Man fuhr die abgelebten widerspenstigen Geschöpfe nach Moabit hinaus. Ihn steckte man zusammen mit

einem behäbigen schlauen Bruder, der schon öfter ein Ding gedreht hatte. Zuletzt hätte er eine schöne Stange Geld geerbt, erzählte er dem Alten, den er mit den Worten begrüßte: „Mensch, dir hätten Se ooch lieber gleich in de Müllkute lassen können.“ Er suchte „die olle Mumie“ zu bewegen, ihm etwas zu erzählen. Als der schwieg und immer giftig auf die Diele hinsah, reizte er ihn: „Wat hast du denn jeklaut? Nen doten Heringsschwanz, wat? Und denn gleich jekocht in de Sechserkneipe und alleene uffjefressen.“ Der Alte blieb stumm. Er war mit einem dumpfen Grimm gefüllt; wenn er störrisch die Suppe herunterschluckte und seinen Teller ausleckte, fuhr der Dicke vor ihm zurück: „Beiß mir man nicht; sonstens bestell ick ’nen Maulkorb.“

Eines Morgens greinte und quakte Naßke: „Mein Zahn wackelt.“ „Wat soll ick denn damit?“ „Ick will ’nen Balbier haben für mein Zahn.“ „Wat is?“ „Ick will ’nen Balbier haben.“ „Laß dir ausstellen im Zoologischen, oller Affe mit dein Zahn.“ Der Alte knarrte weiter; der andere meinte ruhig: „Wenn de noch viel jaulst, kriegst eins in die Fresse und der Zahn hoppst raus.“ Zwei Wochen saß Naßke; am Abend bevor er entlassen wurde, brummte er wieder. Der Gauner fragte: „Wat möchste?“ Naßke sah vergrämt vor sich hin und sagte nach einer Pause: „Wat man möchte? Man möchte am liebsten dot sin.“

Im ersten Stock bei Naßkes wohnte Emma mit dem duften Rutschinski. Rutschinski ging in der Zeit, während die beiden festgenommen wurden, nicht aus, weil er sich den Fuß auf der Treppe umgeknickt hatte. Er war ein großer schlanker Mann, hatte ein schönes volles Gesicht. Seine schöne Figur hatte sein Schicksal bestimmt. Sobald er das erste Mal keine Arbeit fand und spazieren ging, entdeckten zwei ledige Fräuleins seine schwarzen Haare und die stumpfe Nase, dazu ein Paar grade Beine. So spazierte er bald weiter mit einer samtenen Mütze und der kecken Strizzilocke auf der Stirn; die ledigen Fräuleins arbeiteten für ihn. Nun beschützte er die lange Emma, ein blondes ehemaliges Kindermädchen. Wenn es soweit war mit dem Geld, wollten sie heiraten und ein Gemüsegeschäft aufmachen. Als die Naßkes in Moabit saßen, sagte Rutschinski, Emma solle flott verdienen gehen, sie wollten den alten Leuten ein kesses Abendbrot zukommen lassen und einen Anwalt bestellen.

Am nächsten Morgen um sechs entstand vor der Rettungswache Ecke Fredersdorfer Straße ein großer Lärm. Emma wurde von einem Mann hereingeführt am Arm. Sie torkelte. Sie hatte eine Kratzwunde an der Stirn, ihre Nase und Oberlippe blutete; in Strähnen fiel ihr das blonde Haar zottelig auf die Schulter. Die Blumen auf ihrem Hut halb heruntergerissen; die weiße Bluse mit Straßenschmutz

beklebt. Der Mann hielt ihren Sonnenschirm in der Hand; er war mitten entzweigebrochen, die Stangen mit dem roten Bezug hingen. Aus einer Seitentür des hellen viereckigen Raumes, in dem Instrumentenschränke, Verbandkästen standen, stampfte gewichtig ein älterer Mann in einer weißrotgestreiften Bluse mit bloßen Armen; er trug eine Stahlbrille, in der Mitte des Schädels waren ihm die Haare ausgegangen; an den Seiten wuchsen sie buschig, bösartig nach vorn, schwarz und grau. Er sah, die Arme in die Seiten gestemmt, zu, wie der Arbeiter prustend das Mädchen über den Boden schleifte und hingleiten ließ. Er kommandierte grimmig: „Legen Sie den Schirm daneben. Die Person kennen Sie natürlich nich? Na, dann kennen Se gehen.“

Emma schnarchte am Boden; der Schleim hing ihr aus dem Mund und bildete schon eine Lache auf dem Linoleum; ein Dunst von Schnaps und Tabakrauch ging von ihr aus. Die Treppe im Hintergrund des Raumes sprang ein Herr im weißen Mantel herunter; lang, schmalwangiges Gesicht, geschäftsschlaue Züge, muntere Bewegungen. „Herr Doktor,“ rief ihm der Heilgehilfe entgegen, der noch immer mit eingestemmten Armen vor Emma stand, „ein neuer Fall.“ „Das sieht ein Blinder, Walter. Wenn Sie weiter nischt von mir wollen, kann ich ja wieder gehen. Aber ’ne feine Nummer für den frühen Morgen. Man sollte es nicht für möglich halten. Die hat sich aus der

Linienstraße hier rauf verirrt.“ „Haben wir jetzt alle selber hier am Ort, Herr Doktor.“ „Na sehen Sie zu, Walter, klingeln Sie’s Revier an.“

Der Heilgehilfe war mit dem Mädchen allein. Er ging um sie herum, spuckte verächtlich zu ihren Füßen aus: „Pfui!“ Aus dem Verbandsschrank holte er einen Wattebausch, goß einen Schuß Salmiak darauf, stubbste es hinkniend der schnarchenden Person unter die Nase. Die drehte den Kopf ab, spuckte aus. Er folgte hingekniet mit dem Bausch, klammerte ihren zerzausten Kopf in seinen linken Arm fest. Sie schlug mit den Beinen. „Wat hat det Luder für ’ne Kledasche an. Stiefeletten bis unter die Knie.“ Ihre blauseidenen durchbrochenen Strümpfe kamen zum Vorschein. Mit einem Ruck wand sie ihren Kopf aus seinem Arm, kauerte hin, dann kroch sie wie ein Hund auf allen Vieren bis an den Verbandtisch, während ihr die Haare über das verschwollene Gesicht hingen, richtete sich prustend hoch; er dicht hinter ihr mit dem Lappen. Sie taumelte zur Wand hin, zerrte an dem Schloß des Verbandskastens, beschmierte die Scheibe mit ihrem angepreßten Gesicht. Er schleuderte sie zur Seite: „Mensch, nimmste die Pfoten weg.“ Von hinten preßte er der Torkelnden wieder den scharf riechenden Bausch von den Mund, sie würgte, brüllte, stürzte seitwärts auf die Hände. Der Doktor rief hell von drinnen: „Sie werden wohl mit dem Weib

nicht fertig, daß die so schreit?“ „Wird eben wach, Herr Doktor.“ „Na schön.“ Das Gesicht Emmas war dick gequollen, ihre Augen tränten. Der Mann mit der Glatze nahm sie, die wieder kroch, von rückwärts über sie gebeugt, die Zähne zusammenbeißend, auf den Arm, schleppte und krachte sie auf den Verbandstisch hin; er flüsterte: „Jetzt bleibste aber liegen, olle Toppsau du.“ Schwapp, die feuchte Ladung saß wieder im Gesicht. Sie fing an zu ringen, mit den Beinen zu strampeln, um vom Tisch zu kommen und dem stechenden Dunst zu entgehen. Er drückte sie mit seinem breiten Oberkörper nieder, stemmte ihre Knie herunter, hielt sie umklammernd gegen die Tischplatte. Er knirschte, der Schweiß machte seine Glatze feucht und glänzend: „Läßt du meine Bluse los, Dreckfink gemeiner. Schämen sollste dich, daß du dich so aufführst, schämen sollste dich, schämen sollste dich!“ Sie kämpfte erwachend immer heftiger, er ließ von ihrer Nase nicht ab. Wie sie, während ihr die Kleider bis an das Gesäß hochrutschten, vom Tisch herunterstrampelte und ihm über die Backe kratzte, wuchtete der grimmige Mann zurückfahrend, atemlos seine rechte Faust mit dem Lappen zweimal auf ihrem Mund, gegen ihre Zähne, daß sie stöhnte, geiferte, die Augen aufriß. Sie saß auf dem Boden vor dem Tisch, sabberte: „Herr Rat, ich kann ja nichts davor. Tun Sie mir nichts.“ „Tu man nich noch so dämlich.“ „Der Franz hat mir