Sie gingen unter seinem Schirm am Kanal entlang; die Kastanien schnellten plötzliche Regenschauer herunter. Das Fräulein sah auf den Boden, spazierte in Gummischuhen, die Füßchen spitzend,
durch den Morast; ihre rote Hutschleife ragte wie ein Horn über der Stirn, über der verwirrten Linie ihrer Ponys. Sein magerer Oberkörper schaukelte wie ein Pendel. Er schwieg.
Vor einem Hause der Flottwellstraße tauchte sie unter dem Schirmdach hervor: „Ich wohne drei Treppen; Mademoiselle Alice Dufoult.“
Ohne es zu merken, kehrte er die Potsdamer Straße zurück, gelangte auf den dunsthellen Platz. Er hielt sich eine viertel Stunde auf vor Stillers Schuhgeschäft, vor dem er sie zuerst gesehen hatte; schließlich trugen ihn seine Beine vor die Schwelle, seine Hand klinkte die Tür auf; er kaufte in einer lächelnden Versunkenheit, sich nicht begreifend, eine Büchse Schuhcreme und überlegte einen Moment, wem er hier ein Trinkgeld geben solle. Und dann nach einem Hin und Her im Regen, unter dem der Nebel sank, über den Kemperplatz auf die dunklen Wege des Tiergartens. Er öffnete, als er allein auf einem großen Sandplatz stand neben einer Holzbude, seinen verschlossenen Schirm, sah in die finstere Wölbung hinein, stellte sich dicht unter ihn, geschmiegt unter ihn, wie eine Katze, die ihren Buckel gegen die streichelnde Hand hebt. So blieb er in der Lache neben der Holzbude minutenlang, länger; es war ihm, als wenn er in einem warmen Bett läge und schliefe. Bis ein Junge vorbeistrich, ihn anrempelte und schreiend, als der Mensch hervortrat,
davonlief quer über den Platz, purzelte, sich aufraffte, schrie durch die träufelnden Gänge. Rasch klappte der Kaplan den Schirm zusammen. In einer hellen Querallee stellte er hochblickend einen Fuß gegen das Podest eines Schmuckdenkmals, umging mit den Augen die Gruppe des Pferdebändigers. Ein Passant, den Kragen hochgeschlagen, beobachtete befremdet von einer Bank aus, wie der Kaplan mit dem Kopf ruckte, freudig sich streckte, seine Glieder bewegte, mit den Fingern zuckte; in den Waden des Kaplans spannte es, seine Knie krümmten sich; eine Ungeduld, wie plötzliche Kühnheit, überfiel ihn; er strampelte mutig, wie das edle Roß da oben.
Seinen Rosenkranz fühlte er in der Rocktasche; weiterschlendernd senkte er den Kopf über den Kragen, seine Hände falteten sich über dem Leib. Die kalten Tropfen rannen in den Nacken. Der magere Kaplan murmelte abgeblendet seine Gebete, die Stirn gerunzelt, die Lippen gespitzt.
An dem sonnigen Mainachmittag war der Tisch in ihrem Zimmer mit einer zitronengelben Decke belegt; blauer Flieder duftete in einer kleinen Glasvase; zwei Kaffeetassen standen vor einer Schüssel mit Streuselkuchen. Alice schaukelte in ihrem Stuhl. Robert neben ihr erzählte Witze; sein nackter spiegelnder Schädel glänzte; wenn er lachte und sein junges, blutrotes Gesicht ins Vibrieren kam, stieß er prächtige
Fanfarenlaute aus; sie stopfte sich den Mund mit Kuchen. Alice hatte das blaue, faltenreiche Kleid an, das ihr die Mutter vor einem halben Jahr in Grenoble mitgegeben hatte: „Wenn du es vorsichtig trägst und nicht viel drauf sitzst, kannst du eine Weile damit auskommen.“ Als sie es zum zweiten Male trug im französischen Klub, saß Wahlen mit dem Monokel hinter ihr und gab ihr den etwas lädierten Hornkamm wieder, der aus ihrem Haarknoten in seinen Schoß gefallen war, er meinte, als sie aufstanden, ein Netz hielte sicherer; zog aus seiner Brieftasche eins hervor und demonstrierte es ihr mit dem Bemerken, daß er weder Friseurgehilfe sei noch solche Instrumente fabriziere. Ein paar Wochen später zog er ihr eigenhändig das altmodische Kostüm aus und probierte mit ihr einen Kimono an, ein Hermelinjäckchen, eine Nachmittagstoilette aus altrosa Samt.
Wie Robert gerade die Backen prall aufblähte, aus einem Mundwinkel schräg die Zigarettenasche von der gestickten weißen Weste paffte und mit der mächtigen beringten Hand nach einer Papierserviette tastete, klopfte es und der hagere Kaplan trat ein. Alice verschüttete die Kuchenkrümel auf den Teppich: „Nein, das ist nicht möglich.“ Sie zog die Silben, blieb länger sitzen, um Zeit zu gewinnen. Dann richtete sie sich auf, nahm ihm den Hut ab und erzählte freudig, als sie zu dreien an dem Tisch
saßen, gegen Robert gewendet, mit fliegender Röte und Blässe, wie reizend sich der Herr Kaplan ihrer angenommen hätte gestern im Regen. Der Kaplan saß zwischen ihnen beiden auf einem niedrigen Plüschfauteuil, mit dem Rücken gegen die Butzenscheiben des Fensters; Robert machte sich lang, betrachtete von oben die Tonsur des Gastes. Mit unsäglicher Dankbarkeit saß der Kaplan zwischen ihnen. Die zitronengelbe Decke betrachtete er mit den plattgedrückten Fransen, die Zinnkrüge auf den Konsolen. Dies stimmte alles, auch daß die Gardinen schmutzig waren und die Überhänge nicht paßten, die Brillanten dieses glattköpfigen jungen Menschen, das altmodische, blaue Kleid der Mademoiselle mit den Spitzenmanschetten. Er fand sich nachdenklich und ihm kam, ohne daß er es wußte, warum, der Einfall: Wie sich doch alle Dinge in der Welt erfüllen! Das Fauteuil geriet ins Rollen auf dem blanken Parkett. Als aber Alice nach seinem Arm griff, um ihn zurückzuziehen, zuckte der Kaplan aufgescheucht zusammen. Er flüsterte: „Bitte, fassen Sie mich nicht an.“ Sie fragte: „Was haben Sie?“ Er wurde blasser, sagte, er wäre so empfindlich an den Händen. „Aber doch nicht an den Armen.“ „Etwas an den Armen auch, bitte!“ Sie tupfte in seinen Handteller; er krümmte sich, der Schweiß stand auf seiner Stirn, so daß sie sich abwandte: „Gott, sind Sie komisch.“ „Ja, entschuldigen Sie, mein verehrtes Fräulein, Sie