An der Spitze seiner Musketierregimenter rückte der Herzog von Friedland sehr langsam aus seinem Lager von Modern gegen die mährische Grenze. Die Proviantkommandos jagten ihm voraus. Er setzte sich in Preßburg; zum erstenmal von da schrieb er an den Wiener Hof einen Brief, daß Bethlen Gabor einen Waffenstillstand geschlossen hätte, die Türken geflohen seien, der Bastard Mansfeld seines Heeres verlustig gegangen, in Rakovitza seinen unseligen Geist ausgehaucht habe; er selbst gehe über Kremsier auf Skalitz, um vor Ende des Jahres in seiner Stadt Gitschin zu sein. Kein Wort darin, was er vorhabe. Ungarn verlassend, fluchte er auf das Schelmenland, das nicht wert sei, daß so viele ehrliche Leute aus Not und Krankheit hier hatten sterben müssen. Wie er in größter Stille in Preßburg saß, arbeiteten mit eiserner Strenge die Requisitions- und Kontributionstruppen; keinem von denen, die so lange gehungert hatten und unbesoldet gewesen waren, ging ein Heller verloren; Geldbelohnungen, Ehrenringe, goldene Ketten verlieh er in großer Zahl, die das Land bezahlen mußte.

In Preßburg erschienen vor ihm zwei Obersten der Tillyschen Armee; sie hatten schon seit Wochen Zugang zu ihm gesucht. Der eine war sein Oberst Nikla Desfours. Sie berichteten: es hätte eine Schlacht zwischen der ligistischen Armada und den Dänen stattgefunden, im Norden, am Barenberge bei Hahausen. Der Wallensteinsche Sukkurs hätte daran teilgenommen, sechs Regimenter, außer den Kroaten Peter Galls die Kürassiere Desfours, Sachsen-Lauenburgs und Hußmanns, die Musketiere Kolloredos und Karbonis. Ein Morast hätte beide Heere von einander getrennt. Die ligistischen Regimenter Reinach und Schönberg wurden von den Dänen im Beginn der Schlacht zersprengt, darauf folgte ein Angriff des gesamten feindlichen Heeres, das über den Morast ging; währenddessen sei er, Desfours, mit seiner Kavallerie von Hahausen aufgebrochen, habe sich an Nauen vorbei in den Rücken der Dänen gemacht und es sei zu einer völligen Niederlage des Dänenkönigs gekommen. Der feindliche General Fuchs sei gefallen, Hofmarschall von Rantzau, der Generalkriegskommissar Lohausen, viele Obersten, darunter Frank und Kourvilla, gefangen genommen; die Reiterregimenter Hessen und Solms in den Sumpf gejagt. Schließlich seien von den Dänen an achttausend auf dem Felde liegengeblieben. Das hörte der aufrechtstehende Herzog mit völliger Ruhe an, um dann, nachdem er den zweiten Oberst hinausgeschickt hatte, den Desfour zu fragen, wieviel Tote er selbst gehabt habe. Der nannte eine hohe Zahl. Verächtlich zuckte der Herzog mit dem Kopf; nachdem er ein paarmal im Saal hin und her gewandert war, nahm er ein Kelchglas von der Kredenz, schmetterte es mit einer grimmigen Verzerrung des Gesichts sich selbst vor die Füße. Den Desfour schickte er weg, ohne ein Wort der Anerkennung.

Während der Herzog ohne Wien zu berühren sein Heer durch Mähren führte, in loser Ordnung, den Söldnern alles gönnend, was das Land bieten konnte, drängten sich in der kaiserlichen Antikamera Abgesandte der mährischen Stände; baten bei Gottes Barmherzigkeit mit gebogenen Knien und heißfließenden Zähren, der Kaiser möge ihr Schreien und Flehen erhören, den Brandschatzungen, Plünderungen, Straßenräubereien, Vergewaltigung der Weiber Einhalt tun. Vertreter der österreichischen Stände rangen die Hände: man möge Frieden, um Jesu willen jeglichen Frieden machen; sie müßten durch lauter Siege zugrunde gehen. Ein einzelner Mann, für seine Person sprechend, bot das am stärksten erschütternde Bild der Kriegswirkungen, der Kardinal Dietrichstein, des Kaisers Günstling, gelähmt auf den Schreck der Überschwemmung seiner stillen Güter durch Kroaten, in einer Sänfte vor den Kaiser getragen, immer vier einzelne Silben mit Beben des Gesichts ausstoßend. Von den Briefen des böhmischen Gouverneurs Liechtenstein, dem sein ehemaliger Kumpan, der Friedländer, einen bösen Streich mit der Besetzung sämtlicher Güter gespielt hatte, von den beleidigten Äußerungen des Thronfolgers Ferdinand konnte man nichts vor den Kaiser bringen; dem Sohn des Herrschers waren trotz Einspruchs Troppau und Jägerndorf besetzt worden; der Herzog hatte ihm sagen lassen: es käme auf die Monarchie in Deutschland an; auf nichts sonst.

Eine Versammlung der Jesuiten, eine Provinzialkongregation, fand statt in dem alten Profoßhaus. Sie saßen, die flachrandigen Krempenhüte vor sich auf den Knien, in einem verrauchten langen Saal, sahen ein holzgeschnittenes braunes Bild der Maria an, das hinter dem Katheder auf einem Wandpodest stand. Zehn hohe rote Kerzen unter dem Bild warfen Licht in den Saal. Sie begrüßten Wallensteins Vorhaben, seine Erfolge, seine Methode. Sie nannten ihn stark und gewalttätig. Ein Bersten wird durch den Bau der Feinde gehen. Er wird ein offenes Feuer anfachen, das Gebälk zerfressen. Sechs Rektoren, die längst das vierte Gelübde getan hatten, erschienen in Audienz bei Ferdinand, ihm zu danken für die Wahl des Herzogs von Friedland und zu beglückwünschen. Die Türken hat er durch das Grauen seines Heeres, wie durch das Anheben eines gorgonischen Hauptes, verscheucht, Bethlen hat verzagen müssen, von Mansfeld ist nichts übriggeblieben. Der Herzog kümmert sich nicht um das irdische Jammern; die Menschheit hat ein übernatürliches Ziel, das Reich der Kirche muß ausgedehnt werden über Heiden und Ketzer; wohl dem, der den Arm und das Schwert dazu leihen kann.

Der Kaiser hörte die Väter ehrerbietig an. Befremdet sprach er zu den Räten: „Wofür danken Sie mir?“

In seiner Antikamera versammelte der Kaiser die Herren um sich, seit Monaten zum erstenmal einer Besprechung beiwohnend. Bequem in seinem Armsessel neben dem Ofen sitzend, sagte er: „Nun sehen die Herren. Und sage man nicht, daß nur von bayrischer Seite uns Schwierigkeiten gemacht werden. Ich habe meine Pflicht getan. Wir werden sehen, ob es nicht an der Zeit ist, die Armada heimzuschicken.“ Eggenberg setzte die Vorteile auseinander, die die Armada gebracht habe. Harrach, aber auch Trautmannsdorf hielten nicht mit der Äußerung zurück, daß sie etwas anderes zu hören erwartet hatten nach Wallensteins Sieg, nach der Befreiung der Südostfront der Erblande. „Und dennoch hab’ ich den Wunsch,“ fuhr der Kaiser sehr ernst, ohne eine Miene zu verziehen, fort, „meinen lieben Oheim Wallenstein kommen zu lassen und selber über die Stücke zu vernehmen, die man ihm nachträgt. Die Feldherrn sind verschieden. Ich möchte hören, was er sagt.“

Eggenberg erklärte, man werde ihn, sobald er das Heer in die Winterquartiere geführt habe, rufen. Das sei nicht nötig, fand Ferdinand; das Heer brauche nicht erst in die Quartiere geführt werden. „Ich will Euch selbst, mein lieber Eggenberg, schicken, damit Ihr mit ihm beratet und vernehmt, wes Sinnes er ist. Ich trage ihm kein kriegerisches Mißgeschick nach; die Fortuna des Schlachtfeldes ist nicht besser als die Fortuna des Friedens. Auch habe er, ließe ich ihm sagen, am Mansfelder alles wieder ins Gleiche gebracht. Darum handelt es sich nicht. Sondern darum, daß seine von ihm geführte Armada den Namen einer kaiserlichen führt, also nach mir sich benennt. Wie es denn kommt, unter meinen Flaggen, daß Reichsstände zum Jammern vor mich laufen und wie lange das noch geschehen soll.“ „Krieg“, lächelte Trautmannsdorf. „Ist das Euer Ernst, Graf Trautmannsdorf?“ Bekümmert blickte der kleine in weiße Seide gekleidete Mann auf das Parkett; nach einer Pause richtete er die Augen auf die gespannt vorgebeugte Majestät: „Vielleicht ist es gut, die Sachen nicht zu ernst zu nehmen und nicht zu streng anzusehen. Wenn man durch den Regen laufen muß, wird man naß werden.“ „Ach, lieber Trautmannsdorf, ich preise Euch, preise Euch, daß Ihr so denken könnt. Lobet den Heiland dafür, daß Euch das verliehen war. Mir wurde das nicht in die Wiege gegeben. Und wenn es mir in die Wiege gegeben war, so ist es in dem Augenblick wieder von mir genommen, wo mir die römische Krone zu Frankfurt aufgesetzt wurde. Meine Länder sollen nicht zu mir kommen, ohne bei mir gnädiges Gehör zu finden.“

Eggenberg flehte: „Die frommen Patres der Jesugesellschaft haben Kenntnis von allem erhalten, was sich ereignet in Ungarn hat. Die Stände sind zu ihnen gekommen aus Mähren, Schlesien. Sie haben sie freundlich empfangen und verabschiedet. Der Kaiserlichen Majestät dankten sie darauf für die Wahl des Herzogs von Friedland.“

„Die Patres, mein Eggenberg, haben nicht viel gehört, und als die Stände zu ihnen sprachen, haben die Väter nicht an Ungarn Schlesien und Mähren gedacht, sondern an Gott und die Jungfrau. Ich habe unter den Worten der Stände gezittert, als wenn meine Kinder es wären, die geplagt wurden; ich konnte nicht an Gott denken wie die frommen Männer, mein Leib ist nicht so stark, Jesus wird sich meiner erbarmen, ich bin nicht geweiht. Ich muß meiner niedrigeren Natur Opfer bringen.“

„Was soll ich der friedländischen Durchlaucht nahe legen im Namen der Majestät?“