Die Alte zottelte mit dem Hundewagen an; kauerte auf der Kiepe vor dem Gemüsegarten. Müde lahmte sie durch die Küche ins Zimmer. Als sie das Bündel am Fensterhaken hängen sah, stand sie gebückt, faltete die Hände über der Schürze und sah regungslos lange Minuten hinüber. Sie blieb ganz kalt, schüttelte den Kopf: „Nu hat er sich richtig uffjehängt, der olle Struckräuber. Der fragt ooch nich nach Gott und de Welt.“ Durch die Tür keifte sie nach Emma und Rutschinski, zeigte ihnen die Leiche: „Da hängt er.“ Rutschinski fragte: „Aber Großmutterken, warum schneiden Se denn Ihren Ollen nich ab?“ Sie scharrte ärgerlich in die Küche; nach einer Weile piepste es zurück: „Ick soll ihn nu noch abschneiden, den Struckräuber. Vor sonen Doten ekle ick mir.“ Später, als die Leiche auf der Matratze lag, sagte sie zu Rutschinski: „Raus mit dem. Mach dir uff die Socken.“
Die Tage vor dem Begräbnis fuhr die alte Naßke nicht mit dem Karren; Emma brachte ihr zu essen; wenn sie im Garten auf ihrer Kiepe saß, spielte
Rutschinski der Großmutter auf seiner Mundharmonika vor, aber nur lustige Stücke, Gassenhauer. Und nach der Beerdigung, am Nachmittag nahmen Emma und Rutschinski die Frau unter die Arme, und sie marschierten langsam die sommerlich warme Chaussee herunter. Emma trug eine kleine schwarze Kapotte; ihr Gesicht war noch verpflastert, die Lippe geschwollen; an den Mundwinkeln der tiefe Dirnenzug; über ihr helles Kleid hatte sie ein dunkles langes Jackett gelegt. Der dufte Rutschinski, blaß, den schwarzen Schnurrbart mit Bartwichse hochgezwirbelt, ließ seine lebendigen Augen rechts und links gehen; auf dem glattgescheitelten Kopf saß der steife schwarze Hut schief, die Strizzilocke unentwegt in der Stirn, im schicken grauen Anzug mit einem Knotenstock; eine rote Nelke im Knopfloch. Sie schleppten die Alte, die unter ihrem neuen karierten Umschlagetuch verschwand, in den grünumzäunten Garten einer Budike, an dem Eingang war ein kleines Holzschild angebracht: „Hier spielt Bismarck.“ Sie setzten sich; Emma raffte ihr Kleid, holte aus dem rechten Strumpf über dem Knie ihr Portemonnaie, gab es Rutschinski.
Frau Naßke schwieg hinter ihrem Kognak, sie schien zu frieren. Emma flüsterte: „Sie is noch jiftig auf den Ollen; nich dran tippen.“ Der dicke Kneipier mit einer mächtigen Bierschürze stellte sich neben den Tisch; Rutschinski stand auf: „Ein
scheener Dag, aber traurig. Der olle Mann hat mit Hundekuchen gehandelt und denn, wie et is in die schlechte Zeit, Se können sich denken —“ „Is woll dot?“ Rutschinski sagte bei Seite: „Hat sich das Jas alleene abjedreht.“ „Ne sowat. Die arme olle Frau.“ „Die redt keen Ton. Machen Se ’n bisken Musike. Wo is denn Bismarck?“ „Wird gleich serviert.“ Der Hausdiener mit der ungeheuren Glatze setzte sich drin an das Tafelklavier. Rutschinski faßte seinen Stock kurz; wenn mal der kleine Franz hier wieder einkehrte, solle der Kneipier nach ihm schicken: „Mit dem will ick mal unter vier Oogen sprechen. Det is mein Freind. Kucken Sie sich mal die Neese von meine Braut an.“ Emma mit den blonden Haaren hielt die alte Naßken umfaßt, redete ihr zu einem Schnäpschen zu. Die nippte und lächelte schwach. Bismarck klimperte. Auf der Buche vor dem Lokal zwitscherten die Vögel; ein Junge klatschte mit seiner Peitsche: „Sie, mein Triesel, nich rufftreten.“
Der Stieglitz sang:
„Des Menschen Gemüt hoch aufgeblüht soll sich nun auch ergötzen zu dieser Zeit, mit Lust und Freud sich an dem Maien letzen. Und bitten Gott gar eben, er wolle weiter Gnade geben.“
Vom Hinzel und dem wilden Lenchen
Im Schwarzwald, nicht weit vom Mummelsee, wo es herunter geht nach Rappweiler, mitten auf einem grünen Wiesenanger lag ein Anwesen, das behütete allein der alte Herkel, Bill geheißen, mit seiner Tochter Lene. Sie wohnten in einem Häuschen, das ganz aus wurmstichigem Holz und verfallen war. Das schräge Moosdach fiel auf der einen Seite bis auf die Erde; die Schweine quietschten hinten im Stall und der große Hund Wulfi schnüffelte und kratzte am Zaun. Der alte Bill rasierte sich nicht und ließ sich nicht den Bart scheren, seitdem Frau Suse gestorben war. Mit Stiefeln, durch die das Wasser rann, mit einem Gesicht, bewachsen wie der Rübezahl, braunrot, schlurrte er morgens auf das Äckerchen; Wulfi bellte, bis er ihn losband. Und manchmal, wenn Bill spät aufstand und vor der Türe in der Sonne saß, nahm er einen Sack aus dem Stall, warf ein ganzes Brot und sechs Hände Kartoffeln hinein; er hustete lange und spuckte und sagte durch die Küchentür: „Ich geh mal rüber, ob die Zwetschgen schon reif sind.“ Dann kramte er den Stecken aus der Lade, schulterte den Sack um und zottelte langsam über das Feld, tapps, tapps, tapps, bis er nicht mehr zu hören war. Lenchen wußte, daß er dann drei Tage nicht wiederkam.
Hinzel, der Knecht, schlurrte öfter herüber zu Lenchen,