Während die Jongleure sich um Stangen wanden, die frei in der Luft standen, Athleten glockenbehängte Banner auf den Zähnen balancierten, Schwertkämpfer in Spiegelbuden aufeinander losgingen, sich Hände und Köpfe abschlugen, mit zappelnden Händen im Mund blutgierig herumliefen und draußen unter zärtlichen Verneigungen Geld einsammelten, blickte ein pfiffiger Knabe mit hohem roten Käppi in seinen Holzbauer, zeigte unentwegt auf den kleinen polierten Kasten drin, vor dem ein Kanarienvogel trillerte und auf Anruf seines Herrn eine winzige Schatulle mit dem Schnabel aufschloß, Briefchen herausholte und brachte.

Die Hampelmännchen, Marionetten tanzten auf glatten Brettchen vor den harmlosen Landleuten, welche mit unförmigen Fächern und Bambusschirmen in die Stadt hereinspaziert waren. Sie gafften vor den fähnchenbehangenen Gestellen, auf denen dressierte Mäuse und Ratten über teppichbelegte Treppen, Leiterchen krochen, sich im Drehrad zu zweien schwangen, durch Schaukelringe sprangen, Klöppel gegen Blechgongs rührten.

Ein wildes Getümmel herrschte um abgezäunte Räume auf den Märkten; hinter den Seilen standen Haufen kleiner irdener Töpfe mit Schlitzen; in der Mitte solcher Stapelplätze wurden Grillenkämpfe vorgeführt, erregte Wetten auf die Tierchen abgeschlossen.

Allen Geistern, von denen man sich Gutes versprach, opferte und räucherte man in den Häusern und kleinen Tempeln; drohend schmetterten die Gongs, krachten die Trommelwirbel; die Stadt blähte sich auf, blies die bösen Geister und hungrigen Dämone mit einem Hauch von sich weg. Vor den Türen hingen die langen roten Zettel mit beschwörenden Figuren, Boten trugen Glückwünsche von Sippe zu Sippe. Endloses, unruhiges, aufgejagtes Treiben. Ernste Komödien wurden in den großen Tee- und Freudenhäusern gespielt.

Den Brüdern und Schwestern war für diesen Tag jede Freude und Üppigkeit gestattet. Sie tafelten bei den Familien in vielen Häusern; die gewandteren unter ihnen saßen auf den öffentlichen Plätzen, vor den Tempeln, hatten neben sich große Menge schneeweißen Reis in Schalen, Tee, Ginseng, Nudeln, Pasteten, erzählten ihren Zuhörern wunderbare Geschichten und bewirteten sie. Die jüngeren wohlgeformten Schwestern legten bunte und kostbare Seidenbrokatstoffe an, die ihnen begüterte Städter schenkten; ihre Gesichter waren herrlich geschminkt; sie spielten in den Theatern, führten fremde Tänze auf, in den bemalten Häusern gingen sie freiwillig herum zwischen ihren dienenden Schwestern.

Es wurde Nachmittag. Da räumten die Budenbesitzer, Gaukler, Straßenhändler die Märkte. Auf dem Tsuplatz an der Peripherie der Stadt, wo innerhalb der Mauern ein Fichtenwald gegen die Häuser vorrückte, war eine viereckige Hügelfläche abgeerdet. Hier, wo ein dunkles Tempelchen für einen alten tüchtigen Mandarin verfiel, wollten sich die Brüder und Schwestern der Gebrochenen Melone zusammenfinden. Wieder schrieen die Posaunen, immer lauter, immer dringender. Die Straßen wurden leer, die schrecklichen Töne verhallten im Winde, keine Rettung, kein Mitleid; in starre Steinwände die Stadt eingemauert.

Vor dem schwarzen Hintergrund der Nadelbäume spielte sich die Zusammenkunft der Brüder und Schwestern ab. An der Lehne der Stadt, das Gesicht den Bäumen zugewandt saßen in langen Reihen die Bündler; hinter, über ihnen die Bürger und die zahllosen Bauern. Auf den platten Dächern drängten sie sich; ihre Fächer und Schirme winkten aus den hochgelegenen Fenstern und Türen. Wirres Rufen, dichtes Summen; von der Stadt her vereinzelte grelle Gongschläge; vor allen die schwarze Verschwiegenheit des Fichtenwaldes. Über den grauen Himmel weiße Wolkenzüge.

Der Boden fing an zu schwingen. Zwischen den Bäumen brachen in langer Linie Berittene hervor; sie näherten sich, in brausendem Galopp aufwachsend, einem flachen Hügel vor der Stadtlehne, teilten sich in zwei Haufen, sprengten gegeneinander. Man erkannte rasch unter den Zuschauern, daß die eine Truppe die Staffierung und Waffen einer kaiserlichen Bannerschaft trug; die Farben gelb mit Bordüre, von einem hohen Offizier geführt, Lanzenträger mit meterhohen Bambuslanzen und dreieckigen Feldfähnchen. Man zeigte sich auf den Dächern die echten Brustschilde der Offiziere, Leoparden und Bären; einige riefen sich zu, es seien erbeutete Waffen und Kleider, viele jauchzten, sogar die Träger selbst seien erbeutet; es seien allesamt Gefangene von der Grenze; man erregte sich über das Schicksal dieser Männer. Es war in der Tat eine gefangene kaiserliche Kompagnie. Die andern Berittenen in simpler Bauernkleidung; Strohhüte von ungeheurem Umfang, Strohsandalen, graue Kittel; durcheinander trugen sie Schwerter, Sensen, Dreschflegel. Die Zahl dieser Reiter war wohl zehnmal größer als die der Mandschuren. Erst mischten sie sich lautlos durcheinander, trennten sich, sprengten drohender aufeinander, schmähten sich im Vorüberreiten, dann trieben in einem plötzlichen Ansturm die Bauern ihre Feinde nach dem Wald, der auch von rückwärts mit berittenen Bauern umstellt war. Aufgelöst schwärmten die erhitzten Reiter über das Feld, schwangen ihre Schwerter, liefen neben ihren Pferden her und warfen sich mit einem überschlagenden Luftsprung auf die Sättel.

Mitten in ihr buntes Treiben hinein platzten die mandschurischen Gefangenen. Jetzt sprangen von den Sitzen der Brüder zwanzig, dreißig, fünfzig dünn bekleidete Männer auf, schienen den versunkenen Ma-noh etwas zu bitten, der sie nicht anhörte, dann die Gesetzeskönige, die ihnen nach ein paar Worten zunickten. Es waren Brüder, die sich inbrünstig zum Opfer anboten, die ihre Seelen nicht mehr halten konnten. Sie wanden blitzschnell ihre Zöpfe auf, liefen zwischen die Bauern; an dem Zaumzeug der Pferde hielten sie sich fest. Wieder mischten sich berührungslos die Truppen, aber die Brüder rissen schon an den Lanzen der Mandschuren; einige von den Laufenden wurden durch Hufschläge niedergeschmettert und lagen verzuckend auf dem Feld. Ein gelles Rufen aus den Fenstern und von den Dächern schaukelte über das Feld und kam im Echo von dem Wald zurück; Schirme, Mützen, Gürtel, Schärpen wurden geschwenkt; man hörte den entsetzten Aufschrei von Männern, die in ihrer Erregung fehltraten und Treppen herunterstürzten. Frauen kreischten, verlangten nach den Feinden. Das Lärmen der Masse verdichtete sich zu einem wirren Gebrüll, das wie ein betäubender Nebel in das Feld herunterwallte.

Jetzt hielten an beiden Seiten des Karrees die Haufen. Die Bannerschaft hatte sich in einem Kreis formiert; die Mandschuren gestikulierten wild und schrien sich an; höhnisches Lachen und Streitworte; man sah, wie zwei ihre Pferde nebeneinander drängten, ihre Lanzen hinwarfen, über die Sättel weg rangen, herunterkrachend sich auf dem Boden wälzten. Als die brüllenden Schmährufe von der Stadt herunterklangen, wie Eisenstangen, mit denen man in Käfige langt, drohten einzelne ihre wutgedunsenen Gesichter nach der Stadt, steiften sich in den Steigbügeln auf, schüttelten die Lanzen zum Wurf.