in ein älteres Ehestandsregister, daß er ihre Wahl billige, im übrigen aber auf Grund einer genau explizierten Verwandtschaftstafel sie besuchen werde, aus welcher Tafel klipp und klar hervorgehe, daß man mit Fug von einer Padrutzer Seitenlinie der Lobensteiner Dynastie sprechen könne. Den Beweis, Beleg usw. dafür werde er der schönen Dame in zwei Monaten selbst überbringen. Vorläufig suspendiere er als Familienoberhaupt trotz erheblichen Wohlwollens das Fräulein von der Herrschaft und setze sie ab wegen landeskundiger Mesalliance.

Er schloß in Eile ein Schutz- und Trutzbündnis mit zwei kleinen Reichsfürsten an der Grenze Hessens, die versprachen, dies Gebiet zum Abschrecken auf sechs Meilen zu verwüsten, tobte waffenschüttelnd durch das erstaunte Europa, das sich von den Kriegen des Napoleon sehr langsam erholte und nicht daran dachte, wegen Lobenstein und Padrutz einem Soldaten die Patronentasche umzuhängen. Der versprochene Beweis, Beleg gelang unter diesen Umständen dem entschlossenen Stoffel außerordentlich glatt; er zwang die kratzbürstige Philine von Padrutz, die sich mit einer neumodischen Krinoline wichtig tat, sich sofort mit jenem gewissen Hauptmann und Fouragehändler aus der Stadt zu verheiraten, obwohl sie erklärte in Anbetracht der sechshundert blanken Gewehrläufe, daß sie sich besonnen hätte im letzten Augenblick und leidenschaftlich für Familientradition

schwärme; auch Herr Ekbert wäre nicht ohne nennenswerten Charme. Aber der Herzog Christoph erklärte, daß eine schwankende Gesinnung keinen guten Eindruck auf ihn mache, bei den Lobensteinern auch der entfernten Linie nie vorkomme und daß er sich daher des Verdachts nicht erwehren könne, mit ihr als einer untergeschobenen Tochter zu verhandeln. Angesichts dieser Sachlage und des passiven Verhaltens der Wiener kaiserlichen Behörden ließ Philine dann ihr Reich, samt allem Volk, Kirchen, Boden, Vieh und Vogel auf knapp fünfundzwanzigtausend Gulden abschätzen, wurde Frau Hauptmann, zog nach Prag in die Nepomukgasse und war erledigt.

Einmal da, besah sich Herzog Stoffel Land und Leute, ließ alles Hab und Gut von seinem Sekretariat in zwei Folianten nebst Anhang und Register aufschreiben; die bemerkenswerten Menschen- und Tiertypen des Gebiets ließ er zeichnen und kolorieren, und zog wieder unter großem Gedröhn, furiösen Siegesbulletins quer durch das schlafende Deutschland nach dem stillen Lobenstein. Da sagte er: „Wir wollen uns jetzt einmal in Ruhe des neuen Besitztums erfreuen.“ Stracks ging die Regiererei los. Herzog Christoph verlangte von seinem Ministerium täglich nach dem Morgenkaffee eine gewisse Mindestzahl von Edikten, Erlassen zur Unterschrift; lieferte das Ministerium weniger Erlasse, so war es notorisch faul. Jetzt schwelgte er; genoß die Padrutzer Akquisition;

in Stößen rückten die Manuskripte und Aktenbündel an, krachten auf seine Dielen, Das Kabinett lieferte dem Padrutzer Lande, Mann und Maus, in Vor- und Nachsitzungen neue Schlachten. Es waren die mannigfachsten Behörden einzusetzen über die Padrutzer Erblande, Steuer-, Kirchen-, Verwaltungsbehörden, Gendarmerie, Obergendarmerie, ein Heroldsamt, Unter- und Oberrechnungskammer. Man gab den Metzgern die Lobensteiner Originalvorschriften über das Schlachten, den Böttchern einen erprobten Anweis über die Zahl der Hiebe, nach denen ein regelrechtes Faß rund wird; sollte es in dieser Zeit nicht rund werden, so fange man getrost ein neues Faß an, denn aus dem widerwilligen alten wird doch nichts. Um etwaigen Hungersnöten vorzubeugen, belehrte das bewegte Kabinett die Insassen der Padrutzer Erblande im vornherein, man könne mit den Bissen in guten Zeiten sparen; ein Maul, das sich gewöhnt hätte, in zehn und zwanzig Bissen einen Wecken klein zu kriegen, würde viel eher dem grausen Hungersgespenst entrinnen als eins, das „Haps“ macht und schon ist alles verschlungen wie ein biblischer Jonas von seinem gefräßigen Leviathan. Man hatte damals noch keine regelrechten Posten oder Telegraphen; das Befördern der herzoglichen Edikte stieß auf Schwierigkeiten; jetzt waren immer an zweihundert Mann mit Pferden, Wagen, Gewehren, großem Proviant unterwegs, zogen

zur Donau herunter, durch das rauflustige Bayerland, auf Schlängel- und Schleichwegen, heimlich und verschwiegen mit ihren gewichtigen Dokumenten, fingen, sobald sie zwischen den Padrutzer Grenzpfählen einrückten, ein gräßliches Tuten und Trompeten an auf Lobensteiner Art und rächten sich in dieser Weise für ihre Verschwiegenheit während der Fahrt.

Die Padrutzer waren wie Bauern, kümmerten sich den Teufel um Grafen, Patrone und Erbfolge, um Ekbert, Wien und die Nepomukgasse, stachen ihre Schweine, fuhren ihren Mist. Wie der Lobensteiner Herzog für das Regieren sein Kabinett hatte, so hatten sie für das Regiertwerden ihre drei Schultheiße. Die schwitzten sich zusammen auf ihren Ämtern die Kleider naß, wenn eine Fuhre Erlasse gekommen war. Als sie aber mit dem Lobensteiner Stil nicht fertig wurden und ihre Frauen gewalttätig gegen sie verfuhren wegen ihres langen Ausbleibens, hingen sie den ganzen Plunder an ein paar Scheunentore, damit die Bauern selbst nachläsen, was sie tun und unterlassen sollten, ließen die Sonne drauf scheinen, den Regen drüber gehen. Die Bauern besahen sich den Behang, wußten nicht genau, was das bedeutete, und dachten, das mochte wohl zum Auslüften dahängen oder von der Art der neuen Herrschaft sein und waren damit ganz zufrieden. Als alle größeren Scheunentore des Hauptdorfes

Padrutz behängt waren, und nun auch die kleinen Kaschemmen und Kossätenbuden um ihre Erlasse einkamen, bestimmten die Schultheiße hochfahrend: „Nein, wo das Papier blaß geworden ist, da gehört neues hin.“ Diese Ungerechtigkeit trieben sie einige Monate so, bis einmal vor die Kuriere beim Einzug das Schimpfen drang, warum sie, die Kuriere, nicht selbst die Papiere an die Bauern verteilten und zwar mit gleicher Hand; denn wer schon zehn schöne dicke Lagen auf seiner Tür hätte, kriegte noch zehn mehr und ein kleiner Mann kriege nichts. Die aufsässigen Bauern schleppten ihren lamentierenden Schultheiß vor die erstaunten Kuriere, verlangten Ordnung und Bestrafung. Die Kuriere stießen sich mit den Ellbogen an, knauten „hm hm und so so,“ schnitten sich eine Kerbe in ihre Gewehrläufe, um diese absonderliche Sache nicht zu vergessen, gaben vorläufig den Schultheißen einen kräftigen Kolbenstoß gegen die Schulter auf Abzahlung, weil Gerechtigkeit in jedem Falle zum Lobensteiner Regime gehörte.

In Lobenstein, dem Herzog und dem Kabinett hinterbracht, verursachte die Meldung höchlichstes Befremden. Der Herzog tanzte in seinem blaugrünen Schlafrock hin und her vor seinen Ministern, er schrie den ganzen sonnigen Tag: „Da haben wir’s, da haben wir’s.“ Als Ursache für die ganze erschreckende Angelegenheit entdeckte er gegen Abend, als er sich

nach dem Mittagessen erkundigte und die Schloßtore zugemacht wurden, das Fehlen eines Erlasses über die Aufbewahrung von Edikten und Verordnungen in Kolonien. Wie aber am nächsten Morgen nach dem Kaffee zur Unterschrift dieser Erlaß hereingetragen wurde, saß der kleine Herzog schon auf dem Balkon in voller prächtigen Uniform mit wallender Schärpe, hohen Glanzstiefeln. Er trug ein rotes Jägerhütchen mit goldenem Trottelband, war in heiterster Laune; mit seinem Fernglas blickte er nach Kurhessen herüber und sagte zu dem verblüfften Kavalier: „Heute schreiben wir nicht, rühren wir keine Feder an. Heute wird geredet. Eins, zwei, drei, in einer Viertelstunde sind alle Minister da!“ Die Minister stürzten Hals über Kopf aus ihren Häusern, banden sich noch im Laufen ihre Orden zurecht, zwirbelten ihre Schnurrbärte und probierten mit ein paar Versen ihren Stimmklang, denn seine Durchlaucht liebte es nur, wenn man mit tiefer kloßiger Stimme zu ihm sprach; das schien ihm respektvoll. Sie wischten in das Schloßtor herein, an den Schranzen vorbei; der probierte: „Guten Morgen, schöne Müllerin,“ der lächelte: „Frei ist die Schweiz,“ der gröhlte andächtig: „Liebchen, du hast einen Fleck auf der Nas, einen Fleck, einen Fleck auf der Nas.“ Sie waren so im Eifer und mit ihren Vorbereitungen noch beschäftigt, daß nicht viel fehlte, daß sie seine herzogliche Gnaden begrüßten mit einem zarten: