Preisgegeben der stolze Friedrich von der Pfalz. Die englische Königstochter preisgegeben. Die Welt konnte sich erbarmen ihrer Ansprüche. Rusdorf, der leidenschaftliche kleine Johann Joachim, hatte lange England verlassen; seinen kranken Freund Pavel auf niederländischen Boden verbracht, wich nicht aus Haag, aus der Nähe seines Kurfürsten Friedrich; die Erde mochte untergehen, der Kurfürst sich aller Ansprüche entschlagen; er wollte von dem Recht nicht lassen, durchfiebert von der Rachsucht auf das grausame übermächtige Habsburg, angewidert von der englischen und dänischen Schwäche.
Maximilian fuhr um die Höhe des Sommers vom Berge Andechs, wo er gebetet hatte, mit Fyans, dem stummen niederländischen Arzt, nach München. Er hielt sich in seiner Residenz vier Tage eingeschlossen; Fremde suchten seine Audienz nach, Bildersammler Gemmenhändler wollten ihm ihre Auslagen bringen, Briefe von Tilly liefen ein, seine Tür war nur Vervaux, dem Beichtvater, und dem Leibarzt offen. Man sah ihn durch den Hofgarten, die Grottenhöfe in der warmen Herbstluft gehen. Es geschah, daß er seinen Kriegsratspräsidenten zu sich berief und zum ersten Male im Rat über die Kriegslage sprach. „Mein Heiland, daß du mich versuchst“, kam aus seinem Mund vor dem Präsidenten gegen Schluß des Vortrags.
Er ließ seine Räte und die Vertrauten des Hofes eines dunklen Morgens in eine kleine Ritterstube rufen. Maximilian, barhäuptig, ungegürtet, stand, nachdem er sich von einem Sessel erhoben hatte, streng und wie abwesend vor einer hohen Prunkkredenz. Er dankte ihnen mit leiser Stimme, die sich bald kräftigte, daß sie erschienen seien. Er denke gewiß groß von ihnen, die ihm so viel geleistet hätten. Ihre Gesinnung hätte sich gegen ihn zu jeder Stunde bewährt. Er stockte viel. Es sei ihm klar geworden, nach vielem Nachdenken, daß er sich kaum werde behaupten können. Als darauf Bewegung unter den ernsten alten Herren entstand, richtete er sich aus seinem Hinstarren auf. Ja, er hielt es nicht für unwahrscheinlich, daß er der letzte des Hauses Wittelsbach sei. Daß er nicht spielte, erkannte man an den glühroten Striemen über seiner Stirn, an der Art, wie seine Finger über dem weißen Wams zuckten. Sie seien in Gefahr wie noch nie. Es sei ihm unmöglich, jetzt schon deutlicher zu sein. Wer sehen könnte, sähe schon; es werde bald erhellen. Er wisse nicht, wie er aus diesem Kreis feindlicher Mächte Bayern herausgeleiten könne. Zum Schluß flüsterte er, er brauche Mitwisser, Mithelfer. Sie möchten seiner gedenk sein. Es war fast ängstlich, ihn anzusehen, wie sich der Stolze abrang so zu sprechen und wie die Audienz fast mitten in der Rede abgebrochen wurde. Aber die finstere Katastrophenstimmung, unter der er stand, nahmen sie mit. Sie nahmen das Entsetzen mit, daß der Einsame, der sonst nichts von sich gab, mit seinen halblauten Worten von sich strömte. Als stünde der Feind vor der Tür.
Er saß in seinem verschlossenen Palast, mit Fasten, nächtelangem Beten, Selbstfolterungen an sich rüttelnd. Die Liga war verdrängt vom Kriegsschauplatz, Graf Tilly, er konnte nicht an ihn denken, ohne geätzt zu werden von der blinden verzweifelnden Wut, seine Kiefern rieben sich aneinander. In den sehr stillen, glühheißen Wochen ritten häufiger und häufiger fremdländische sanfte Männer durch die Straßen Münchens. Sie waren fromm; standen vor der diamantenüberschütteten Reiterstatue des heiligen Georg in der Hofkapelle, beteten vor ihr; keine Frühmesse versäumten sie. Feine freie lockenumspielte Gesichter hatten sie, kleine Spitzbärte, mit Lächeln blickten sie die Männer und Mädchen an; keiner konnte ohne Freude sie zierlich und fest hinschreiten sehen. Bologneserhündchen mit glatten weißen Haaren, schwarzer Nase, trugen Diener hinter manchen her; auf den Brunnenrändern spielten und gurrten die Herren mit ihnen. Wie eine magische Tröstung drängten sie sich dem lethargischen Maximilian auf, der seinen Vater zurückwies, seine Räte beschied, ihn nicht zu stören mit ungefragten Naseweisheiten. Marquis Marcheville, ein langer Herr mit schwarzen vollen Locken, geschwungener starker Nase, feuchten großen Augen, flüsterte vor der deutschen Kurfürstlichen Durchlaucht verschwiegen erinnernd an ihre alten Besprechungen, die französische Majestät hätte mit Freuden Kenntnis genommen von dem siegreichen Vorgehen der katholischen Mächte gegen den Dänen, sie vermeine, es sei vielleicht jetzt an der Zeit, den Frieden anzubahnen. Und als der Kurfürst hart zurückgab, nicht an ihn möge sich der edle Herr deswegen wenden, sondern an den Römischen Kaiser, schmeichelte der feingeschuhte Mann, so könne er doch nicht glauben, daß ein bayrischer Fürst, Kurfürst und Wittelsbacher, einflußlos im Heiligen Reiche sei und nicht Rechte und Pflichten in der Sicherung des Reiches vertrete. Dann bemerkte er, daß das ligistische Heer an den Erfolgen beteiligt sei. Danach dankte der Kurfürst.
Als zweiter trat in das weite ebenholzgetäfelte Empfangszimmer nach einigen Tagen im Kardinalspurpur eine niedrige fahlgesichtige Figur; ihre Stimme streng, sicher, Bagni, der päpstliche Nuntius in Paris, segnete den Bayern, besah flüchtig einige Gobelins, schalt, in dem Kriegstreiben dürfe man die heilige Kirche nicht vergessen, als bedeute sie nichts; an Frieden müsse man denken, noch weiter friedliche Christenmenschen dem Unwesen auszusetzen, sei Todsünde, beflecke wie Mord. Mit Entzücken habe der Papst von dem Wunsche seines treuen Sohnes, des gallischen Königs gehört, Vermittlung den Parteien anzubieten; möge Maximilian, dessen Frömmigkeit so hoch stünde, dies annehmen. Der Papst wünsche Frieden, wünsche ihn innigst. Der Kurfürst, sich im Sessel vorbeugend, küßte das Kreuz aus Elfenbein, das der Kardinal ihm mit herber Miene bot.
Den habichtsköpfigen Marcheville ersuchte Maximilian, nachdem er plötzlich seinen Räten Besprechungen mit den Franzosen befohlen hatte, selbst zu sich. „Ich will Frieden,“ stieß er zwischen den Zähnen mit aufbebendem Gesicht vor, „es ist meine Pflicht, diesen Streit zu beenden. Welche Vorschläge macht mir Euer König?“ Der Franzose: Die Vermittlung solle den Pfälzer Ausgangspunkt vernichten in irgendeiner Weise. „Ich will wissen, Marquis, was Ihr wollt, und was Ihr mir gebt; ich will baldige Vorschläge. Ich muß mich entscheiden.“ Der Marquis riet, Bayern und die Liga solle sich neutral erklären, solle einen Sonderfrieden mit Dänemark schließen, Frankreich werde diesen Frieden garantieren; man müsse ohne Wien und Madrid handeln. „Ja, das muß man,“ stöhnte der Kurfürst; „Ihr braucht es mir nicht sagen. Ihr wollt freie Hand im Elsaß und im Artois, ich weiß. Ja, ich weiß.“
Von den eroberten und besetzten Gebieten pulsierte Gold nach Österreich in wilden Takten; Wallenstein, der General, hatte das Heer als Stab in der Hand, mit dem er Quellen entdeckte. Man brauchte nicht, wie Hispanien, das neue Indien unter Gefahren aufsuchen; es war, wie der Böhme prophezeit hatte, übergenug im Reich vorhanden. Nur ab und zu erinnerte Abt Anton den Herzog, der bisweilen versunken schien, an die Bedürfnisse des Hofes und das Glück der Stunde.
Der Hof verfolgte von Wien aus den Kampf, das grausame Niederringen des Dänen an der Meeresküste wie von einer bekränzten hohen Tribüne herab, unter schallenden Flöten Zinken Posaunen Pauken; der Herzog von Friedland war als Ritter Georg hinausgeschickt worden, den Drachen zu bezwingen. Und er machte es vorzüglich, man mochte ihm den Beifall nicht vorenthalten. Er war treu und bieder; was er konfiszierte, schickte er dem Kaiser, konnte auch selbst seinen Teil dran haben, sollte ihm nicht verdacht werden. Sein Lob sangen sie mit vielen Stimmen: die früheren Kaiser und Päpste haben treffliche Diener gehabt, die ihnen in der Not beigestanden hätten; aber könnte sich keiner vergleichen mit dem hageren heftigen Böhmen, der sich von Schlachten in Schlachten stürzt, sein Vermögen blind und unaufgefordert hinwirft, das Reich rettet, den kaiserlichen Hof mit Gold überschüttet. Der Papst hat seine Jesuiten, der Kaiser den Herzog von Friedland. Entzückt schwebte der Hof, keine abenteuerlichen Wünsche versagten sie sich, die Pracht der Feste Gastereien Schloßausstattungen Jagdaufzüge überstieg alles Frühere. Abt Anton schrieb, der Herzog zahlte. Sie winkten kaum: „Wir danken, wir danken.“
Es gab welche, die lächelten sich bei Tisch an, wetzten ihre Zungen an dem Böhmen draußen, der sich in den Morästen und öden Ländereien herumschlug: „Der Unhold von Altdorf hat seinen guten Platz gefunden. Er hatte die Wahl zwischen einem gefährlichen Raufbold und kaiserlichen Offizier, kann dem Kaiser danken, daß er ihn annahm und nicht Spitzbube werden brauchte.“
„Wir haben zwei Chorherren in Kompagnie, werden bestätigen, was ich meine. Dem Herzog ist ein Glück geschehen. Der Kaiser hat ihn aus dem Kot gezogen, in dem seine rebellischen Vettern und Freunde verreckt sind; so hat er Grund, dankbar zu sein. Ist ein weidlich starker, dicker Büffel, zieht den Pflug, das ist sein Handwerk. Das Recht hat er zu siegen, wenn er kann; noch andere können siegen; die römische Majestät hat ihm wohlgewollt. Danke er, nichts weiter.“