„Er ist der Stellvertreter, wie wir ihn seit Jahrzehnten gebraucht haben. Das Haus Habsburg seufzte nach ihm. Nun ist er da.“

„Er erfüllt in der Tat diese Aufgabe außerordentlich. Ihr seid bald nicht mehr da. Er hat dem Kaiser die Last abgenommen, Kaiser zu sein. Er siegt für ihn, ernennt für ihn, politisiert für ihn.“

„Also. Ihr seht: außerordentlich. Wir haben dies gebraucht. Es ist eine Lust, Kaiser zu sein. Es gibt keinen Diener, der neben dem Böhmen zu nennen wäre.“

Trautmannsdorf tauchte und drehte die Reseden in der tönernen, bemalten Vase neben sich: „Sie werden bald betrunken sein, die Reseden. Paßt auf, wie sie die Köpfe senken werden. Sie vertragen so kräftige Nahrung nicht. Und was meint Ihr, was wird nachher aus Friedland, wenn er trefflich Kaiser spielt, und aus dem Kaiser, wenn er sich so trefflich vertreten lassen kann?“

„Sie ergänzen sich; sie ehren sich. Es wird keiner im Reich nach dem Kaiser mächtiger sein als Friedland; Augustus, sein Feldherr Cäsar.“

Nur Fürst Eggenberg sah sich am Hofe um, erkannte die schrankenlose Freude, gegen die es kein Ankämpfen gab. Er war allein. Die geifernde, grollende Clique der Bayern, der Spanier wollte sich an ihn werfen, Strahlendorf sprach ihm zu; trauriger zog er sich zurück, als er erschreckt bemerkte, daß die Feinde Ferdinands sich ihm gesellten.

Dann setzte er sich gegen den Kaiser. Er hegte nicht mehr das geringste Mißtrauen gegen Wallenstein, ihn widerten die Bayern an, die Haß am Hofe säten; er hatte still in sich das unverrückbare Gefühl: diese furchtbare Macht darf nicht auf einen einzelnen gehäuft werden. Mit Liebe suchte er die Bewegungen in der Seele des Kaisers nachzufühlen, seine Glückseligkeit über das Geschick, das Wallenstein vollstreckte. Er trauerte; er wußte, wie wohl dem Kaiser war, wie er beglückt war nach der schweren bayrischen Affäre. Wochenlang hielt sich Eggenberg in seiner Wohnung. Dann war ihm klar: dem Herzog mußte die Macht abgenommen werden; es durfte nicht zum letzten Bruch mit den Kurfürsten kommen. Und mit wachsender Angst hörte er um sich jubeln, sah das Schrecknis des böhmischen Herzogs. Spähte um sich, verschloß entsetzt die Fenster und Tore seines Hauses.

Machttriefend, ungeheuer, unmäßig schluchzend nach Herrschaft, Sieg, hörte ihn der Kaiser an; wie schon einmal stellte sich ihm sein vertrautester Ratgeber mit schlotternden Gliedern gegenüber. Jetzt lachte der Kaiser Tränen über ihn; ob er nicht wie jener Eulenspiegel sei, der ächze, wenn er ins Tal herabstiege, juble beim Klettern — ein Spaßmacher. Bei Abt Anton kreuzte der Fürst die Wege des verwachsenen Grafen. Der, von einer großen Helle, neigte sich ihm halb zu, vom allgemeinen Rausch mitgenommen; man müsse sehen, wieviel Wallenstein durchzusetzen vermöge im Reich, dürfe ihn nicht stören; Gefahren müsse man an sich herankommen lassen. Eggenberg versteckte sich.

Ferdinand der Andere, des Römischen Reichs Mehrer, rauschte als glöckchenklingelnde bänderwerfende Riesenstandarte in Purpur über ihnen, in den Boden gerammt, häuserhoch am Mast, an der sein Ungestüm zerrte, als wollte er sie hochtragen. Er war nach dem monatelang an ihm wütenden Wechselfieber zum Skelett abgemagert, auf Jagden stürzte er oft ohnmächtig vom Pferde, nach kleinen Ritten hing er schweißgebadet im Sattel; seine Nase war schmal und überaus hoch geworden; ein dünnes, beängstigend zartes Gesicht mit verschatteten, sehr weiten Augen. Die Freude zu trinken, zu bankettieren hatte ihn verlassen; er saß wie sonst den feierlichen und intimen Gastereien vor, liebte die Üppigkeiten der Küche vor sich zu sehen; das Knuspern Knacken Schmatzen Schlucken lösten in ihm Wonne aus, als ob er selbst schmauste, der Dunst der Braten Soßen Suppen badete seine Nase, seinen Mund. Ins Gestühl vergraben schnalzte er zur herunterwogenden Musik. Seine Hände mit den knotigen Fingern waren hellgelb und durchsichtig geworden; wenn er sie vor das dünne Gesicht hob gegen das Kerzenlicht, entzückte ihn in einer unverständlichen Weise das durchscheinende helle feine pulsierende Rot; es schien ihm beglückend zu sein wie das, was ihn erwartete. An Ringen Goldgehenken Schnallen Prunkschärpen, bemalten durchwirkten Gewändern schleppte er auf seinem matten Körper mit sich herum in Karossen, auf Tummelpferden, als ob er in Konstantinopel wäre. Seine Leibwagen mit ungeheuren Hinterrädern, deren Speichen wechselnd silbern und kupfern blinkten; die Vorderräder zwerghaft kriechend, demütig, fußfällig am Boden; auf ihrer Rundung Kränze und Kronen silbern auf rot. Zwischen den Räderpaaren auf biegsamen Achsen gelagert das schwere zitternde Wagengehäuse, die Wände schräg gewaltsam nach oben auseinander strebend, kleiner Boden, breitausladendes Dach, von elfenbeinen gedrehten Säulchen gestützt; seitlich durchbrochen von kristallenen Fenstern in Ebenholzrahmen. Auf dem Dach offen ruhend vor dem Licht eine Krone aus heißem Gold mit hohem Kreuz und breiten Steinen; von den vier Wagenwänden stiegen Riesen mit Bronzeleibern und silbernen Bärten auf, hielten Keulen und Schwerter um die Krone. Drei faustdicke Goldpuscheln herab hinter den Sitzen der Kutschierenden, drei Puscheln gebückt vor den rückwärts deckenden Hellebardieren. Drin halb liegend unter Decken er, träumend aufgeschreckt, die Lippen bewegend.

Durch seine Finger lief das Gold, um sich in Almosen Altarbilder, in Teppichbeete Laubengänge Lusthäuser Springbrunnen Pfauengärten Vogelvolieren Fischweiher aufzulösen. Der Pfennigmeister Gurland, der Schatzmeister suchten den Strom in ihre Räume zu lenken; der Kaiser freute sich ihrer Gier. Dankbar für die Errettung aus der Krankheit schickte er dem Papst Urban hunderttausend Taler als Peterspfennig. Nur durch Gebete und Verehrung konnte man den Himmel versöhnen für die Sünden, die man ohne Unterlaß beging, Verzeihung erreichen, sich würdig neuer Gnaden erweisen, neuen Segen anlocken. Er ließ Lamormain, den Beichtvater, täglich zu sich kommen, als wenn er seinen Schutz brauchte; zu ihm sagte er, er sei sein bestes Amulett; mit einer krampfhaften Erregung hing er sich an ihn; so maßlos beschenkte er die Stiftungen Schulen Konvente der Väter von der Jesugesellschaft, daß Lamormain besorgt ablehnte; Ferdinand bettelte, man möchte ihn nicht zurückweisen: „Was wollt Ihr, Ehrwürden, es werden nicht viele Kaiser nach mir Euch wohltun, wie Ihr verdient.“