Am Abend, als es regnete, nahm der Bruder

Anselmus, Berthas Haus verlassend, eine Droschke, fuhr vor Wahlens Wohnung. Wahlen war nicht zu Hause. Auf das Drängen des Kaplans nannte der Diener die Telephonnummer, unter der sein Herr zu erreichen war; führte den Gast in das Rauchzimmer. Auf den Öfen standen zahlreiche Photographien, auch Berthas, Alices, mehrere Balletdamen, einige phantastisch schöne Köpfe. Beim Anblick eines dieser schwermütig feinen Gesichter wurde der Kaplan von solchem schweren krampfenden Mitgefühl ergriffen, daß er sich auf einen türkischen Sessel setzte und den Diener bat, die Verbindung noch nicht herzustellen. Er fragte den Mann in der Livree nach einem andern Apparat in einem andern Raum. Und ging mit dem erstaunten durch viele Zimmer in die Küche hinaus, flüsterte, er könne auch die leiseste Rauchluft nicht vertragen. Allein telephonierte er dann. Seine Stimme tremolierte. Eine Damenstimme kicherte; für Privates wäre aber der Herr Leutnant jetzt auf keinen Fall zu sprechen, die Stimme flötete ihm ein paar Scherzworte zu, und wie er denn heiße, wie groß er sei, ob er einen Schnurrbart trüge. Und dann entfernt vom Apparat flüsterte sie vernehmlich: „Du, das scheint dein verliebter Pfaffe zu sein. Ich hör nebenan mit zu?“ Mit angehaltener Erregung sprach der Kaplan: „Ich war zweimal bei Bertha. Warum kommen Sie denn nicht? Wo bleiben Sie?“ „Sind

Sie denn schon so weit, Hochwürden?“ „So kommen Sie doch.“ „Eilt ja nicht, Hochwürden. Sie gefällt Ihnen wohl nicht? Na, will dafür bald mit was anderem aufwarten. Übrigens —“ Er lud den Kaplan zu einem kleinen Maskenspiel ein, das morgen in der Wohnung Alices stattfände; Alice bäte ihn dringend zu kommen; sein Inkognito würde gewahrt bleiben.

Dem Kaplan spannte sich die Brusthaut vor Schmerz. Er rieb sich die Ohren; ein leiser Schreck war durch ihn gefahren, ohne daß er wußte, worüber. Er atmete tief, noch vor dem Apparat; seine Lungen wagten nicht auszuatmen. Er wollte Alicen sehen.

Und zu einer japanischen Frühlingslandschaft war die kleine Wohnung der Mademoiselle gestutzt worden. Drei lustige Französinnen liefen zusammen, Sinnloses schnatternd. Sie sprangen auf Stelzen von einem Zimmer ins andere, wedelten mit kleinen Fächern. Ein deutsches elegantes Fräulein hatte sich eine turmhohe japanische Perücke aufgestülpt und schiefe Augenlinien geschminkt; sie hielt sich krähend an die Herren. Das waren Robert und zwei Männer, die sämtlich im schwarzen Trikot als Athleten und Gaukler bizarre Purzelbäume schlugen, hin und wieder ein merkwürdiges Glockeninstrument klöppelten, das sie am Handgelenk trugen. Als der Kaplan erschien, kam Robert wie ein Dämon unter

die rosa Ampel des Korridors gestürzt, hielt ihn fest: „Sie dürfen nicht so herein. Maske. Lassen Sie mich überlegen.“ Verschwand im Wohnzimmer, wo es sofort stille wurde und Tuscheln entstand; dann führte er den Kaplan in Alices Schlafzimmer. Alice erschien, nur an der Stimme kenntlich, in gelbseidenem Mantel mit tollen Fabelstickereien, einen züngelnden Katzenkopf vorgebunden. Als sie die weißen Sachen für den Kaplan aus einem Schrank herausholte und auf die grüne Chaiselongue ausbreitete, wurde sie sehr langsam in ihren Bewegungen; Robert zeigte ihr dies und das, was sie dann auch hinlegte; er drängte sie, schob sie, als sie zum Schluß zögernd vor der Chaiselongue stehen blieb, zur Tür hinaus: „Hochwürden wird sich vor uns schämen.“ Hochwürden aber lachte und fieberte; er war leidend, hilfsbedürftig und fühlte dabei mit Entsetzen, daß ein Rausch von seinem Kopf und seiner Brust Besitz nahm, daß eine wilde Begierde über seine Arme, über seinen Mund schlich. Er knüllte mit raschelnden Händen an den Sachen, sah sich im Zimmer um. Automatisch zog er an, was man ihm hingelegt hatte. Schwindlig ging er auf den Zehenspitzen über den Korridor in die bunten Zimmer. Gelächter, Kreischen und Wiehern empfing ihn. Die Damen, nachdem sie herbeigerannt waren, versteckten sich in die verhängte Ecke des Zimmers, die vier Herren tobten um ihn im Kreis; sie

stampften bocksbeinig einen wütenden Ringeltanz um ihn und zerrten ihn durch die Zimmer. Weit schlotterte und wehte, entblößend um seinen schmächtigen Rumpf, das rotgebänderte ausgeschnittene Nachthemd Alices; ein grünes Seidentuch, ein Zigeunertuch, hatte er über die nackten dürren Schultern gespreizt. Die Herren rissen es ihm aber ab, legten es über, bliesen es weg. Perlenbesetzte Nachtpantöffelchen schleifte er an den Zehen, hellblaudurchbrochene Strümpfe rutschten ihm herab von den Stöckerbeinen; über die angeklemmten Strumpfbänder stolperte er. Er hatte nicht gesehen, was er anzog; er tanzte mit den Herren, freute sich, suchte Alice, und lachte, weil alle lachten und hätte gern gesehen, daß sie mitlachte. Seine langen graublassen Arme schwang er über seinen Kopf; wie die Gebeine eines Totentanzes wehten und sanken sie oben durch den Dunst. Die Katzenmaske griff ihn, als er zum zweiten Male durch die Wohnung gewalzt und, gewirbelt wurde, am Hemdenausschnitt, fauchte die Herren weg, zog ihn auf den Korridor. Sie riß sich die Fratze ab; ihr Gesicht glührot bebte: „Was tun Sie hier in den Sachen, Hochwürden? Was lassen Sie sich bieten?“ „Wer bietet mir etwas? Ich weiß nicht, daß mir irgend jemand etwas bietet.“ „Es ist schon ganz unnatürlich, was Sie mit sich machen, Hochwürden.“ Der Kaplan sah an dem wallendem Hemd herunter, spielte mit den roten

Bändern, während sie sich abdrehte: „Nehmen Sie doch die Hände davon.“ Er zitterte sichtlich: „Ich finde, daß Sie mich alle mißverstehen.“ Resolut riß das Fräulein die Tür zu ihrem Schlafzimmer auf: „Ziehen Sie sich um und gehen Sie. Kommen Sie nicht wieder herein. Morgen will ich Sie sprechen, Hochwürden. Ich muß Sie sprechen.“ Er stöhnte: „Ich will hier bleiben bei Ihnen. Was wird morgen sein? Warum schicken Sie mich hinaus,“ sie war schon fort.

In der Nacht heimkehrend steckte er die Gasflamme in seinem Zimmer an. Aus seinem Schrank hob er mit schwankenden Armen den schwarzen Regenschirm, tastete nach der Büchse Schuhcreme im Fach. Er fingerte unsicher über Schirm und Büchse, packte sie auf einen Stuhl unter dem Bilde des heiligen Sebastian, warf sich in einer unbezwinglichen Bewegung auf den Boden, aufgewirbelt und fast ohne Besinnung, schrie: „Herr, mach ein Ende! Noch Sekunden laß mich irren, noch Minuten, wenn du es willst, nicht länger, Herr ein Ende!“

Als er morgens erwachte, brannte noch das Gas über ihm. Er war am Boden eingeschlafen. Er fand sich voll inwendiger Sehnsucht nach Alice und hatte das Gefühl, daß dies ein gebenedeiter notwendiger Tag sei.