Er ging durch das Seitenportal seiner Kapelle
auf die Straße. Er blickte sich scheu um; über sein weißes Priesterkleid und die Stola hatte er eine lange Pelerine geworfen; sein Kopf bloß. Am Rand des Rinnsteins in der stillen Straße schlich er; ein Wagen knatterte über Steine; er winkte, stieg ein. Blendende lebendige Frühlingssonne in allen Straßen. Der Potsdamer Platz tauchte auf, menschenwogend, von Wagen durchschwungen. Stillers Schuhgeschäft glitt vorbei. Läden an Läden, eine Allee von Schaufenstern; die grünen Kastanien und Buchen des Schöneberger Ufers. Kein Nebel, jedes aufblühend, schmelzend, hinfließend, alles du und du. Die Pelerine, die auf den Rücken umgeschlagen war, zog der lange Kaplan nicht nach vorn zurück, als der Wagen hielt; in der Flottwellstraße stieg er langsam aus der Droschke, ging ruhig an den Staunenden vorbei in das Haus Alices. Rauchige Luft in ihrem Korridor, die Lampions und Girlanden hingen noch und lagen zertreten auf dem Flurteppich. Als er den Korridor betrat und alles schwieg, kam ihm vor, als ob er auf Daunen einherginge. Er dachte zärtlich: wohl euch, was habe ich euch beschert.
Im Wohnzimmer setzte er sich an das Fenster; das Zimmer völlig ausgeräumt; der Parkettboden zerschrammt, mit duftendem Wein und Bier begossen, ein kleiner Haufen grüner und weißer Scherben mitten im Zimmer unter dem bebänderten Kram. Wie sich der Kaplan halb zur Seite
wandte, stand in einer Erkernische etwas Buntes; er faßte hin; es waren die Strümpfe Alicens die er gestern getragen hatte, mit Apfelsinen ausgestopft, an einer Korsettstange darüber baumelte ihr Hemd, mit Rotwein begossen, den Abschluß oben bildete eine Mütze aus Silberpapier; er erkannte, es war eine runde Priestermütze. Er streichelte leidend den Haufen: wie gut sind sie, und was muß ich ihnen antun! Der Aufbau raschelte hin, als er ihn losließ. Seine Oberlippe zuckte. Er sollte warten; hörte nebenan im Schlafzimmer Alicens Wasserplätschern, warf die Pelerine wie zum Schutz ab über die Figur und ging ohne zu klopfen hinein. Sie tauchte grade die Hände in das Becken; gellte kurz, stürzte ins offene Bett, verschwand unter der Decke. Der Kaplan blieb an dem Waschbecken stehen, sagte leise, langsam und ruhig, warum sie erschrecke; er wünsche sehnlich mit ihr zu sprechen. Unter dem Deckbett wühlte es: „Rufen Sie sofort das Mädchen.“ Er schloß die Tür; setzte sich auf die Bettkante, streichelte ihre Kopfkonturen auf der Decke: „Ich will mit Ihnen sprechen. Sie dürfen sich nicht mir vorenthalten. Stehen Sie auf.“ Ihr Gesicht kam hervor, sie sprang hinter ihm am Fußende heraus; stellte sich, im Unterrock mit nackten Füßen und halboffener Brust, Konfetti im hängenden Haar, jenseits des Betts an die Wand. „Hochwürden,“ sagte sie halb weinend, „was
wollen Sie von mir? Warten Sie draußen.“ Er blieb auf der Bettkante sitzen mit strahlendem Ausdruck: „Seien Sie doch ruhig, Fräulein Alice. Seh ich aus, wie einer, der Ihnen etwas tun will? Seien Sie ruhig und lassen Sie mich hier.“ Sie hing sich ihren Kimono um, rauschte auf ihn zu, konvulsivisch ausbrechend warf sie sich vor ihm hin und wühlte Hals und Kinn, Konfetti regnend, in den weißen Stoff über seinen Knien. „Hochwürden, was wollen Sie so früh kommen. Ich will nicht mehr hierbleiben, keine Minute länger. Was Robert macht, ist schändlich, ist unerträglich. Ich ertrag es nicht. Sie müssen mir hier weg helfen.“ „Robert ist kein Schurke; er ist kein Schurke. Wie können Sie so sprechen!“ Sie schrie: „Was sind Sie für ein Mensch. Ich will nicht, daß Sie sich durch den Sumpf ziehen lassen von ihm. Wenn das so fort geht, will ich Sie nicht sehen und Robert nicht sehen. Hochwürden, was hab ich erduldet von diesem Mann. Ich habe in den letzten Wochen alles gesehen. Lieber will ich Hunger und Durst ertragen, als mit ihm länger zusammen sein. Ich weiß, daß Sie mir gut sind, helfen Sie mir.“ Der Kaplan war aufgestanden; sie stand dicht an ihn gedrängt.
Er flüsterte mit unbeweglichem Gesicht: „Hier ist keine Rede von Hilfe. Woher wissen Sie, daß ich Ihnen gut bin.“ Er zitterte, als sie ihn anblickte:
„Aber jetzt glaub ich, daß Sie mich nicht mehr mißverstehen. Mein Gott, es scheint durch meine Poren zu dringen.“ „Was ist Ihnen?“
Der Taumel berührte sein Gehirn. Er hielt nicht mehr stand. „Ich weiß, ich bin dir gut, Alice. Und gleichzeitig höre ich dich gar nicht. Ich kann mich anstellen, wie ich will, ich höre nicht, was du sagst. Es schwingt in mir nicht mit. Ich bin dir gut, und du verschwindest vor mir. Wie heißt du?“
„Alice, Alice Dufoult.“
„So gut bin ich dir. Du mußt dich nicht beklagen. Ich beklage mich auch nicht. Ich weiß nicht, was du verloren hast. Wenn du vor mir stehst in diesem Zimmer, bist du ohne Fehl, und ich bin ohne Fehl. Du bist mein. Und darfst dich mir nicht vorenthalten.“