Eggenberg gab auf die Frage des stierblickenden geknechteten Ferdinand zurück: man müsse den General halten. Das waren die, die ihm einmal einen Dolch auf die Brust gesetzt hatten. Er war matt, wollte nicht mit ihnen kämpfen.
Er sah voraus, daß er werde viel Wein trinken müssen. Entsetzt dachte er: nicht wieder im Keller, nicht wieder mit dem Zwerge.
Er fragte: was Lamormain meine.
— Die heilige Kirche und das Haus Habsburg hätten gemeinsame Interessen. — Erwischt den Herrn Lamormain, jauchzte es einen Augenblick in ihm; pfui, pfui, der Menschen. Aber er wurde zurückgescheucht von den ernsten stummen vergewaltigenden Mienen der andern. Er duckte sich, die Unsicherheit in ihm verwirrte verschlang alles. Der Kaiser schloß den Mund.
Den Abgesandten der mährischen und schlesischen Stände, die sich in Wien aufhielten, wurde die Teilnahme des Kaisers für ihre Leiden ausgesprochen; der Kaiser lehnte ab, sie noch einmal zu empfangen; er wies bedauernd auf die Schattenseiten der Kriegsführung im allgemeinen, daß sein General gehalten sei, strenge Zucht zu üben; sie möchten nicht die Staatsraison aus den Augen lassen.
In seinem Palast auf dem Hradschin empfing Wallenstein den Erlaß, der ihm den Dank des Kaisers für seine erwiesene Vorsicht und Tatkraft aussprach, dem Vertrauen Ausdruck gab, daß seine Liebden im kommenden Jahr eine starke wohlausgestattete Armada aus den Winterquartieren gegen die furchtbar rüstenden Übeltäter und Friedensbrecher führen werde.
Auf die Niederlage des Mansfelders antwortete England, seinen König zwingend, mit einem Vertrage mit den Generalstaaten; es erklärte unter keinen Umständen die Sache des Kurfürsten von der Pfalz und des Schutzes seines Rechtes aufgeben zu wollen, ferner nicht tatenlos der vom deutschen Kaiserhaus und Spanien mit ungeheurer Macht geplanten Ausrottung der Gewissensfreiheit zuzusehen. Es schloß mit den Niederlanden ein Bündnis gegen Spanien. Wie der Winter vorrückte und ungeheure Gerüchte von habsburgischen Rüstungen herüberdrangen, wurde auch der stolze englische König tief unruhig; es bedurfte nicht des Zudrängens des Parlaments, um ihn zu bewegen. Die Lords Buckingham Kensington Dudley Koxleton wurden bestimmt nach dem Haag zu gehen. Kamerarius, der Resident des Pfälzers, empfing sie melancholisch; der Mansfelder sei tot, Bethlen Gabor verschwunden; was solle er von Deutschland sagen — es sei dahin, dahin. Die Engländer aber, begleitet von dem tapferen kleinen Johann Joachim von Rußdorf, hielten die Nacken steif; sie führten in Kisten mit sich dreihunderttausend Pfund Sterling in Goldplatten und Edelsteinen. Von Frankreich erschienen Gesandte; auf den Straßen von Haag ritten neben den mageren Engländern mit den strengen braunen Gewändern, den hohen steifen Filzhüten, die lockenwallenden Franzosen, die freien feinen Gesichter, in losen fliegenden Kleidern, farbenstrahlend, von Hunden umtanzt. Ihre Berichterstatter und Sendboten saßen in Straßburg Ulm Nürnberg. Konnetabel Lesdighieres und Marquis Vieuvillier erklärten sich bereit, Subsidien an den Dänen und die Generalstaaten zu zahlen; sechshunderttausend Louis an Christian, eine Million französische Pfund an Holland. Freudig schwuren die Holländer, keinen Frieden mit Spanien schließen zu wollen ohne Frankreich. Brandenburgische Heere trafen ein; und plötzlich tauchten in schwarzer Attila ungarische Magnaten auf, runde Pelzmützen mit Agraffen auf dem Kopf, heftige schwarzäugige Herren, reich, mit lauter Stimme, die ihre protestantische Freiheit gegen das verschlingende Habsburg verteidigen wollten; riefen aus, wie bitter es Wallenstein ergangen sei und wie sie sich geweigert hätten, ihm Zuzug zu leisten. Die englische Delegation erhielt Briefe vom edlen Herrn Mark Antonio Padavin, dem Vertreter der venetianischen Signoria am Kaiserhof; er habe Auftrag, Vorschläge zu vermitteln nach Venedig über die von seiner Republik zu leistende Unterstützung; der tapfere geliebte Mansfelder sei tot, die dänische Majestät habe eine Schlappe erlitten; sie wollten mit Hilfe nicht zurückstehen. Aus diesen Briefen erfuhr man, daß der Bassa von Ofen und der Großtürke selber aufs stärkste gegen Habsburg zu rüsten begonnen hätten; man vertraue auf Bethlen Gabor.
Und wie vor Weihnachten die frohen Nachrichten sich häuften, fand ein feierlicher Kirchgang statt: hinter samtgekleideten Pagen und feinen Marschällen ging zu Fuß durch die strenge Luft der besiegte Pfälzer Friedrich, barhäuptig, die hellblonden gesalbten Locken neben den vollen bläßlichen Wangen über den offenen Hals spielend, in blauem bauschigen Wams, über dem goldenen breiten Wehrgehenk leicht zusammengesunken; seine blauen Augen blickten träumerisch leer. Elisabeth lächelte aus ihrem naiven Gesicht sonnig nach allen Seiten; die Gesandten ihres Bruders gingen hinter ihr, sie machte heftige ungeduldige Schritte in ihren goldenen Schuhen; ihr weiß gepudertes Haar erhob sich steif in Etagen über dem roten strotzenden Gesicht; in einem weiten grünen Kleid quoll ihr froher Leib; sie drückte die weiß bekleideten Hände geballt vor die Brust.
Die Generalstaaten, England, Ungarn, Frankreich, Brandenburger, saßen mit ihnen auf den Bänken vor dem masthohen Kreuz mit dem hängenden leinenbekleideten Heiland, hörten in dem hellen ungeheizten Raum die Predigt an über das Wort: „Und du, Kapernaum, bist du nicht in den Himmel erhoben? Du wirst in die Hölle hinuntergestoßen werden.“ Nicht von der Stelle zu rücken, gelobten sie, bis Habsburg, der deutsche Kaiser und Spanien, geschlagen und vernichtet sei; sie hätten unermeßliche Zeit und würden Gottes Mühlen gut mahlen lassen. „Dahin ist es gekommen mit Deutschland,“ erklärten sie, „daß fremde Herrscher zur Überwachung und Anordnung seiner inneren Angelegenheiten berufen sind. Der Bund ist gegen Habsburg geschlossen wegen Bruchs des Rechtsfriedens, Verletzung der Reichsverfassung, der beschworenen Wahlkapitulation des Kaisers. Es ist dahin gekommen, daß ein hochgeborener deutscher Fürst, geächtet, vogelfrei erklärt ohne Gericht, bei fremden Nationen hat Schutz suchen müssen. Da den benachbarten Staaten an Erhaltung des Friedens, der Verfassung und beschworenen Wahlkapitulation gelegen ist, sehen sie sich gezwungen, den rasenden unerträglichen Lauf dieser bösen Absichten und Unterdrückungen durch Aufrechterhaltung der Reichsfreiheit zu hemmen, dem unverkennbaren Ruin entgegenzutreten.“