„Hilf mir, Anselm, rette mich, er schlägt mich tot.“
Besinnungslos schob sie ihm die Zügel zu, drehte sich auf ihrem Platz aufrecht um sich selbst, entwand sich dem Kaplan, murmelte mit einem blinden Blick über die lange vorbeifliegende Chaussee: „Er schlägt mich tot, er schlägt mich tot! Hilfe!“ Der Schimmel bockte, stürmte mit dem kleinen Wagen davon, der rechts und links schleuderte, gegen die Bordschwelle schlug, einen Baum anstreifte. Sie rasten zwischen den Baumreihen hindurch. Ein Geschrei war vor ihnen, neben ihnen. Die auf dem Wagen blieben ohne Laut. Einen Moment, als er
sie noch hielt, drehte sie den Kopf zu ihm; in seinem Gesicht war etwas, daß das armselige Geschöpf die Hufschläge des Reiters anhörte und es durch sie fuhr: „Was will der von mir, und was will der von mir?“ Die wirbelnde graue Luft war da. Die graue fließende Luft deckte seinen Mund und seine Augen, hielt seinen Kopf von vorn und hinten. Die Frau wand sich neben ihn herunter zwischen Pferd und Deichsel, nach der Leine zuckend; er packte sie um den Rücken, griff ihr unter die Arme. Und während er mit ihr rang, den Zügel in der Linken, und sie ihm den Mund zerkratzte, von ihm abdrängend, war in seinem Kopf hell das Bild des strampelnden edlen Rosses, des rettenden edlen Tieres. Sein Körper strebte hoch, um sie auf den Sitz zurückzuschleudern, die Zügel anzureißen. In seine Arme aber kam ein blinder Willen: weg von Alice, weg von ihr. Die Hände mußten es tun, die Hände taten es. Vor seinen Augen stand noch auf einem weißen Vorhang das Bild des davonstürmenden Rosses mit der Frau auf dem Rücken; da sprachen seine Lippen in die Luft hinein das Totengebet über der stürzenden Frau, jede Silbe ein betäubender hirnfüllender Schluck Luft: „Commendo te omni potenti, aspectus mitis atqe festivus tibi appareat.“
Der Körper des Kaplans lag atmend, blutbedeckt in einer Baubude der Rohrleger. Die Arme hielt er steif vorgestreckt in der Haltung, in der er Alicen
sinken und zerschmettern ließ. Der Leutnant drang an den Männern vorbei, hieb dem Kaplan mit seiner Reitgerte über die Arme; die Arme schnellten wieder zurück. Der Bewußtlose zwinkerte, bebte auf, hielt sich für Wasser, das man mit Ruten streicht.
Die Brüder fuhren ihn auf das Land in ein waldumstandenes Kloster. Er las keine Totenmessen, duldete nicht, daß man sie las. Die Frau sollte brennen in der Hölle, das legte er sich auf.
Drei Wochen brannte sie. Da merkte er, als er morgens erwachte und der weiche Nebel vom Garten in seine Zelle wehte, daß die Bewegungen seiner Arme, das steife Vorsichhinstrecken etwas anderes bedeuteten. Die Kutte warf er sich über, auf nackten Füßen ging er bebend an seinen kleinen Altar. Er trug auf seinen Armen ein Opfer für Maria, das brachte er ihr jetzt. Während er die Stirn auf den schwarzen Samt des Tischchens preßte, fühlte er, daß Maria ihn verstand, daß sie sein Opfer annehmen wollte. Eine Lösung kam in seine Glieder, seine Arme sanken herunter. Er zündete die Kerzen an, las die Messe für die Tote.
Und während er die Hände aneinandergelegt vor die Stirn hielt, kam ihm vor, als ob ein Frosch aus der Mulde zwischen ihnen hervorhüpfte, laut „quak, quak“ machte und behend vor die Füße der Gottesmutter sprang. Die Engel lachten fein, wie wenn man ein Seidenpapier umwendet. Die Füße Marias
bewegten sich wenig. Das rosige Wolkenkleid über ihren Schenkeln strich sie glatt, da hüpfte der kleine braune Frosch empor. Auf ihrem Schoß saß er mit seinen mächtigen Augenbällen und durfte still sitzen bleiben zwischen den Englein.