„Und wie lange wird es dauern, bis ich meinen lieben Bruder Wang aus Hun-kang-tsun im Westlichen Paradiese sehe?“

Als Wang allein auf dem finsteren Markte stand und er sich umblickte, war ihm klar: die Soldaten der Generäle des Tsong-tous von Tschi-li werden die Mauern der Mongolenstadt nicht berennen.

Er tastete sich durch Straßen, bis er die äußere Stadtmauer erreicht hatte; in den kleinen offenen Hof eines völlig eingesunkenen Häuschens schlich er, warf sich in einem Schuppen zum Schlaf hin. Ganz früh, nach einer furchtbaren Nacht, verließ er die Stadt.

Unter den zusammengeschmolzenen Bewohnern des einstmaligen Königtums, die sich in dem Mongolenviertel von Yang-chou-fu drängten, befanden sich dreihundert Bauern und Städter. Die Mauern und Wachtürme der Stadt waren in einem trostlosen Zustand, aber die Leute machten sich in Eile daran, unter Gewinnung sippenverwandter Arbeitskameraden aus der unteren Stadt, Lücken des Bauwerks auszufüllen, den völlig ausgetrockneten Graben vor der Mauer zu vertiefen und mit Wasser zu füllen, Bogen, Pfeile, Holzschilde zu besorgen und auf den Wachtürmen aufzuhäufen. Hinter die eisenversteiften Torflügel schichteten sie seitlich riesige Mengen von Steinblöcken auf, die sie aus dem ein Li von Yang gelegenen Dorf heranschafften, um im Sturmfall das Tor undurchgängig zu machen.

Unter diesen fleißigen, gar nicht abenteuerlichen Männern und Burschen herrschte kaum übertrieben große Kampfbegier; sie hatten ja im Grunde keinen Anlaß, sich mit den Bündlern in der Stadt einschließen zu lassen, aber sie liefen mit ihnen in einer gewissen frommen Besorgtheit um sich selbst. Daß sich Provinzialtruppen an Bündlern vergriffen, schien ihnen ungeheuerlich; ein furchtbares Strafgericht konnte nicht ausbleiben. Es konnte nach ihrer Auffassung nur eine Sache der Zeit sein, bis die aufs Äußerste gequälten Brüder und Schwestern ihre unheimlichen unterirdischen Kräfte losbinden würden. Inzwischen mußte man es nicht verderben mit ihnen, sich seinen Teil an ihrer Macht sichern. Hinzu kam das Gefühl der Wichtigkeit ihrer Rolle, das sie anspornte. Sie besprachen offen die Möglichkeit, unter Umständen das alte oder ein neues Königreich wieder zu gewinnen. Es käme nur darauf an, den Himmelssohn von der Niedertracht des Tsong-tus zu überzeugen oder weite Kreise des Volkes aufzulockern. Denn wenn etwa der Himmelssohn das Vorgehen des Tsong-tus billige, sei vor aller Welt die vielbehauptete Volksfeindlichkeit der Reinen Dynastie bewiesen.

Während diese Männer, die ehemaligen Salzsieder, Kärrner, Träger, mauerten und schaufelten und die untere Stadt durch ihr entschlossenes Auftreten auf ihre Seite zogen, erholten sich die Brüder und Schwestern von ihrem Schrecken. Ihre Wunden schlossen sich, die Starre ihrer Verzweiflung schmolz. Sie besannen sich nach den grauenvollen Hieben, die sie empfangen hatten, versuchten sich aufzurichten. Sie waren, da sie nicht ausschwärmen konnten, zu völliger Untätigkeit gezwungen. Saßen auf den Straßen, den Plätzen, in einem großen schönen Tempel der Pockengöttin, an den Mauerarbeiten, warteten. Vormittags und abends versammelten sie sich auf dem Markte.

Ma-noh stand in einem lehmfarbenen Kittel vor ihnen. Der kleine reglose gebückte Mann mit der fliehenden Stirn. Sie beteten. Eine abgöttische Verehrung warf die Menge wie ein bindendes Seil um Ma-noh. Er schien ihnen kraftgeladen, ein Bürge dessen, was kommen mußte. Wang-luns Name klang hier verschollen; man wußte nicht, ob er lebte.

Die schöne Liang-li hatte die Flucht überlebt. Sie bat Ma-noh schon lange innerlich viel ab. Sie suchte mit Gewalt ihre Gedanken von allem Menschlichen abzuspannen, sich unmittelbar an die heiligen Dinge zu pressen. Es huschte immer etwas dazwischen, es klaffte in ihr etwas auf: eine Leere, eine Beklemmung in der Magengrube, ein schluckendes Gähnen und Würgen nach abwärts. Sie dachte an die heiligen Dinge nur durch das Medium eines Menschen. Sie kam nur auf diesen Rädern zu ihnen. Sie schüttelte sich, lief vor sich davon, ringelte sich um Ma-noh.

Der Vorgänge in ihrer Heimatsstadt erinnerte sie sich nun auf einmal, tief verblüfft, völlig verständnislos. Sie hätte sich verschworen, daß sie das nicht war. Ihr Vater, ihr Kind, ihr Mann dämmerten ihr, Erinnerungen, die auch aus einem Geschichtenbuch stammen könnten, nur mit dem Eigentümlichen behaftet, daß sich Liang dumpf gepeinigt abwenden mußte, sobald sie blaß auftauchten. An einem Ziehen in ihren Zähnen, einem rundherum laufenden öden Gefühl in ihrem Unterkiefer merkte Liang, daß sie auftauchen wollten.

Seit den Tagen am Ta-lusumpfe hatten Brüder und Fremde die Versenkung in ihr Blut begehrt, und sie hatte sich ihrer heiligen Pflicht nicht entzogen. Sie besaß keine lüsternen Organe. Seit dem Brand des Klosters aber, wo sie mit Ma-noh zusammen geritten war, umschlang sie, einer Unruhe ihres Körpers folgend, öfter einen Bruder und schaffte sich vorübergehende innere Gelassenheit. In der Mongolenstadt wuchs ihre Heftigkeit ungestüm; sie erinnerte sich ihrer Krankheit nach der Geburt des Kindes, fand sich nicht zurecht zwischen einem Drange zu weinen, die Arme zu werfen, unwillkürlich zu ächzen und herumzuwandern. Sie verlangte öfter in ihre Heimat zurück, widerrief es. Die Gebetsformel zu sprechen, sich in die vorgeschriebenen Ekstasen zu versenken, ekelte sie, wie sie ohne Scham tausendmal laut am Tage und jammernd in der Nacht erklärte. Mit Tränken, Aschen, Beschwörungen suchte man sie zu heilen. Dann zerrte die Schreiende ein derber Bauer, an den sie sich in diesen Tagen gehalten hatte, aus einer gesichterquellenden Nacht zu Ma-noh. Dem mit wenigen Worten und Handstrichen über Mund und Brust alles gelang. Sie überwand die Krise. Ganz besänftigt, blaß und dünn nahm sie manches Besondere von Ma-nohs Haltung wie einen körperlichen Talisman an, seinen abwesenden Blick, die schützende Bewegung der linken Hand vor die Augen, seine erstickt schnappende Mundöffnung.