten Seidengewänder ab, riß die Unterkleider in lange Stücke, ließ sich die Haarwindungen lösen von den Schwestern, die sie umarmten.

Wenn Ma solchen Szenen beiwohnte, bedeckte er seine Augen mit der linken Hand. Bisweilen wenn draußen das Gong brummte, stürzte er hinaus, ehe ihn ein Bote gerufen hatte, und suchte auf dem Hof unter den inbrünstigen Menschen. Er suchte Wang-lun und die Gelbe Glocke.

Als ein Monat nach der Errichtung des Königtums verstrichen war, veranstaltete man in der Hauptstadt ein Fest. Dieses Fest ist vielfach beschrieben worden; es wurden Gedichte darüber gemacht, auch Khien-lung nahm in einigen späteren Versen Bezug darauf. Es liegen fast nur phantastische Entstellungen des Vorgangs vor.

Die Arbeit, bis auf den Kriegsdienst an der Grenze, ruhte sechs Doppelstunden. Auf den Straßen der Hauptstadt bliesen morgens die Posaunen. Es waren tiefe grauenvolle erschütternde Töne, jedes musikalischen Klanges bar, drängende Schreie geängstigter Schatten, Hilferufe von Verstorbenen an Lebende, mit einer zunehmenden Wucht vorgetragen, daß es schien, als würde sich das Rufende in jedem Augenblick verkörpern und feucht den Vorüberlaufenden um die Schultern hängen. Die Töne kamen näher, gingen ferner, stiegen aus allen Orten auf, es schien als ob die Stadt von ihnen umstellt sei.

Aus den Seitengassen schlichen sonderbar vermummte Wesen an. Sie tauchten mit einmal, aus dem Boden gewachsen, mitten unter den geputzten Spaziergängern auf, huschten an den Häusern entlang, kauzten vor den Sänften nieder, stumm den Durchgang verwehrend. Es gab plötzlich ein Gelächter, wenn die affenartigen braunen und schwarzen Geschöpfe ernsten Männern auf die Schultern sprangen, die dürren Beine ihnen vor der Brust kreuzten, und mit einem lauten Blöken befriedigt nach einem niedrigen Dachfirst griffen und sich schaukelten.

Auf der großen Straße, welche die Gelbbalkenstraße hieß, promenierten die Bürger. Brüder und Schwestern nahmen die Mitte des leeren Marktplatzes ein und fingen ein sanftes Musizieren an. Das feine kreischende Geräusch der Juchkinsaiten klang mit einer hypnotisierenden Süßigkeit und Monotonie in der Herbstluft; das Suan-kin, die achteckige Gitarre, fiel ein; ein Zirpen, dann gleichmäßig abgerissene Akkorde, die wie dünne Goldspangen eine Kette schlossen, wie lose Reiskörner auf den weichen Boden flatterten.

Während die Schwestern vielstimmig an- und abschwellend dazu sangen, verwandelten sich ernste Spaziergänger, die grüßend aus Sänften stiegen, in spielerische blaue und rote Löwenhunde, liefen vierbeinig die andern an, balgten sich auf den Fahrdämmen und jaulten komisch zu der festlichen Musik. Irgendwo standen eben noch zwei zusammen und unterhielten sich höflich, lehnten Schulter an Schulter vor einem Laden; da sank einer plötzlich zusammen, überzog sich mit einer Schildkrötenschale und watschelte davon. Unbeirrt klang die Musik. Die Bambusflöten bliesen; im Liede heißt es: „Die Töne zogen sich gedehnt, schmiegsam wie Seidenfäden.“

Auf den Straßen quirlten umeinander Jongleure, Athleten, Zauberkünstler, groteske Masken. Klappern, Knarren, näselnde Hörner. Ein zopfloser hagerer Mann, ganz weiß geschminkt, in einem langen enganliegenden weißen Mantel mit schwarzer Schärpe, hockte versunken auf seinem Schemel. Um ihn kauerten drei weiße ausgewachsene Tiger, die er an bloßen bunten Leinen hielt. Die Bestien rekelten sich, scharrten den Boden mit den Pranken. Plötzlich gab es einen Schrei, ein Auseinanderstürmen der Menschen. Die Tiger fuhren in großen Sätzen davon, zogen den weißen Mann an ihren Leinen hinter sich her. Er schwankte halb durch die Luft und machte vor Angst einen kreisrunden Mund. Vor einer Tigersäule an einer Straßenecke kletterten sie an, schnüffelten, saßen eins neben dem andern nieder, blieben ruhig sitzen, als ein paar mutige Burschen sich anschoben, platteten sachte Rücken und Bauch ab, ihre Beine schnurrten ein, bis sie eine breite, weiße schwarzgetüpfelte Lage bildeten — aus Papier vor ihrem weißgeschminkten Herrn mit der schwarzen Schärpe, der sein unheimlich bewegliches Maul ganz allmählich zu einem schiefen Rüssel drechselte und mit einer Backe heftig zuckte, so daß es wie ein Gelächter in Fleisch aussah.