Der Saal war klein, die Wand schulterhoch mit brauner Verschalung bekleidet, an der blauen Decke rangen riesenleibige Dämonen mit Armen, Balken, Bergen gegeneinander, spien einen stählernen Kronleuchter gegen den Boden, stießen hölzerne Säulenblöcke auf das Parkett. So herrisch trat Kollalto mit seinen Worten auf, so ernst stand Eggenberg, einen Daumen am silbernen Gürtel, neben ihm, daß Ferdinand plötzlich eine Unsicherheit, ja Scham befiel, daß er gegen ein sonniges spitzbogiges Fenster zurücktreten mußte. „Wir können siegen“, klang das rastlose Triumphgeschrei Kollaltos. „Habsburg wird die Feinde im Reich unterwerfen.“ Ferdinand beendete die Audienz; er war in Furcht untergetaucht.

Die Kerzen brannten an dem Kronleuchter, auf einem Podium spielte die Hofmusik, die Tür zu einer Nachbarkammer war weit geöffnet, drin saß im prächtigen, eng verschnürten Rock vor einem rostbraunen Gobelin auf der langen Polsterbank der Kaiser, bückte sich über sein Knie. In tiefer Erschütterung fragte er den Fürsten Eggenberg, ließ sich wiederholen. Der ungeheure Gedanke warf ihn um, wie er Kollalto umgeworfen hatte. Die habsburgischen Königreiche und Länder sind zu schützen, indem man den Krieg von ihnen fernhält, das Reich ist zu einem gerechten und vernünftigen Frieden zu zwingen, das Reich muß wissen, daß es die Heere des Kaisers so lange zu besolden hat, bis die Waffen niedergelegt sind. Öfter wollte Ferdinand in einer aufsteigenden Trostlosigkeit, einer ihn durchirrenden dumpfen Verzweiflung bitten, man möchte von diesen Reden lassen, er sei der Schützer, der Mehrer des Reichs, dann trompetete es: „Der Römische Kaiser, die Herrschaft über das Reich, der gerechte Friede“, er legte den Degengriff an seinen Mund, fühlte die Kühle.

Und dann, gerade wie der Fürst eine Pause machte und drin heimlich und sanft die ersten Stimmen eines Kanons von Geigen vorgesungen wurden, stürzte, sauste urplötzlich der Gedanke Bayern über ihn, als wenn ihn die Riesen geworfen hätten, die an der Decke nicht gehalten wurden, beinbewegend ihn mit den platten Fußsohlen betrampelnd.

Ein leises Quietschen steckte in seinem Kehlkopf und kam nicht höher. Bayern: er japste ringend unten weg. Sie hielten ihn. Der Fürst Eggenberg, purpurne Schärpe, blaue Strümpfe, purpurne Kniebänder. Oben jubelte es, knallte: „Sieg, Sieg, der Kaiser, das Heilige Reich.“ Er duckte sich aus seiner Höhle, verschämt, beschmutzt, platt hingedrückt, mißgestaltig, blinzelte. Oben jubelte es, aus der kühlen, weinseligen Stimme Eggenbergs, zu den zierlichen, schreitenden Takten des Kanons: Habsburg, Sieg, Wallenstein. „Herr, führe mich nicht in Versuchung!“

Und wie die verzückte Angst, der wüste Taumel sich mit einem langen Ruck durch ihn gestreckt hatte, war im Moment, wo er einen rotgeschwollenen Kopf an den Gobelin legte, alles verschwunden, verrauscht, hatte ihn sitzenlassen wirr in Fieber, Pein; eine nicht scharf erkenntliche, halbschattenhafte wilde Jagd raste durch seinen Körper, er litt es, es schwang hin und her, schwang, seine Muskeln bebten mit. Er setzte sich, während der Rat von der Kriegslage nach der Schlacht am Barenberge sprach, halb seitlich abgewandt, hatte das Gesicht mit der brillantgeschmückten Hand beschattet. Dann zwang ihn etwas aufstehend nach der Mantuanerin zu schicken.

Als sie kam, verlangte er nichts. Er ließ sie nur neben sich setzen, blickte zu der Tür hin, wo die beiden schwarzen Figuren, zwei Damen, zur Musik lange Fächer am Handgelenk schaukelten. Er war von einer tiefen Scham erfüllt, er mochte nicht denken, sein Inneres war ein heißes zittriges Rührmichnichtan.

Er fragte plötzlich, wie des Herzogs von Friedland Liebden, sein Oheim, aussähe. — Es sei der lange hagere Mann mit kurzgeschorenem Haar. — Der Kaiser zuckte mit der linken Hand; genug. — Eggenberg verneigte sich: ob Wallenstein zur Audienz befohlen werde. — Nein. —

Als die Tür hinter dem Fürsten fiel, drin alles still geworden war, die Mantuanerin sanft und scheu ihm Konfekt bot, fragte er: „Ist er hinaus?“ Sie wollte, die Silberschale auf den Wandbord stellend, wissen, ob es schlimm sei, was der Geheimrat gemeldet habe. Er biß sich den Schnurrbart, stieß ein Lachen aus, das ihm gelang, elastisch aufstehend ging er herum über den blauen weichen Teppich zu dem silbernen Delphin an einem Pfeiler der Fensterwand, der Wasser in ein Kupferbecken sprudelte: „Es ist nicht schlimm. Es ist schwer für mich. Es hat etwas — Unertragbares für mich. Zu viel, Eleonore.“ Die Damen, halbabseits an der Tür, hielten die Fächer geöffnet, geduckt, die Gesichter verborgen. Er setzte sich am Becken neben sie: „Mein Heiland, wie gut, daß ich dich habe. Ich bin ein alter Mann.“ Seine Schultern zitterten. Und jetzt drang es durch die Kehle, er schluchzte tonvoll, weinte gegen den Delphin gedreht, hörte sich klagen. Seine Brust schnürte sich in Krämpfen zusammen, leidend, mit einer verschwimmenden Lust, folgte er den schlagenden Bewegungen seines Körpers; wie konnte er sich ergehen. Diese Fülle, diese Öffnung. Er dachte von fern an die vergangenen Jahre und was jetzt auf ihn gelegt war. Was hatte er verbrochen. Dicht hinter der Stirn, bandartig um die Augen, rings um den Kopf war ihm sanft schwindlig. Eleonore brach in Tränen aus. Ihren nackten rechten Arm legte sie über den Rand des Beckens, das Wasser unten verzerrte ihr hergebeugtes zusammengezogenes Gesicht; sie fürchtete, die Damen möchten sie sehen, denen sie versprochen hatte, nicht mehr zu weinen.

Er bat abwinkend, nicht zu fragen. Und blieb dabei, sie zu küssen und fiebernd zu drücken.

Wie sonderbar aber, daß, als er in der Nacht einschlief, immer wieder in ihm der Gedanke wiederkehrte, daß er sich an Wallenstein rächen würde. Immer wieder zog an seinen Augen vorbei, daß er sich Genugtuung von ihm holen würde. Der Gedanke beruhigte, sättigte ihn. Mit Zähneknirschen wiederholte er ihn, ohne ihn zu verstehen. Der Gedanke gab seiner schnaufenden Atmung Ruhe, ließ ihn in den traumlosen Schlaf fallen.