Menschen schleuderten; die Menschen, das berechnete man richtig, würden auseinander rennen und wenigstens um den Kehrichthaufen war kein Gedränge. Besonders viel Frauen und Männer mit Beingeschwüren, Hühneraugen und Krampfadern waren aus dem gleichen Grunde eingeladen worden und zwar planmäßig; man hoffte so Polizei zu sparen und Stauungen der Menge und großes Gedränge zu verhindern; die hühneräugischen Leute würden schon im Gedränge, getreten oder gestoßen, von Zeit zu Zeit ein derartig mordsmäßiges Geschrei erheben, daß sich die Menschenmassen wie Blasen von ihnen abheben würden, und so hatte man Fluktuation, Bewegung. Einzelne Dorfbehörden waren töricht genug, den Einwohnern ihres Bezirks Hängematten mitzugeben, zu bequemer Lagerung bei der Beratung usw., wobei sie ganz übersahen, daß auf dem Gänsemarkt keine Bäume wuchsen, abgesehen von zwei Wacholderbüschen und einer Radieschenpflanzung, welche der Frau Raspel gehörte. Es wäre noch sonst mancherlei zu berichten über die sonderbaren und einfältigen Vorbereitungen zu dem großen Fest; zum Teil zerschlugen sich diese Pläne; so die Absicht des Fürsten, sich dem Volk überhaupt nicht zu zeigen, sondern unnahbar hinter einem blaugrünen Vorhang zu thronen, der so groß sein sollte wie der ganze Gänsemarkt; man konnte in der Eile nicht genügend farbige Leinwand auftreiben; schließlich: wie hoch sollte der
Vorhang sein, bis zum Himmel? Darüber zerfiel die Sache.
Das große Geheimnis des Tages war, daß bis zuletzt niemand aus dem Volk wußte, was man denn auf dem Gänsemarkt sollte. Kein Minister wußte es, nicht einmal der Fürst; weit gefehlt, das dies irgendeine der Instanzen beunruhigte, erhöhte es nur die Feierlichkeit der Stimmung. Es konnte nach drei Tagen niemand leugnen, daß die Sache außerordentlich drängenden Charakter hatte. In den Ministerien saß man schwermütig herum; man zog sich schon jetzt festlich an und trug sämtliche Orden; man blickte erregt zum Fenster hinaus und erschrak beim Knarren der Gemüsewagen; man trank in den letzten Tagen nur Rum und aß eine gewisse Sorte gepfefferte Roulade, die, von der Witwe eines bei Zeuthen gefallenen Feldwebels hergestellt, das Allerheiligste des Ministeriums darstellte.
Am Tage vor dem Ereignisse wurden die Sachen des Herzogs auf dem Gänsemarkt gründlich ausgeklopft; er selbst mußte währenddessen im Bett bleiben. An solchen Tagen schwebte der Herzog in der größten Angst, daß ein Attentat auf ihn erfolgte oder daß man sich unziemlich gegen ihn benehmen könnte, denn wie Simson in seinen Haaren, fühlte er sich nur in seinen Kleidern geborgen. Heute rief er rasch die Minister in sein Schlafzimmer, befahl, seinen Holzelefanten, auf dem er Paraden abnahm, neu
anzustreichen, und irgendein vertrauenswerter Mensch solle statt seiner während des ganzen morgigen Tages sich auf dem Ungetüm aufhalten; er selbst werde auf dem Pferde sitzen, so daß also das Volk nicht aus dem Staunen herauskäme, daß sein Herrscher einmal auf dem Elefanten, das andere Mal auf dem Pferde säße. Dies sei eine Überraschung, die er sich für morgen ausgedacht habe; es würde ein gewisses überirdisches Aufsehen geben. Die Minister bemerkten, das wäre ein grandioser Einfall, sie würden alles recht in die Wege leiten.
Alles kam wie vorausgesehen; die Bauern brachten zwei Paar mehr oder weniger dreckige Stiefel, die alten Weiber tranken Anis, die Hühneräugigen schrien und der Mist dampfte. Dann gab’s ein Lamento, weil die Bauern mit den Hängematten nach Bäumen suchen gingen und sich überall Weg bahnten, und als sie keine fanden, rechts und links beschuldigten, man hätte ihnen zum Schabernack die Bäume ausgerissen. Schließlich zogen sie über den Gänsemarkt hinaus, wo hinter den ersten Straßen ein kleiner Park war, da hingen sie ihre Gurte an, legten sich hinein, schimpften gewaltig, daß sie nun nichts von der Versammlung hätten und die Häuser ständen ihnen gänzlich im Wege. Ein weiterer Trupp drang ganz frech in das herzogliche Schloß selbst ein und mußte mit Gewalt daraus verjagt werden; in ihrer Verfügung stand, sie sollten nicht vergessen, dem
Herrn Herzog guten Tag zu wünschen; und weil der grauhaarige Bauernführer meinte, sein Gedächtnis wäre schon schwach, wollten sie es gleich bei der Ankunft abmachen. Man aß und trank und raufte sich; das Wetter war sehr schön. Als gegen Mittag alles verzehrt war, die Bauern sich in den Hängematten ausgeschlafen hatten, wollte alles zufrieden nach Hause gehen. Da sprengte der Fürst aus dem Schloß hervor und schrie: „Halt!“ Rasch sagten die Bauern: „Guten Tag“ und latschten weiter, waren guter Dinge, daß alles vorbei wäre und ihnen nichts zugestoßen. Der Herzog rief nochmal: „Halt.“ Und in demselben Augenblick tauchten an den vier Seiten des Platzes mit erschreckendem Ernst Trompeter auf, schwenkten Fahnen, und neben ihnen blitzten gepanzerte Herolde mit riesigen schwarzen Schalltrichtern, die tuteten: es sollten alle Obacht geben auf den Herzog; er wolle jetzt die Tüchtigsten auswählen, die nach Padrutz, dem gesegneten Lande, übersiedeln dürften.
Sofort entstand große Zwietracht unter den Leuten. „Wer der Tüchtigste ist,“ gifteten sie, „das wollen wir mal sehen!“
Sie ballten sich zu Haufen zusammen und bewegten sich nicht. Sie hielten sich fest an den Röcken. „Keiner läuft hin zum Herrn Herzog. Das machen wir erst unter uns ab.“
Und so standen sie mit funkelnden Augen in zusammengeknäulten