Mamsell. Komm doch mal runter zu mir. Runter mußt du.“
Sie ließ das hilflose Menschengerüst halb über ihre Knie rutschen. Bertha erstaunte: „Gotte doch, ich tu dir ja nichts. Du bist doch ein propperer Kerl. Mal was Besonderes. Das ist ein feiner Gedanke von Robert gewesen, statt dem ausgebliebenen Geburtstagsgeschenk.“
Der Kaplan lag zwischen ihren Armen; mit den Knien wippte er gegen den Boden; er balancierte sich mühsam auf ihrem Schoß zurecht; er wollte sich oft aufrichten und tastete nach seinem Stuhl, fiel wieder zurück. Sie bückte sich über ihn. „Soll ich dich mal ordentlich abknutschen jetzt, Mamsell, weil ich dich grad so habe; für die gelben Rosen, daß dir die Ohrlappen brennen? Was meinste?“
Er flüsterte nach einer Pause, mit einem versonnenen Ausdruck: „Willst du das tun? Bertha? Ja, so tu es doch.“
Sie küßte ihn weidlich, auch seinen Kopf, wobei sie mit einem Blick auf die Tonsur klagte, daß ihm schon die Haare ausfielen. Er hob sich währenddessen immer mehr an ihr Gesicht, drängte sich gegen ihren Mund. Sie streichelte ihn: „Was machst denn, Mamsell?“
Er blickte mit verwirrten Augen an die geweißte Wand: „Nur träumen tu ich.“
„Scheint dir ganz gut zu schmecken,“ Schwach lächelnd saß er wieder auf seinem Stuhl. Sie zog sich gegen das Fenster, lockte ihn: „Na, mein Junge, hängste noch an der Stange? Komm mal zu mir: komm doch mal her. Gibt Zucker. Beine durchgedrückt. Immer feste ran an die Gewehre.“ Ihren feisten Hals hielt sie ihm entgegen, er legte sein Gesicht an, schwindlig, mit geschlossenen Augen. „Ne, du begaunerst mich. Augen aufgeklappt. Siehste.“
Am Sonnabend suchte der Kaplan seinen Beichtvater, den Bruder Vincenz auf, der neben ihm wohnte. Er öffnete sich dem Pater, breitete es vor ihm aus, führte den entsetzten Mann vor alle Dinge. Schließlich gingen sie auf das Zimmer des Kaplans; der schloß seinen Schrank auf, zeigte den Schirm in der Ecke, der mit Bindfäden zugebunden war. Auf den Wunsch des Paters spannte er den Schirm, hielt ihn lächelnd über ihre Köpfe mitten im Zimmer. Friedlich und ganz unzugänglich blieb er: „Ich will alles tun, was Sie für nötig erachten. Nur habe ich das Gefühl, das unabweisbare, unbezwingliche Gefühl, daß ich nicht verstoße gegen die heiligen Vorschriften mit meinem Tun.“ Der elastische grauhaarige Pater setzte sich, die Arme kreuzend, auf einen Schemel unter dem Bild des gemarterten Sebastian, der zum Himmel blickt, während ihm die Pfeile im Fleisch stecken: „Wenn ich Sie nun
nochmal frage, Bruder Anselmus, ob Sie unzüchtige Gedanken gehegt haben in den Straßen oder in den Wohnungen, unzüchtige Bewegungen ausgeführt oder geduldet? Was antworten Sie ohne jeden Umschweif?“ „Ich habe keine Unzucht getrieben und nichts Schlechtes gedacht. Halten Sie mich nicht für einen Verbrecher. Ich habe eine sanfte Empfindung für die Frau mit Namen Alice Dufoult, aber ich kann nicht drüber sprechen. Ich dachte, vorhin, als ich den Regenschirm über uns beide ausspannte, fühlten Sie es auch.“ „Bruder Anselm, Sie sind verliebt in das Mädchen, Sie begehren sie.“
„Das sind Worte, die mich nicht treffen. Ich habe eine sanfte Empfindung in mir, die sehr stark ist. Ich bete und mein Gebet ist innig. Ich fühle mich in keiner Weise geändert.“ Und dann schwammem seine Augen, er berührte den Pater am Ärmel. „Meine Auffassung klingt unmöglich, ich weiß. Ich staune, was mit mir geschehen ist.“ Wieder hielt er inne; seufzte mit einem Blick auf den umgefallenen Schirm, den Beichtvater, die kahle Zimmerwand. „Freilich schillert manchmal alles, jedes in mir, bewegt sich von mir weg. Dann habe ich den Wunsch, daß ein Ende einträte damit. Verstehen Sie das?“ Der Pater schüttelte den Kopf und schwieg. Als er sich erhob, gab er dem Kaplan eine kleine, kleine Bedenkzeit.