Sie riß an seiner Stola: „Du darfst nicht diesen Mantel tragen, wenn du mich anfaßt.“

Er lachte mit einer quellenden Heiterkeit: „Faß meinen Mantel an, faß die Stola an. Ich bin Priester. Fürchte dich nicht.“

„Aber ich fürchte mich nicht, Anselm.“

„Nein, das sollst du nicht. Nur ich muß mich fürchten. Und tus nicht, und wills nicht tun.“

Sie streichelte seine Hand, die er sich vor den Mund hielt, als wollte er sein Lachen darauf festdrücken und festklammern.

„Und wenn mich einer anklagt und ich verdammt werde, Alice, ich kann es nicht mehr aufhalten. Ich kann nicht an mich halten, ich muß dich in meine Arme nehmen, und dich küssen.“

Sie ließ sich küssen, ja sie hängte sich an seinen Hals. Sie bettelte, er solle den Mantel ablegen, aber er blieb dabei, er müsse ihn vor seinen Augen haben, vor seinen Augen behalten; keine irdische Gewalt würde ihm das rauben. Und so ging er hinaus, sie kleidete sich an. In einer Hemmung stand sie immer wieder da. Schließlich war sie angezogen und schlüpfte entschlossen zu ihm hinein. Ins Grüne wollten sie fahren. Sie war fröhlich und sagte ja, schickte das Mädchen herunter nach dem kleinen Tandem. An der Tür drehte sie sich um, rief dem Mädchen zu, sie möchte nicht warten mit dem Mittag, sie führen nach Döberitz zu auf die Heerstraße.

Die breite benzindampfende Chaussee, zwischen den beiden grünen Baumlinien, trabte das Gefährt. Alice in grauer Sportmütze, die Peitsche in der Hand, lenkte den Schimmel. Vor einem Blumengeschäft hielten sie, hängten große Fliederbüsche, Goldlack, schneeweiße Myrrhen über ihren Sitzen auf. Hinter schaukelnden Zweigen fuhren sie. Der junge Priester war ein Kind, drückte ihre freie linke Hand flach zwischen seinen beiden, sagte, nun sei sie ein Frosch und er hielte sie festgeklemmt:

quak, sprang der Frosch heraus. Sie bettelte, der Frosch wolle wieder hüpfen. Er träumte: ja, wohin?

Da sah sie zwischen den Blüten, daß drüben zwei Kinder, dort ein Pärchen, rechts ein Herr auf dem Trottoir stehen blieben, gespannten Ausdrucks etwas hinter ihnen beobachteten. Ein dumpfes Trappen kam hinter ihnen her, wie entferntes Teppichklopfen, Poltern über Trommeln, jetzt Klappern, Eisen auf Stein, schmetternd und klirrend, heranstoßende Pferdehufe. Alice schoß hoch, ihre Mütze riß die Zweige auseinander: „Robert, es ist Robert!“ Von hinten brüllte es her, während der Schimmel halb scheu die Hinterbeine hochwarf, den Hals zurückbog und geifernd ein wütendes Tempo einschlug: „Kanaillen, anhalten! Pfaffenhund anhalten!“