Von Havelberg hatte sich das schütternde brusthallende Gelächter aufgemacht; zwanzigtausend Mann stark. Durch Frankfurt marschierte es, es war blühender Sommer geworden. Der Jubel der Studenten. Gedröhn, der Markgraf solle sich erheben und mit gegen die Papisten ziehen. An der Flanke des lagernden Drachens, des Wallenstein keck vorbei, über Krossen her, auf Liegnitz zu, auf Breslau zu. Wüstend, brennend, raubend voran durch die kaiserlichen Erblande.

Sich auf den Fußspitzen, auf den Hufen der Pferde in den Satteln erhebend, trompetend, wiehernd, hohnlachend nach allen Seiten: „Der Kaiser! Der Papistenkaiser!“

Klingendes Regimentsspiel, gefüllter Troß, frische Pferde, Hafer, Heu, Schmuck und Ketten aus den Häusern. Nach drüben zu, auf Mähren zu. Vierzigtausend Ungarn, Türken, Tataren warteten.

Tosendes Gelächter in München. Der krummbeinige Zigeuner, der struppige gezeichnete Mansfeld, wie ein Affe sprang dem Friedland über den Kopf weg, nahm sich ein Herz, entwischte, der Herzog ließ ihn durch, in die Erblande, zu einer Verbindung mit den Ungarn, Türken, Tataren. Das Gelächter in München scholl nach Wien herüber. Dies angetan der kaiserlichen Armada von einem Habenichts, einem Hühnerdieb, Pferdejungen des Königs von England. In der kaiserlichen Antikamera spotteten die Italiener: man gebe dem Friedländer noch fünfzigtausend Mann und er wird sich gegen zweitausend — verteidigen. Tapfer wird er es tun, die Zähne verbeißen, man wage es gegen ihn, den tapferen Schwaben, Nachfolger des mazedonischen Alexanders. Sähe man nur: ein Wucherer, ein Güteraufkäufer, ein leidlicher Oberst als Heerführer; ein Narr, den die Großmannssucht gepackt hat. Die Räte waren nur schwach bereit, ihn zu verteidigen. Als aber die schmerzlichsten Klagen aus Schlesien einliefen, Mansfeld weiter sprang, ergriff alle Angst und Wut. An den Kopf eines Verbohrten waren sie nicht gebunden. Er saß bei Halberstadt und erpreßte Geld. Es war eingetreten, was man befürchtet hatte. Man hatte noch Kollalto; Karaffa war noch da. Ruin, Ruin! Gelächter für Europa. Der wild gewordene Spekulant als Feldherr. Mit Lärm traten sie am Hofe auf.

Wallenstein, auf einem Bauerngut bei Halberstadt, auf die Wiener Nachrichten in tobsüchtiger Erregung, fuhr in die Stadt zurück; der Mund ging ihm über von Schmähungen gegen die Räte, die er treulos und Schelmen nannte. Mit dem feinen Aldringen verfuhr er auf das wildeste; dieser war zum erstenmal Zeuge eines solchen Zustandes; er hielt den Herzog für wahnsinnig, fürchtete, von ihm ermordet zu werden. Der Herzog warf ihm vor, daß er seine Sachen bei Hof nicht vertrete, ihn anschwärze. Das Heer sei verloren, alles sei verloren, er selbst verloren durch die Narrheit, Bosheit der Wiener Räte. Es sei alles verloren, denn er werde genötigt sein — dabei geriet der Herzog in solche Erregung, daß er auf Minuten die Sprache verlor — das Heer jenem Strauchdieb nachzuschicken und damit hätte der Bayer erreicht, was er wollte — nach Ungarn die Kaiserlichen! Nach Ungarn, wo man zugrunde gehen müsse. „Ich geh nach Ungarn,“ schrie er besinnungslos Aldringen an, „die Herren setzen es durch; die treulosen an ihrem Kaiser. Aber sie sind nicht meine Herren, sie sollen es fühlen; sie sollen mich suchen später, wenn sie mich brauchen und werden mich suchen wie eine fromme Seele im Höllenfeuer.“

In der Tat, trotz des lauten Jammerns des ligistischen Führers, der allein gelassen wurde gegen Dänen und Niedersachsen, brach wie ein toller Stier der Friedländer auf. So gräßlich war sein Schelten und Toben auf den Wiener Hof, der ihn zu der Fahrt hinter dem Mansfelder zwang, daß Aldringen Briefe an den erschrockenen gänzlich kopfscheuen Präsidenten Kremsmünster schrieb: Der Friedländer sei unterwegs aus Niedersachsen mit seiner ganzen wilden Armada; er schwärme auf Schlesien zu; „begütigt ihn, laßt den Kaiser freundlich schreiben; es kann geschehen, daß er in seinem blinden Wahnsinn auf Wien losstürzt und Euch zertritt.“

In dem Städtchen Ellrich bei Nordhausen erlebte der alte Graf Tilly eine letzte Begegnung mit dem Herzog vor dem Abmarsch, die in ihm die Hoffnung auslöschte, jemals mit dem Böhmen kameradschaftlich auszukommen. Wider alle Wahrheit und Wahrscheinlichkeit erklärte der Böhme, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen, auf den Tisch hin, der Däne, die Niedersachsen, Mansfeld, dazu auch schwedische Völker, seien eins darin, konzentrisch auf Schlesien vorzugehen, die kaiserlichen Erbländer zu überfallen, nachdem sie dem Siebenbürgen, Türken und Tataren die Hände gereicht hätten. Er könne nicht säumen, auch nicht das Quantchen eines viertel Tages und müsse mit ganzer Macht auf. Er, der Jüngere, überhörte in einer Roheit, die den Grafen zittern ließ, jeden Einwand, der von eben anlangenden Kundschaftern vorgebracht und von dem sesselversunkenen kopfsenkenden Ligisten bekräftigt wurde. Es war wie das Amen in der Kirche, daß er, der kaiserliche General, keinen Troßbuben an der Elbe stehenlassen könne, es würde davon nicht abgegangen werden und wenn das ligistische Heer mit dem letzten Mann zugrunde ginge. Mit einer Bosheit und Grausamkeit ohnegleichen schmetterte der lange herumwandernde Böhme das dem Tilly vor die Füße. Draußen wieherten die Pferde der Kaiserlichen. Auf einem Nachtritt waren sie hergekommen. Als Abschluß, nach Verstreichen von fünf lautlosen Minuten, gab der Herzog ohne Vorbereitung mit heiserer, unnatürlicher Stimme von sich, er werde fünfundachtzig Fahnen zu Roß und Fuß zurücklassen, mehr nicht. Mit einem verzehrenden Blick äußerte er das, während er schon die eiserne Türklinke in der Hand hatte. Und Tilly konnte drin überlegen, was dies Ganze sollte: fünfundachtzig Fahnen, mehr, viel mehr, als er gefordert hatte.

Wie von einem Unwetter wurde die friedländische Front abgebaut. Von der ruhmreichen Dessauer Brücke riß sich Oberst Pechmann los, hinüber auf das rechte Elbufer, fünftausend Mann mit ihm, Kürassiere und Arkebusiere des Marradas, Gonzaga, Scharffenberg, Areyzago d’Avandago, Koronini, Dragoner des Hebron. Mit wenig Tagen Abstand Infanterie und Artillerie, dann Wallenstein mit seiner Hauptmacht. Sie hatten ihn von Wien ängstlich gebeten, nicht nach Schlesien einzudringen oder nur wenig, damit dem armen kaiserlichen Lande nicht noch mehr geschehe; schlage er doch den Mansfeld vorher. „Geschieht,“ brüllte der Rasende im Abmarsch zurück; „wie die Herren es aufs Papier setzen, wird der Feind auf mich warten und sich schlagen lassen. Und ich bin hin und her spaziert mit der Karosse von Halberstadt nach Breslau, nach Wien, nach Halberstadt. Jetzt gibt’s nur ruinierte Länder oder verlorene Länder. Macht kein Unterschied der Krieg zwischen des Kaisers oder eines anderen Land.“

Sehr blaß sagte Trautmannsdorf im Rat: „Ich weiß nicht, ob wir Siege oder Niederlagen von ihm hören werden. Er ist klug, geschickt; vielleicht wird er siegen. Aber es scheint mir, als ob uns noch anderes von ihm zu Ohren kommen wird.“ Und später: „Es ist mir nicht klar, gegen wen der Herzog Krieg führt.“

Die heißen Augusttage über dem drängenden Heer. Von den reichen Futterstellen weg in fragwürdige Länder. Hinter Wallenstein die Regimenter Kollalto Tiefenbach Merode, Schlick Sachsen-Lauenburg Wallenstein Nassau, zu Pferd Strozzi Wittenhorst Gürzenich Zriny Neu-Sachsen Orehorzi Isolani Kürassiere Lamottas. Sächsische Ebene, kleine Türmchen, verbrannte Äcker, Kottbus, Forst, Sorau, Sagan. Kontributionen waren nicht zu erheben, Wallenstein war nicht flüssig, rechts und links brachen Rotten und Kompagnien aus, um sich bezahlt zu machen. Die Bäume füllten sich wieder mit Leichen, die Strafen stiegen vom Strengen ins Grausame. Um den General waren der Feldmarschall Marradas und der Feldzeugmeister Graf Schlick; sie bebten vor dem Herzog; mit wüsten Flüchen und auf die Gehängten weisend, frohlockte er: „Wer hat dem Kaiser diesen Krieg eingebrockt? Sie sollen hinsehen, in was für einem Labyrinth wir stecken.“ Der Feind hatte immer fünfzig Meilen Vorsprung. Wie Wallenstein Sagan erreichte, erstieg der Feind im Süden schon den Weg zum Jablunkapaß. Sie wateten durch die sandigen Heerstraßen. Der Herzog rief um Geld nach Wien; man schwieg. Ohne den Kaiser und Räte zu fragen, setzte er Proviantrotten fest, sie schwärmten mit festen Plänen von Ort zu Ort; Arkebusiere und Pikeniere waren ihnen beigegeben; wer zu steuern weigerte, verlor seine Habe und oft sein Leben. Hinter Bunzlau drang Pest in das Heer ein; Wallonen des Merode, verlassen, halb sterbend, plünderten die Stadt. Jauer Striegau Schweidnitz Neiße. Man rauschte an Städten und festen Plätzen vorbei, die der weit voran tobende Feind genommen und mit Truppen besetzt hatte; mit Peitschenhieben drang der Anblick der verschlossenen Tore auf sie ein; Gift goß er in ihr schon halb gerinnendes Blut. Drohende Patente warf Wallenstein vor sich durch Schlesien, hieß die Mansfelder meineidig, treulos, und daß ihnen keiner Quartier gebe und jeder ohne Schonung des Lebens niedergemacht werde. Man rauschte durch Schlesien; zur Seite, hinter sich ließ man die genommenen Städte mit den ausfalls- und plünderungssüchtigen Besatzungen; das Land schrie geängstigt, man durfte nichts hören, man hatte keine Zeit. Mußte in die blinde heiße Luft hinein, in das ungarische Elend. Die Pest warf neue Kompagnien hin, die Ernte des Jahres verbrannt; hinter ihnen, wie sie hin schmolzen und verdarben, jubelten die Feinde. In Wien lachte, halb gebannt, alles was mißgünstig war, des Verblendeten, der rannte wie ein tollwütiger Hund. In Prag in der Burg nahm Slawata die Aufforderung des Herzogs Proviant Proviant Proviant zu liefern, langsam vom Tisch, zerknüllte sie, ließ sie zu Boden gleiten.