Ein Liu, der ältere, lebte noch. Das zweifelsüchtige Dreierlein hatte sich bei dem hauptstädtischen Feste in einer unhemmbaren Aufwallung jenen Brüdern beigesellt, die sich von den Mandschugefangenen niedermetzeln ließen. Den älteren Liu hatte das Unglück zu einem Spaßvogel gemacht. Sein Zinnoberkrügchen schleppte er noch am Gürtel herum, zeigte es jedem, den er sah, verspottete sich. Wenn durch die Gäßchen der Mongolenstadt Gelächterstöße hallten, so stand vor einer Tür Liu mit einer toten Ratte, einer abgefallenen Filzsohle zwischen zwei Fingern und hielt komische Leichenreden. Oder er schaukelte sich quer über die Straße an einem vornüberhängenden lockeren Dachsparren und knüpfte daran seine Gleichnisse. Es war diesem Mann sicher, daß sie sich in einem neuen Königreich noch prächtiger als vorher festsetzen würden und daß ihre Geister in einem einzigen riesigen Schwung nach dem bergigen Paradies gelangen würden. Die Verfolgungen, die sie erlitten, waren vom Neid diktiert; man konnte dem Kaiser den Neid nicht verdenken, und die Bündler hatten keinen Grund sich zu beklagen: wer mit einer hellen Laterne geht, zieht die Räuber herbei.

In dem Winkel des leeren Marktes, in dem kleinen Hause saß Ma-noh.

Er war ganz in sich eingesponnen. Sein Hochmut schmetterte Posaunen, mit der drohenden Stärke, die den Boden aufwühlt. In ihm entfaltete sich ein kaiserlich rauschendes Banner. Um dieses Banner wanderte Ma herum. Er ließ keinen zu sich, um das Banner immer zu hören. Wang-lun hatte geglaubt, Ma wäre reif geworden für die schwere Schicksalslehre. Aber das Schicksal griff den Priester nicht an. Er zog selber das Unglück mit greifenden Armen an sich wie ein Irrsinniger, der nicht Speise und Gift unterscheiden kann. Er schluckte höhnisch das Unglück, das ihm nichts anhaben konnte. Er knäulte sich nicht auf. Er war ein Fleischbündel und sonnte sich. Die Dinge, die an ihm vorüberliefen, hatten keinen Geruch und keinen Ton. Im Hintergrund warf und wühlte sich etwas: das Westliche Paradies, nach dem er seine vertrocknete Hand ausstreckte. Er ging seine Schuld unbarmherzig und glatt einziehen.

Versteinert blieb er. Wie ein kaiserliches Banner rauschte sein Stolz. Er glaubte, Wang-lun hätte sich zu ihm bekehrt. Das blumige Land der vier Seen hat nichts erblickt, was der Gebrochenen Melone gleichkam.

Dazwischen heulten die Minuten der entsetzlichen Selbstzerfleischung, wo er sich entlarvte als den mißratenen Mönch von Pu-to-schan, den heftigen korrekturbedürftigen Ekstatiker. Er lederte sich die Haut ab, drehte die weißen Nervenbündel heraus, schnitt ein grausames Resumee seines Lebens: Stehenbleiben auf einem unsicher schwappenden Fleck, Wühlen um den eigenen Schädel herum nach Sicherung, — unter Menschenopfern, Zertrümmern ganzer Städte. Es war nichts ausgerichtet, er riß sie mit sich zugrunde. Pu-to stand noch wie eine Festung, die er nicht besiegte, als er an ihr vorüberjappste. Das Grauen dieser Vorstellung brauste über ihm. In das Schicksal hatte er eingegriffen. Es war nichts in allem, was geschehen war, nichts zu suchen als Unrat, Verderbtheit, eitle Spekulation. Die Tausende draußen: beliebig Verunglückte; tausend Bettler und Verbrecher mehr in dem riesigen Lande. Und er wie sie: ausgerutscht, in die Grube geplantscht, Mist geschlürft bis in die Bronchien, — so dumm, so dumm, kaum zu bemitleiden, zum Auslachen.

Mit solcher Angst schlug sich Ma-noh schweißgebadete Minuten herum. Dann schreckten seine Arme und Knie zusammen unter einem Hämmern draußen, Trappeln des Türhüters, Aufzischen eines Branders von der unteren Stadt. Er keuchte aus seinem Brüten auf, schleifte sich auf den Markt. Die Schwestern sangen. Die Frauen blickten ihn ehrfurchtsvoll an; ruhige vertrauende Augen. Es gab keine kostbaren Schmucksachen mehr, keine hochzeitlichen Blumen. Die Geigen und Gitarren zertrampelt in einem Morast. Die Mädchen, die armen, stülpten nicht mehr ihr Inneres um und breiteten sich aus: sie hatten nichts für sich behalten und die Gefahr war doch nicht abgewendet worden. Den Hals hatten sie sich bewahrt; der mußte durch. So wollte es das Schicksal und so war es gut. Sie sind wie das Wasser gewesen, das sich jedem Gefäß anpaßt. Sogar damit war zu wenig getan, um leben zu können.

Ma-noh schlürfte an den Brüdern vorüber, die aus stumpfem Herumhocken aufsprangen, ihm ihre lehmigen, ausgemergelten Gesichter zukehrten, ihn anbetend umringten. Was für Nachtschatten ihn befielen. Pu-to mit seinen knechtenden Vorstellungen hatte sich in sein Gehirn eingearbeitet, es ließ nach Jahrzehnten seinen Diener nicht los. Man ging hier strengere Wege, einen harten Weg ohnegleichen. Die nackte tötende Furchtbarkeit der Existenz war ihnen aufgezwungen worden; sie hatten sie auf sich genommen, ohne sich zu verstecken, alles selbst, wie der heilige Siddharta, der Kronprinz, alles durchversucht. Wenn das Westliche Paradies geöffnet wurde, so ihm und diesen. Die kaiserliche Fahne wehte über ihren Weg. Sie rannten auf den Gipfel wie Pfeile.

Er sank auf der breiten Mauer mit den Schultern über sich. Irgendwo streifte jetzt Wang-lun in dieser Ebene. Der, seiner eigenen Lehre verloren.

Hier gischte Brandung. Man ließ sich treiben, man schwamm nicht einmal mehr. Es triumphierte das Wu-wei.

Alles gehäuft über die kleine Mongolenstadt. Banner über Banner!