„Guten Morgen, schöne Müllerin“ und melodisch „Liebchen, du hast einen Fleck auf der Nas.“
Der Herzog aber frisch gewaschen, adrett, in seiner strahlenden Uniform sah sie ungemein verächtlich und überlegen an; sie wußten sofort, hier war etwas geschehen, was vernichtend für sie war. Der Kloß sank ihnen in den Magen. Der vierschrötige Kriegsminister suchte abzulenken, indem er untertänigst fragte, ob Parade befohlen werde. „Nein, nein, mein Lieber,“ winkte der Herzog ab, „lassen Sie mal. Bleiben Sie ruhig etwas da stehen. Ich sage schon alles.“ Damit ging er mehrmals säbelklirrend an der Herrenreihe auf und ab; der knüpfte sich noch heimlich die Weste zu, der polkte sich den Schlaf aus den Augen. Er blickte sie von Zeit zu Zeit triumphierend an, winkte nach einer reichlichen Pause seinem Kavalier; er solle Wein, Gernsheimer Auslese, bringen lassen. „Trinken Sie nur, meine Herren,“ ermutigte er; es war ihnen klar, er bereitete einen Schlag von langer Hand vor. „Na,“ fragte er dann den kirschroten Kriegsminister, der einen viereckigen Mund hatte wie ein Nußknacker, und zwei Schultern, die aussahen, als hätte er sich zwei Prellblöcke unter die Uniform gestopft, „was denken Sie nun? Was fällt ihnen nun ein?“ Der kaute nach einer Pause: „Die Gnade Eurer Durchlaucht.“ Der Herzog zum dickbauchigen Kultusminister: „Na Ihnen wohl auch nichts?“ Und dann
lächelnd: „Dann trinken wir noch eins.“ Der Kammerdiener, wie eine Eidechse, brachte jedem ein frisches Glas, es war Rüdesheimer. Der Herzog spazierte weiter, hob den Finger: „Unbesorgt trinken.“ Dann: „Wie steht’s nun, Herr Kriegsminister?“ Als der nur mit den Fußspitzen wackelte und etwas Tiefergebenes brummte wie „Guten Morgen, schöne Müllerin,“ schüttelte der Herzog nicht unbefriedigt den Kopf, daß seine Troddeln schwankten, blickte lange auf seine Reiterstiefel, wippte versuchend seine schmächtige Figur hoch, seufzte beendend aus tiefem Herzen: „Na, nu setzen wir uns, meine Herren.“
Er sah zu, wie sie auf den Stühlen Platz nahmen, bemerkte schwermütig: „Ein Herr nach dem andern; sechs Herren, sieben Herren. Ich bin der achte.“ Er rückte gemütlich dicht vor sie, lächelte ihnen unter die Augen: „Ja, da sitzen wir nun, acht leibhaftige Herren, alles echte Lobensteiner, bis auf unsern Konsistorialrat, der ist noch aus Zeuthen. Ja, Sie sind aus Zeuthen, lieber Konsistorialrat, aber selbst Zeuthen ist nicht das Land, in dem Milch und Honig fließt. Machen wir keine Vorreden. Die Gebrechen meines Staates sind mir heute nacht durch den Kopf gegangen, die schweren Ereignisse, über die wir gestern konferiert haben, ließen mir keine Ruhe. Durch Politik und unvergeßliche Taten sind meiner Dynastie die Padrutzer
Erblande zugefallen, und: da haben wir’s. Die Sache funktioniert nicht. Das Land liegt zu weit von unserem Mutterland entfernt.“
Der Kriegsminister beugte vor: „Näher bringen geht nicht, aber ich möchte vorschlagen, systematisch und sukzessive die zwischenliegenden Gebiete zu erobern, die Armee ist bereit.“ Der Monarch spitzte kühl den Mund: „Sehr richtig. Ist alles von mir schon erwogen. Wird für später geplant. Für den Moment schaltet dieser Punkt aus. Es liegt überhaupt nicht an dem Lande, meine Herren; es denkt gar nicht daran. Das Land kann im Mond liegen. Das Land ist unschuldig an dem ungeheuerlichen Affront. Sondern es liegt,“ und da bog er sich über den Tisch vor und spielte seinen ersten Trumpf aus, „es liegt an den Menschen, an den bodenständigen leiblichen Padrutzern.“ Die Minister blickten sich an, wie aus den Wolken gefallen, der Stoffel genoß ihre Verstörtheit, er donnerte siegesbewußt: „Ändern Sie die Padrutzer, so ändern Sie die Verhältnisse. Das haben wir übersehen, als wir das Land eroberten. Setzen Sie die Menschen hin, die gehorchen, so tritt kein Ungehorsam ein. In den Padrutzern steckt Gedankenarmut, Leichtfertigkeit, Rebellenblut, vom jüngsten bis zum ältesten. Ich rasiere das Land, schaffe mir ein neues Padrutz.“ Der schattenhafte Konsistorialrat konnte nicht an sich halten; er schrie: „Es lebe Groß-Lobenstein,
es lebe seine erlauchte Dynastie.“ Die Minister, fortgerissen, schwenkten die Arme. Stoffel stand auf, klopfte leutselig einem der Herren nach dem andern auf den Rücken: „Meine Herren, wir werden uns nicht lange unterhalten; wir werden kolonisieren. Trinken Sie nur aus. Es ist guter Wein, selbstgepflanzt. Lobensteiner müssen nach Padrutz. Ich mache keine Vorwürfe.“
Die Vorhänge wurden heruntergelassen an dem Balkon; ein gedämpft angenehmes Licht herrschte in dem zeltartigen Bereich. Denn der Herzog liebte es, sich bewaffnet in Räumen wie auf einem Feldzug aufzuhalten. Man debattierte noch hin und her. Den Ministern wurden die Stimmen freier. Dies war der politische Auftakt zu großen, erregenden Ereignissen im Lande. Es erschien am nächsten Morgen, getragen von büschelgeschmückten Soldaten, unter Trompetensignalen, ausgerufen an den Straßenecken, auf den Feldern, ein herzogliches Reskript. Wie es sich begeben habe in Padrutz, wo die bestgemeinten Erlasse an die Scheunentore gehängt wurden aus barem Padrutzer Unverstand. Wie sich herzogliche Regierung bemüht habe, dort in dem fernen Gebiet Glück und Ordnung zu schaffen. Vergeblich, vergebens! weswegen, weshalb und warum nunmehr beschlossen sei, die tüchtigsten Lobensteiner Bauern geradewegs nach Padrutz zu verpflanzen, auf daß sie dort Wurzel fassen, keimen und Blüten treiben auf
die herkömmliche Art. Rundweg: Volksversammlung auf dem Gänsemarkt in acht Tagen. Trompeten schmetterten, Ausrufer wischten sich den Schweiß ab, Bauern und Bürger zogen weiter.
Der Gänsemarkt war eine riesige Fläche Land. Da strömten nach acht Tagen, wie nur die Sonne aufging, die Menschen zusammen. Es war ihnen allen vorgeschrieben, was sie mitbringen sollten: den Bauern zwei Paar Stiefel, ein Paar dreckige fürs Land, ein Paar weniger dreckige für die Stadt. Den alten Weibern über sechzig je zehn Flaschen Pfefferminzgeist und Karmeliter, wenn ihnen üblig würde im Gedränge, jungen Weibern Brausepulver zur Beruhigung. Die Städter hatten Nahrungsmittel für zwei Tage und eine Nacht zu bringen; der Grund war nicht angegeben; bei den Ministerialbeamten aber war bekannt, daß man den Bauern das Schleppen der vielen Lebensmittel und noch dazu zweier Stiefelpaare ersparen wollte; man vertraute darauf, daß die kräftigen Bauern, wenn sich Hunger bei ihnen einstellen sollte, den Städtern das entsprechende Eßquantum wegnehmen würden, dazu den Weibern die Hälfte der Fläschchen. Man hatte Vorsorge getroffen, daß der Schutt und Müll des Herzogtums, der auf dem Gänsemarkt abzuladen war, schon drei Tage vorher zurückgehalten wurde; so daß also am Tage der Volksversammlung mächtige Massen anfuhren und den Kehricht dampfend und staubend zwischen die