Der Bastard sah den Friedländer in langen Sprüngen hinter sich; bis an den Jablunkapaß wollte er ihn locken, dann querfeldein, ein Gelächter ausstoßend, mit dem Schwanz des kaiserlichen Heeres durch Mähren, Böhmen fackeln nach Wien oder nach dem Elsaß. Der Friedländer gab kein Wort nach Wien; aber wie jagten die Kuriere herauf zu ihm, bei den unschlüssigen verdächtigen Bewegungen der Mansfelder Bestie. Die Stadtgarde lief mit Wallenstein; und Wien in unmittelbarer Gefahr. Die Boten wagten sich nicht vor den Herzog; der Marradas und Aldringen warnte sie, nahm ihnen ihre Briefe ab; man konnte riskieren, daß der Herzog aus bloßem Groll die Hauptstadt dem Äußersten aussetzte. Er erfuhr nichts von den Briefen; wie ein Magier an seinem Feuer hing er an Mansfeld, dem irrlichterlierenden Springteufel. Eine heiße gefährliche Ruhe hatte sich über den Friedländer gelegt; er schwamm hingenommen, die Erde versunken, im Fahrwasser des Bastards. Schon war der nach Westen umgebogen, hatte vom Jablunka herunter sich auf die Straße nach Leipnik gesetzt, da zuckte der Friedländer in einer gewaltigen Bewegung zur Seite, stellte sich versperrend vor Olmütz. Kavallerie über Kavallerie warf er über die Straßen; der Mansfelder bäumte zurück, schoß nach Süden, um über die Marchbrücke nach Böhmen einzustoßen. Der Herzog legte sich selbst an die Spitze seiner Vortruppen, Eisen und Magnet prallte zusammen. Noch einmal riß sich, Hunderte von Mann verlierend, der Bastard los, heulend, Gott und die Seligkeit verfluchend; ein Donnerwetter von Hufschlägen prasselte über die Straße. Verloren der Weg nach Böhmen. Hinein, hinunter in die heiße Hölle, nach Ungarn. Von den Wagen brachen die Räder, Pferde schlug man nieder, schlang Fleisch.
Breit lagerte der Kaiserliche vor dem Waagstrom, einige Wiener Briefe ließ man zu ihm durch, die vor Bethlen Gabor und den Türken warnten. Stumm blieb der Herzog; abwesend gab er von sich: „Mir graust vor ihnen allen nicht.“ Knapp achttausend Mann hatte er nach Ungarn eingeschleppt; ein ganzes Drittel des Heeres war, ohne einen Kampf bestanden zu haben, in die Erde gesunken.
Da standen sie auf den grauen dunstüberlagerten Pußten nach der atemlosen Jagd, regten sich kaum. Fühlten beide eine furchtbare Schwäche in den Gliedern. Der Mansfelder begann zuerst sich davonzuschleppen, nach rückwärts schielend. Der Waagstrom lag braun und tief zwischen ihnen; Wallenstein stumpf, wand sich mit lahmem Kreuz herüber. Die Lagerstätten des andern rauchten vor ihm. Sie schlichen hintereinander; in der Hitze versiegte der Schweiß, wie er nur ausgebrochen war, in der Haut; sie schluckten Wasser und trockneten ein. Einer roch den andern. Sie warfen sich von Ort zu Ort, drückten ihre Leiber fest an den Boden, umklammerten Gehöfte Dörfer Flecken, und wie sie abzogen, ließen sie Schlamm Kot Blut zurück, Schutt, glimmende Asche, gelbe Leichen mit verbogenen Gliedern, offenen Mäulern.
Von Einzelläufern kam die Nachricht — Mansfeld und den Böhmen erreichte sie zu gleicher Zeit — daß über die Heide her der Siebenbürger Fürst mit zwölftausend frischen Reitern von Dabreczin schwebe; in Ofen klingle die Janitscharenmusik des Türken, die Türken rennen zu Hauf, die Widersacher, sie kommen, sie kommen bald. Stumpf wiesen die Mansfelder das ab; sie hörten kaum hin, ließen sich nicht stören, sie waren im Geschäft des Sterbens, der Boden war schön. Bis über die stille stille Steppe mitten am hellen Tage kleine zweirädrige Wägelchen auftauchten, unter die Mansfelder rollend Wasser Wein. Man fragte nicht, wer sie seien, zerbrach die Tonnen, verschüttete das Wasser, sank hin. Neue Wagen, Brot Vieh Wasser Wein frische Pferde Heu am hellen Tage über die platte mörderische Steppe. Die Söldner wußten nichts von Krieg, umfingen zärtlich das Wasserchen, weißes Wasserchen, süßes Wasserchen, streckten sich hin, aßen, lachten. Liebes Brot, liebes Wasser, lieber Wein. Richteten sich auf und fingen zu heulen an, küßten sich, die Eisenhauben abgeworfen, umarmten sich, blökten wie Vieh mit verzerrten, kläglichen Mienen, schlugen den Sand mit den Fäusten, pochten mit Riemen an ihre Brüste. Das Heulen verbreitete sich unter allen Soldaten, es artete in fiebriges Wüten aus; monoton schwoll und hallte das Jammern. Wie die Führer unter sie stiegen, weigerten sie sich zu marschieren. Sie hielten sich jauchzend und einander ermunternd an den Wein, das Fleisch, das Wasser. Auf alles Bitten und Befehlen schüttelten sie den Kopf, schlürften, duselten, schliefen, weinten, kannten sich nicht. Braune Sumpfrasen, in die sie singend, lethargisch, triebartig liefen; versanken. Blaugeschecktes mannshohes Goldbartgras; die Ährchen glänzten metallisch, Federgräser, Schmetterlingsblume. Der schwarze Ibis lief vorüber.
Als der Flugsand sein Lager fast verschüttete, nahm Wallenstein mit seinem Obersten eine Zählung vor; dann hieß er die Menge der Profosse und Henker verzehnfachen und sie vier Tage lang unter den Erschöpften Widerspenstigen Aufsässigen Kranken aufräumen. Bei der Musterung, die er selbst abnahm, in einer Kutsche wegen seiner Leberschwellung fahrend, erklärte er zum Fenster heraus den Offizieren, sie seien nicht zum Spaß von ihm und dem Kaiser angenommen worden, keineswegs, es könne um das Leben gehen. Er würde Vertrauensoffiziere ernennen, denen er das Recht gebe, in den jetzt beginnenden Schlachten jeden, Offizier und Mann, niederzumachen ohne Gericht, der nicht mit voll erlaubter Grausamkeit sich gütlich tue an den Meineidigen. Dies möge von Profossen und Henkern bekanntgegeben werden. Einen Tag vor der Begegnung mit dem Feinde strömte das Blut im Heere der Kaiserlichen, dem Blutbad fielen vierhundertfünfzig Mann zum Opfer; sie wurden fast ohne Grund von Beauftragten in ihren Zelten oder auf Lagerstraßen zur Abschreckung niedergemacht. Gepeitscht, gänzlich besinnungslos, raste von Neuhäusel das kaiserliche Heer los. Sie lagerten nicht zur Mittagsrast, setzten sich nur vier Stunden über Nacht, rannten — Wallenstein unter ihnen — daß Troß und Bagage zurückblieben und ihnen nur Rettung in der Besiegung des Feindes gegeben war. Die Türken streckten die Hälse über die Mauern von Neograd; in starren, unbezwinglichen, grausigen Wellen kamen unten Massen her, ohne Artillerie, ohne Gefährt. Die Türken wichen ab von der Stadt. Die Menschenwellen schlugen über der Stadt zusammen. Sechs Tage setzte sich Wallenstein.
Wieder begann das Suchen nach dem Feind, man irrte tiefer in die Torfsümpfe, kaute rohe Rüben und Blätter, scharfe Pflanzenhalme. Die ungarische Ruhr brach unter den Reitern aus, das Heer erduldete ohne Laut alles. Fast vernichtet, des Äußersten gewärtig, schleppten sich da Bethlen und Mansfeldsche Heere an sie heran. Sie waren aneinander, hatten sich gefunden, gingen nicht auseinander. Lagen sich Wochen auf Sandhügeln gegenüber; Regengüsse, Sturm, Hagel; Fieber schüttelten die Söldner. Meilenweit Öde. Aufglitzernde Teiche, Weidenbüsche, Röhricht, weiße Dünen. Da lagen sie, die sich lange gesucht hatten. Knirschend und schreiend in riesigen Wasserstiefeln, mit Sturmhaube in Eiltrupps tasteten die Wallensteiner herüber, wo sich die Leiber der Mansfelder wanden, fanden nicht hin. Der Himmel schlug mit Keulen auf sie ein, achtete nicht auf erstarrende Herzen. Faulten in ihren Panzern, wußten auf dem Felde nicht, was sie sollten. Auf Wagen hausten sie Tag und Nacht; Wasserratten schwammen durch die lehmigen Tümpel Lachen, zogen sich an Zeltplanen hoch, fraßen Holz Leder Leichen an, stürzten wimmelnd in die Lagerstätten.
Wie der Regen nachließ, gab die Steppe die letzten Menschen von Mansfelds Heer frei; weg liefen sie, verschüchtert vergraust, zu Menschen, in die Städte nach Norden, nach Westen, in die Dörfer Gehöfte, verkrochen sich in Häuser, hingen sich an Kinder, an Tiere, versuchten zu denken mit gerunzelten Stirnen.
Den Bastard fand man eines Morgens brüllend und schäumend am Boden seines Wagens liegen; keiner ging zu ihm herein, man wußte, was das war. Zwölf Mann seiner Leibgarde waren bei ihm; die letzten zwei Kompagnien hatte er für tausend Dukaten an Bethlen verkauft. Sie glaubten, er würde im Anfall verrecken.
Mittags stiegen zwei zu ihm auf den überdachten Troßwagen; er saß im Panzer auf den Decken, der kleine geschwollene glotzäugige Mann, wog Geld in der Rechten und Linken, schrie mit versagender Stimme: „Weiter! Weiter!“ Warf ihnen eine Hand voll Dukaten zu; die letzten Pferde wurden vorgespannt, man machte sich auf die Flucht. „Ich muß nach Venedig, ich muß nach England. Vorwärts. Wir sollen den Betrüger schlagen, den gelben Böhmen. Der falsche Soldat, Kipper und Wipper.“ „Weiber! Weiber!“ Man brachte ihm aus Dörfern, aus den Wäldern, vom Ziehbrunnen Frauen, denen man auflauerte, Mädchen. Ärmelhemden aus feiner weißer Leinewand, zartblau, karmoisinrot, am Hals gefältelt, manche mit Korallenkettchen, tiefgeschnittene Leibchen; sie liefen mit nackten Füßen, schaukelten kirschrote kurze Röcke; wie Kälber vor dem Abstechen schrien sie, als man sie auf die Pferde hob. Mansfeld schlug eine Lache an, als man sie ihm in den Wagen setzte und sie weinten, bettelten: „Weg mit den geputzten Affen! Die blödsinnigen Gesichter. Sucht Euch Kornetts, junge Hündinnen.“ Überhäufte sie mit Schmähungen; nicht einmal Spaß machte es ihm, als seine Begleiter den Mädchen die Gewänder auszogen auf offenem Feld und hinter die Nackten Piken schleuderten. Sie schleppten ihm ganze Karren voller Weiber an, schwarzhaarige grausträhnige, mit Läusen bedeckt, in morastigen übelduftenden Lumpen. Er befiel mit Inbrunst das welke schmierige Gesindel, die tollen Vetteln vergewaltigte er, das Krähenvolk raschelte verzückt mit den Flügeln und struppigem Gefieder. Vom Küssen und Saugen an ihnen wurde seine Hasenscharte entzündet, schwoll unter der kleinen Stülpnase wulstig an; die Narben, die sein auseinandergezogenes Gesicht kreuz und quer durchzogen, lagen reihenweise in Tälern, über die die blaugedunsene Haut hochquoll. Das gräuliche Gelichter hätschelte er, nannte sie Mütterchen, sich den Säugling; Hellebarden und Dolche lagen neben ihm.
Durch Ungarn nach Süden vorrückend, Bosnien genähert, pries er, täglich stärker von Luftknappheit gequält, den König von England, den reichsten edelsten Mann, den einzigen wahrhaften König, dazu den verlassenen betrogenen Pfalzgrafen Friedrich. In den wilden bosnischen Bergen mußten seine Leute einen katholischen Priester auftreiben; er erklärte ihm, daß er noch zuletzt zu seinem alten Glauben wiederkehren wolle, beichtete und empfing in feierlicher Handlung die Absolution; schlug den Priester dann mit einem Stuhl nieder, seine Leute, die im Versteck zugehört hatten, herbeirufend: „Er hat sie mir gegeben, die Absolution, ich hab’ sie, er kriegt sie nicht wieder. Hähä, ich hab’ sie mir rechtlich erworben.“ Des Nachts zwischen Saratro und Spalatro in einem Dörfchen Utrakowitz in ein Haus verbracht, verjagte er alles um sich, was nicht zu seinem Zug gehörte, ließ sich sterbend den schweren Kürassierpanzer anlegen. In höchster Atemnot stand er die ganze Nacht, wie einmal in der Mark, von abwechselnd drei Mann gestützt mitten in der Stube, ließ sich die Knie halten, den Rumpf. Er rasselte röchelte in den grauen Morgen hinein; bei jedem Versuch, ihn hinzusetzen, schnappte er, schlug rückwärts mit einer Panzerschiene. Mit beiden Fäusten klammerte er sich an sein langes Schwert, das er zwischen den Füßen vor sich in einen Spalt des Holzbodens gestoßen hatte. Als es ihm morgens aus den Händen polterte, packten sie ihn, legten den Zuckenden auf das Bett. Zwischen dem letzten Keuchen nahmen sie ihm die Panzerhaube ab, er umklammerte sie fest, quetschte noch aus der Kehle: „Venedig, nach Venedig“, ehe die Augen glasig wurden.