Die Brüder liefen über das Feld, schleppten rasch die Zertrümmerten rückwärts in den Hintergrund, tanzten unbewaffnet barhäuptig, barfüßig unter dem regnenden abwehrenden: „Nein, nein, nein!“ der Zuschauer gegen die wartenden Mandschuren. Die ersten der Brüder sprangen auf die Pferde, suchten den Menschenbestien oben die Lanzen zu entwinden; man knallte sie mit Fußstößen und Fausthieben beiseite. Als sie an dem Zaumzeug zerrten, so daß die Pferde sich bäumten, gaben die beiden Offiziere kurze Kommandos; das gedrängte Karree löste sich. Riesenstarke Mandschu hoben Brüder an den Hälsen hoch wie Eimer am Henkel, schleuderten sie im Trab vor sich hin und überritten sie. Keiner von diesen anbrausenden Männern kannte jetzt den andern; sie warfen, hingen sich mit ihren Lanzen weit über Köpfe und Mähnen der weit ausgreifenden Pferde.
Eine tobende, blutdürstige, mordlustige Horde, Mäuler, Lungen, Kehlen, Arme, aufgerissene Augen, Pferdegeifer wälzte sich ihnen entgegen; das tausendfache fieberhafte Geheul der Stadt brach erstickend über ihre Schultern. Blitzen von Schwertern, krachende Dreschflegel, langgezogenes Stöhnen der Gespießten, Leiber, die durch die Luft flogen, schon träumende Brüder, Bauern bei der Arbeit, Röcheln, Wiehern, stumme Grimassen, eiserne Hände von Sattel zu Sattel, Schweiß, Staub, nasses Blut vor geblendeten Augen, Pfeile von der Stadt her. An den Fenstern der Häuser, auf den Dächern, an der Stadtlehne willenloses Schluchzen, atemloses Keuchen, Wutausbrüche, Umarmungen, Hinsinken. Dann saß keiner der Mandschuren mehr auf seinem Pferd.
Einer der Gesetzeskönige, über seine Knie gebeugt, gab ein Zeichen. Trommeln wirbelten vor seinem Platze; aus dem schwarzen Hintergrund schwollen die Posaunentöne; große Massen Ochsenwagen fuhren knarrend über das Feld heran. Der Kampf war zu Ende. Man räumte auf, trieb die Pferde zusammen.
Eine Stunde verstrich; man atmete ruhiger. Auf den Gesichtern der Bürger lag Befriedigung. Da begann auf dem flachen Hügel, der wie eine Bühne inmitten des Feldes lag, eine friedliche stille Musik zu spielen; eine Melodie, die frei ausgesponnen immer wiederkehrte. Bambustuben und Pansflöten trugen sie ernst vor, öfter rauschten Zimbeln dazwischen und schlug die Bronzeglocke an; Schlaghölzer begleiteten. Ein langer Zug Schwestern nach einer Weile, kostbar geschmückt, mit weit flatternden roten Schnüren an den enganliegenden Zeugmützen, trat zwischen den Männern hervor; die Seide ihrer Oberkleider scharrte; sie schwangen Rosenkränze, Zauberschwerter und besänftigten die rasenden Geister des Feldes. Vor dem Hügel stellten sie sich auf; die Gesichter der Stadt abgewandt, sangen sie zu dem Orchester.
Hingerissen hörten alle Brüder, Schwestern und Städter auf den Gesang und ließen die Seelen von der süßen Schwermut glätten. Man lauschte gespannt der Musik; wenigen fiel, während sie entzückt die Augen senkten, der dröhnende vorige Tumult ein. Man ließ die Hände voneinander, setzte sich hin, den Rücken gegen das Feld, stützte die Köpfe. Weich schlug die Bronzeglocke an.
Ein Rufen gab es; die Versunkenen richteten sich auf. Dem Hügel näherten sich Masken. Ein neues Spiel begann. Unter den Brüdern und Schwestern auf der Stadtlehne entstand Murmeln; die Worte wurden nach oben getragen. Es waren die acht Genien, die heranschritten.
Die Brüder, die die Rollen spielten, hatten sich nicht umständlich vermummt; einige trugen zu der Gesichtsmaske und den Emblemen ihre verschlissenen Kittel und gingen barfuß. Es waren alte Männer, die den Hügel erstiegen, mit einer blechernen Spange um die Stirn statt des Heiligenscheins.
Chung-li-küan, der weißbärtige, hielt ein ungeheures Holzschwert, dessen Ende zwei kleine Knaben schleppten; ein altes buckliges Weib wehte ihm Luft mit einem Fächer, der so groß war wie ein geöffneter Schirm. Der alte Mann hatte das Elixier der Unsterblichkeit erlangt, in vielen Gestalten erschien er, er konnte über Wasser laufen; seinen Fächer und sein Schwert ließ er nicht.
Da ging der alte Herr Lü, genannt der Gast der Höhle; seine Maske ein wohlwollendes lächelndes Gesicht; er zog einen Karren hinter sich her, auf dem ein niedriger Stuhl stand, und ein Gestell mit einem roten Handtuch, einem schaukelnden Porzellanbecken, einem breiten Schabemesser.
Tsao-kuo-kiu und die übrigen folgten; die beiden letzten ritten seitlich auf Maultieren.