Der Alte schirrte den Hund ab, an die Leine unter einem niedrigen Schuppen, schüttete, den Eimer auf den Knien und geduckt, dem schnappenden Tier Abfall vor. Sie gingen nicht gleich ins Haus. Neben dem Wagen, der sich in den weichen Schutt tief mit den Rädern eingrub, saßen sie auf umgekehrten Kiepen vor dem Gemüsegarten. Die Spatzen schrien, der Stieglitz rief weiter. Der Alte murrte: „Wat die nu zu krähen haben.“

Sie saßen still nebeneinander und sahen geradeaus. Braune Klinkersteine von Öfen lagen da und blitzten. Dann fing der Vogel wieder an: „Kwiwitt, kwiwitt.“

„Man wird doch seine Ruhe haben können vor die Äser“; einen Stein nahm der Alte, schmiß ihn über den Zaun in das Laub hinauf, der Vogel flog fort. Nicht lange fing leise im ersten Stock eine Handharmonika an, wimmernd und stöhnend; die Musik kam hinter ihren krummen Rücken her und ging mit der Luft. Nach einer Weile wiegte die

vertrocknete Großmutter den Kopf unter ihrem Umschlagetuch: „Et zieht; ick jeh rin.“ Unbeweglich saß er, mit den Armen auf den Knien; die Klinkersteine flammten. „Jeh man.“ Er hörte auf die Musik.

Die Blicke der beiden waren wie Gummiringe, die allmählich überweitet wurden; die Haut hing als ein zu weiter Lumpensack um ihr Gestell. Grausam verrunzelte Gesichter boten sie dem Licht. Bei Tag fuhren sie Hundefutter durch die Stadt, an den Markthallen lasen sie Fleischabfall, halbverweste Fische, Kartoffeln, Schalen auf. Das Sprechen hatten sie sich abgewöhnt. Ihre Knochen taten unermüdlich den Dienst, Maschinen, die einmal angelassen waren, trugen das Herz, das träge und zögernd sein Ticktack machte, die keuchenden Lungen; und die Köpfe schaukelten auf den verdorrten Hälsen.

Rasch wurde es finster. Und wie die beiden auf ihrem stummen Zimmer wirtschafteten, schlug der Hund an. Mannesschritt auf den Stufen, eine derbe Gestalt steckte den Kopf in die dunkle Küche, knipste und der weiße Lichtkreis lief über Säcke, Töpfe, Herd und ein Durcheinander von Konservenbüchsen: „Sind Naßkes hier? Ist das dunkel! Ne, ist das dunkel!“ Ein zweiter Mann kam herauf, stand neben ihm, behelmt, ein Schutzmann mit dem Revolver am braunen Gurt. Die beiden Alten saßen auf der Matratze im Zimmer nebenan. Sie knuffte ihn in die

Seite, zischte: „Du“ und zeigte nach der Küche. Er tat als ob er schlief. „Warten Sie mal, Fiebig, Sie brauchen nicht mitzukommen,“ sagte der bärtige Mann an der Küchentür, „bleiben Sie draußen, lassen Sie aber die Hoftür offen.“ Vorsichtig stieg er durch die verstellte Küche, stieß die Stubentür auf: „Warum meldet ihr euch denn nicht? Wenn man euch ruft? Was? Sie sind Naßke?“ Der Alte krabbelte unter dem stechenden fahndenden Lichtkreis hoch, stützte sich gegen die Wand. „Sind Sie Naßke? Sagen Sies doch. Wo ist denn die Alte? Na, verkriechen Sie sich man nicht, Großmutterken; wir kriegen Ihnen schon.“

Er hob sie unter den Lumpen hoch: „Die Beenekens taugen wohl nicht mehr. Aber es langt noch.“ Die Alte kreischte, hob die Hände über den Kopf und drehte sich nach der dunklen Wand zu. „Ne, olle Dame, schreien hilft nischt. Stehen Sie mal janz uff; Sie sollen mitkommen uff’s Revier.“ „Ick hab’ nich jestohlen, Herr Wachtmeester,“ plärrte die Frau. „Das können Se nachher erzählen. Hut haben Sie woll nich?“ „Ick hab’ nischt jestohlen und ick hab, nischt jestohlen.“ Sie gingen vor dem kräftigen Mann mit gesenkten Köpfen her. „Nu mach man bloß kein Klamauk hier. Fiebig, Sie gehen mal rauf hier oben. Dett sind doch eure Freinde, die lange Emma und der dufte Rutschinski, alles auf einen Haufen. Den Leutchen gehört der Hund, Fiebig; sagen Sie von

wegen Nummer sicher mit die Naßkes und kucken Sie sich bei die Jelegenheit ein bißchen um.“ Er flüsterte dem Schutzmann ins Ohr: „Vorsicht; ich warte solange.“

Sie hatten am Vormittag in einem Haus von Rummelsburg den Mülleimer durchsucht. Als sie mit ihrem Sack durch den Hausflur kamen, stand ein Bierwagen vor der Tür; der Bierfahrer hatte einen leeren Bierkasten im Hausflur abgestellt, während er durch einen Hintereingang eine frische Ladung in die Restauration trug. Versehentlich tat der Mann sein Beutelchen mit Kleingeld statt in die Tasche in ein Schubfach des leeren Kastens. Naßke griff unbedenklich im Vorübergehen danach; sie fuhr ängstlich hinter ihm her, schimpfte leise: „Wat willste denn damit? Leg wieder hin.“ Er tauchte den Beutel in seinen gleichmütig abgeschulterten Lumpensack, öffnete die Tür, sie sockten langsam mit ihrem Wagen um die nächste Ecke. Die Frau schob hinten an dem Karren; sie war ängstlich; er hatte das Gefühl: „Die Sache hat ihre Ordnung; dem Dicken haben wirs besorgt.“ Er kaufte sich bei einem Händler in der Kneipe eine Stange extrafeinen Priem; sie ein paar wollene Pulswärmer, eine Flasche süßen Likör und ein kariertes Umschlagetuch. Der Rest des Geldes wurde am Boden zwischen die Bretter des Karrens geklemmt.