zuerst geschlagen mit mein Schirm, Herr Rat.“ „Jetzt stehste uff und hältst die Klappe.“ Er ging an den kleinen Spiegel über dem Waschbecken, wischte sich mit einem Sublimattupfer die lange Kratzstrieme.
Draußen klinkte die Türe; ein fahler junger Mann in einer blauen Pelerine polterte herein. „Franz,“ gröhlte Emma heiser, „Liebling, Liebling! Komm doch her. Es ist mein Bräutigam.“ „Ja, sie meint mir.“ „Ick tu mir was an, wenn du nicht zu mir kommst.“ „Beruhige dir doch, Emma; es is weiter nischt.“
Mit einmal blinzte sie gegen ihn hin: „Det will ’n Rechtsanwalt sind,“ sagte sie blickend, am Boden herumkrabbelnd, „det will mein Bräutigam sind? Un nachher wird er mein Schirm an mir kaputt hauen. Wat willste denn hieer? Die Naßkes kommen ooch ohne dir raus.“ „Aber Emma.“ „Wo bin ich denn deine Emma, du Bedrieger. Herr Rat, det is ein Bedrieger.“ Sie hatte sich am Tisch aufgerichtet, schimpfte lauter und drohte gegen den kleinen Mann, der sich neben den Heilgehilten stellte: „Mit dir wer ick schon mal abrechnen. Erst macht er ein besoffen und nachher will er Vorschuß von eim habn. Wofür denn? Der ’n Rechtsanwalt? Du —“ Sie wollte auf ihn zu, der Mann mit der Bluse hielt sie fest; er drückte sie auf den Stuhl: „Setzen Se sich man und quasseln Se hier nich noch.“ Sie
fuchtelte, rückte sich den Hut zurecht. Der alte Mann verpflasterte ihre Nase, steckte ihr mit bösen Blicken die Haare fest.
Am folgenden Tage wurde Emma von der Polizei entlassen. Die Naßkes hockten schon wieder zu Hause. Rutschinski empfing seine Braut mit den Worten: „Dir sollten sie lieber rausgeschmissen haben auf der Unfallstation statts dir zu verbinden.“ Sie holte aus ihrem Strumpf Geld, das sie von ihrem ersparten genommen hatte; er zählte besänftigt: „Na fleißig bist ja gewesen, Emma, olle Schmalzbacke. Aber mach mir bloß nich sone Zicken, besonders wenn ick een krankes Been habe und nicht mitkann.“ Als er nach ihrem Schirm fragte, erzählte sie ablenkend, schmeichelnd von dem kleinen Franz, den er kannte; er kriegte einen Grimm, versprach, indem er sich in die Hand spuckte, die Handflächen gegeneinander rieb und dabei pfiff, Abhilfe zu schaffen.
Naßke konnte sein Hundefutter nicht mehr loswerden. Zwei Kollegen waren ihm zuvorgekommen. Er fand aus seinem Groll nicht heraus. Der Hunger war in ihrer Wohnung; der Alte ließ sich nicht bewegen zu arbeiten. Wenn er bloß den dicken Bierfahrer unter die Finger kriegte. Sie wickelte sich große Zeuglappen um ihr geschwollenes Bein, legte gekautes Brot unter. Er näselte: „Wat pusselste immerzu an det Been? Det schene Brot rufflegen.
Wennstes bloß ausspucken tust, brauchst et ooch nich zu essen.“ Sie keifte und stubbste ihn unter das Kinn: „Und wenn du oller Dusselbart bloß quasseln tust, kannste gehn. Mit deine Schlauheit brauchste dir nich dicke zu tun.“ Sie schwiegen auf ihren Matratzen. Dann sagte er: „Ick häng mir uff.“ Sie packte ihn vor Wut und schüttelte ihn: „Uffhängen kannste dir soviel du willst. Und ick zahl noch een Jroschen zu und jeh mit Emman in ’nen Kientopp.“
Rutschinski hinkte herunter zu dem Alten, der sich nicht aus dem Haus bewegte und die Alte allein mit dem Wagen ließ; er fragte ihn, warum er sich denn aufhängen wollte. Naßke bellte: „Wat jeht denn dir det an? Ihr seid Grünschnäbel. Du fragst mir ooch nich, wennste deine Emma vermöbelst. Ick kann mir uffhängen, wenn ick will.“ Rutschinski stellte ihm eine Flasche Schnaps auf das Fensterbrett: „Son oller Mann und sich uffhängen, det hat keenen Dreh. Naßken trinken Se man eins mit Muttern.“ Der Alte winkte ab. Er saß in dem wüsten Zimmer allein auf der Matratze, hockte stundenlang. Sein welkes Gesicht war bitter. Wie es Abend wurde, die Vögel zankten und sangen, trank er in einem Winkel einen Schluck Schnaps, ging in den Hof, holte eine alte Hundeleine aus dem Schuppen und hängte sich an einem Fensterhaken auf.
Da hing er, hinter einem übergelegten Sacklumpen, mit zusammengeschnürtem Hals, wie ein leichtes langes Paket an einem Seil und schwankte nicht.
Der Brückenbogen schwamm über den Kopf weg; eine Schnelle hob den Kahn, senkte ihn in einen Brunnen; glatt und frei sank der Kahn, eine angeblasene Feder, versank.