Mittags besuchte der Herzog den kaiserlichen Rat auf seiner Kammer. Er verharrte bei seiner Resignation: er hätte erfahren, daß der Graf Rambolt Kollalto im Hause eingetroffen sei und hier logiere; was das zu bedeuten habe. Eggenberg, im Bett liegend, gab den Bescheid, Kollalto sei nach ihm im Augenblick der einzige Kriegssachverständige, der dem kaiserlichen Hause nahestünde; wenn seine Liebden der Herzog beharrlich ablehne, sollte sich Kollalto mit seiner Liebden unterhalten, was zu geschehen habe und ob sie beide das erzherzogliche und kaiserliche Haus im Stiche lassen wollten, beide, nachdem Kollalto gleichfalls den Gedanken der Kommandoübernahme abgelehnt hatte. Der General formulierte darauf mit harter Stimme, am Fenster mit dem Rücken gegen das Bett stehend, seine Bedingungen. Er sei in der Notwehr und müsse sich schützen. Wiederholte seine Ideen zur Kriegsführung, ausgeführt, mit dem Verlangen der ausdrücklichen Bestätigung durch den Kaiser. Eine endgültige Antwort lehnte der Fürst für seine Person ab, versprach, die Bedingungen in Wien zu empfehlen. Der Herzog verlangte Kriegführung im Reiche, Steuern in Böhmen für Kriegszeit fortlaufend. Mit siebenzigtausend Mann und siebzig Geschützen wolle er ins Feld ziehen; das Reich besoldet die Armee so lange, bis es sich zu einem gerechten Frieden versteht.

Man schickte nach Kollalto, der Herzog wünschte es selber. Als der beleibte Mann am Bett Eggenbergs ihm gegenüber stand, fragte er, bevor er die Hand gab: „Sind wir Freunde oder Feinde?“ Kollalto ernst, er hoffe Freunde. Der Soldat hatte einen andern Blick für Wallensteins Vorschläge; er äußerte gegen Eggenberg schon nach wenigen Sätzen, daß dieser Weg zur Zeit der einzig gangbare sei.

Es war Gewalt mit List, was der Friedländer vorschlug, ein scheußlicher grauenerregender Plan: entschlossen und ohne Rücksicht sich des Herzens von Deutschland bemächtigen, mit einer maßlosen Heeresmacht dort ruhen, die Vorgänge im Reich bewachen und nicht davon gehen, bis aller Widerstand erstickt und das Heer bezahlt ist.

Mit eisiger Ruhe, aber wie Eggenberg schien, jeden Augenblick im Begriff in Wut auszubrechen, erklärte Wallenstein, sich vom Bett entfernend, seine Arme lang über einen Tisch pressend und die Zeigefinger ausstreckend und krümmend, daß er seinen Posten niedergelegt habe und ihn nicht wieder übernehme vor Anerkennung seiner Bedingungen. Das seien seine Lebensmöglichkeiten. Eggenberg wollte die Debatte auf das Verfängliche der Situation in politischer Hinsicht bringen, der General hielt das Militärische fest. Mit zwei Worten beleuchtete er nachher noch einmal die Sachlage: er sei Privatmann und könne sich aus jedem Strick ziehen, er brauche sich nicht freiwillig in ein Labyrinth zu begeben.

Darauf hatten Kollalto und Eggenberg abends eine Unterhaltung. Daß der Ton Wallensteins unerträglich war, bemerkten sie kaum, der Plan stand im Vordergrund; auch war Kollalto gedrückt, weil er dem General früher Unrecht getan habe. Er wolle Präsident des Kriegsrats bleiben, um dem General desto besser Dienste zu leisten; so hatte er eingebissen. Gegen Eggenbergs kopfschüttelnden Einwand, sie lüden sich mit dem Plan das halbe oder ganze Kurfürstenkolleg auf den Hals, denn die durchlauchtigen Herren würden die Grundfesten ihrer Fürstenlibertät bedroht sehen, ihre Landeshoheit geschmälert oder verneint durch die Einlagerung eines solchen Heeres, setzte er: das Heer muß sehr groß sein. Eggenberg sah, der Militär war von der Idee eines solchen Heeresmammuts berauscht. Seine Bemerkung, Kurfürsten Fürsten und Stände würden in solcher Einlagerung eine gesetzwidrige Besteuerung durch den Kaiser sehen, welche Besteuerung durch Kollegial und Reichstagung zuvor bewilligt werden müsse, provozierte nur Kollaltos freudige Wiederholung: das Heer muß sehr groß sein. Und als Eggenberg, der im Schlafrock an Stöcken hin und her durch seine Kammer ging im Kerzenlicht, fragte, vor dem glücklich sinnierenden andern haltmachend, ob sie sich denn getrauten, ein solches Heer auf Posto zu bringen, hob er die Arme wiegend hoch: das sei es ja gerade, das vermöchten sie, der Herzog hätte für jeden Kenner ja bewiesen, was augenblicklich zu leisten sei; es sei eine Glückslage jetzt, wie sie bald nicht wiederkehre. Drauf und dran; sie ausnützen, beginnen, nicht zaudern. Eggenberg hielt ihn mit seinen klaren Augen fest: wer dem Kaiser so rät, müsse auch wissen, daß er das Haus Habsburg aufs äußerste gefährden könne. So sollte, lachte Kollalto, der Fürst noch Karaffa, Liechtenstein, wen er wolle, befragen.

Eggenberg hielt es für gut, am nächsten Morgen vor der Abreise dem General seine Zustimmung zu versichern; den genauen Bescheid der Majestät würde ihm nach Prag ein eigener Bote überbringen. Kollalto schied in voller Versöhnung vom Herzog.

Als Eggenberg in der goldblitzenden Antikamera des Kaisers stand, erinnerte er sich erst, daß er nach Bruck gefahren war in den Schnee, um den Friedländer zu warnen vor weiterer harter Kriegführung; kein Wort davon war gefallen. Der Kaiser fragte streng, was der Herzog geantwortet habe. „Nichts, als daß ich Eurer Majestät berichten sollte, daß die Kriegführung mit Härten verbunden sei, auch mit Klagen uneinsichtiger Menschen.“

„Der grausame Mensch. Der Barbar.“ Der Kaiser nahm von seinem Tisch eine Rolle, las die Eingabe der mährischen Stände vor. „Also das ist nicht zufällig und als Exzeß begegnet, das war nicht unvermeidbar, das hat mein Oheim, der Herzog, mit Plan getan und geleistet. Eggenberg, lieber,“ er schüttelte den Fürsten an der Schulter, „ich habe gehört, daß Ihr nichts mit dem verrufenen Mann zu tun haben wollt. Ihr selbst habt mir nicht zuraten können. Das ist ein Christ, ein Katholik, er hat zu seinem Heiligen gebetet, während ihm dies geschehen ist, nein, während er dies getan hat.“ Seine Lippen bebten. „Majestät sind Römischer Kaiser, viele Untaten geschehen im Reiche; man kann nicht alles hindern.“ „Das ist nicht mein Geschäft, Eggenberg. Nie und nimmer. Ich weigere mich, ich wehre mich dagegen. Es ist roh, es ist unnatürlich, es ist die planmäßige Vernichtung ganzer Leben, ganzer Landschaften, die Gott geschaffen hat.“ Nach einigem Atmen fuhr er fort: „Und wozu? Um den Bastard Mansfeld zu beseitigen. Oder — mein Haus zu erhalten.“ Leise der Fürst: „Gewiß möchte jetzt wohl jeder Euch anbeten, Kaiserliche Majestät. Eure Frömmigkeit ist kein bloßes Lippenspiel; es werden nicht viele deutsche Fürsten wie Ihr sein. Nur: wie werdet Ihr den Thron behaupten können? Wie wollt Ihr das?“ „Ihr seid der Meinung, Eggenberg, solche Untaten sollen noch öfter in meinem Namen geschehen?“ Eggenberg ballte hinter seinem Rücken die Hände, zwang sich zu sprechen: „Ich meine, es wird Ähnliches öfter geschehen müssen.“ Ferdinand von seinem Ton getroffen, musterte ihn scharf; rauh forderte er ihn auf zu sprechen. Leise meinte der Fürst: der General hätte sich dahin geäußert, solche menschlich beklagenswerten Mängel der Kriegführung seien in höchstem Maße erwünscht; der Herzog habe mehr oder weniger deutlich abgelehnt, hier von Schattenseiten oder Mängeln der Kriegführung zu sprechen; vielleicht für die früheren treffe das zu. Er setze aber dies Unglück in seine Rechnung. Er hielte es sogar im Augenblick für nötig, ein großes Heer in die blühenden reichsten Gegenden des Reiches zu werfen; das Heer solle erstickend auf dem Lande liegen; die feindlichen Bewegungen im Reich beobachten, bis sich nichts mehr rege und man nur den Wunsch habe, das Heer zu entfernen.

Starr blickte der Kaiser den Rat an, dann lachte er krampfhaft; so hätte man also eine leichte Handhabe, diesen verrückten General wegzuschicken. Darum, verneigte sich der Fürst, habe der General gebeten. „Gut,“ schrie Ferdinand, „gut,“ und knirschte in Empörung mit den Zähnen, „so ist ja allen geholfen.“ Als Eggenberg sich das Kinn rieb, sah ihn Ferdinand an: „Das Dekret der Entlassung wird fertiggestellt werden, wenn die Majestät es befiehlt.“ „Ich bitte darum.“ „Wir werden nicht wissen, woher wir den General und die Truppen entlohnen sollen. Wir brauchen ein Heer. Majestät, es kann nicht daran gezweifelt werden, daß wir ein Heer brauchen.“ „Euer Liebden ist sonst nicht unklar. Wollt Euch nur deutlich ausdrücken: ich soll mich diesem Verbrecher unterwerfen?“ „Es ist ein furchtbarer Mensch. Graf Kollalto setzt sich für ihn ein.“ „Sprecht noch einmal.“ Vor den drohenden fassungslosen Kaiser wurde Graf Kollalto befohlen.

In dieser Unterhaltung stöhnte der Kaiser mehrmals: „Um des Heilands willen schafft den Böhmen weg.“ Rotwangig, mit kurzem weißen Knebelbart, kurzstämmig stand der Friauler vor ihm, in hohen Beinstrümpfen, strenger spanischer Tracht; man solle dem Böhmen vertrauen, er verstünde den Geist des Augenblicks. Er wurde, als er die Erregung des Kaisers und die unsichere, verdächtige Haltung Eggenbergs bemerkte, dringender, Wallensteins Ideen seien eine entschlossene Tat. Und dann schmetterten Ferdinand um die Ohren die Worte: „Der Römische Kaiser, das Heer, der Kaiser, das Heer.“ Es fiel kein Wort von den Mähren, Schlesiern. Halbbetäubt hörte Ferdinand den Mann an, der seit Gradiska sein Vertrauen besaß.