In den nächsten Wochen fand man den Fürsten, der Sommer und Winter in einen Wolfspelz sich einmummte, von kleinen Zettelchen umgeben, die er gierig aufraffte, sobald er erwachte, und sammelte, bei sich versteckte, in Taschen, Pantoffeln, den Hosen, hinter irgendeinem Ofen, an dem er unbemerkt vorbeiging.

Einmal kamen die Bauern vor die Schloßrampe, mit ihren struppigen Haaren, biederen und grimmigen Mienen, plumpen Schuhen, die Hahnenfeder steil auf den kleinen Hüten, trugen Klagen vor gegen zwei Amtmänner, einen Rentmeister, machten große Pausen, hoben immer wieder die Hände. Es würde zu viel schlechtes Geld ins Land geschleppt; sie wollten Salz nicht um doppeltes Geld kaufen, sondern da, wo es am billigsten sei; die Juden sollten vertrieben werden; der Rentmeister erhebe Wegzoll überall, aber sie wollten nur da zahlen, wo gute Wege seien; man möchte den Amtleuten das unberechtigte Holzschlagen in den Gemeindewaldungen verbieten.

Der Alte mit dem Kanzler auf der Rampe keifte mit den Gärtnern, daß sie die Bauern vor das Schloß gelassen hätten, wo überall frischer weißer Sand gestreut sei. Die Bauern sollten sich nicht beifallen lassen, denselben Weg zurückzugehen durch den Park und alles zu verdrecken und betrampeln; sie würden geführt werden um das Schloß herum, dann hätte einer hinter dem andern den Küchenweg zu spazieren. „Was wollt ihr eigentlich hier?“ schrie er schnüffelnd, an seinem Ohrläppchen arbeitend, „wißt ihr nicht, wo ihr hingehört? Warum geht ihr nicht an eure Arbeit? Ihr sollt machen und marschieren, wo ihr hergekommen seid. Wißt ihr Tröpfe, was ihr seid? Bärenhäuter, Fuchsschwänzer! Mir die Wege vertrampeln! Fort mit euch! Kriegt Hunde an den Hals.“

Und während sie langsam, störrisch, mit verzerrtem Gesicht, niedergeschlagenen Augen an ihm vorbeizogen, wie man sie führte, und sich verneigten, schmähte der kleine Alte mit rotem Kopf auf sie und spuckte; sie sollten nicht ihr Geld verspielen, in den Badehäusern sitzen und schwätzen. Dardanisches Spiel, Cinque, Sesse, die Filzlaus! Die verdammten Spötter und Schnurrer, die sie auf die Dörfer riefen, Seiltänzer Eisenfresser, fahrende Fräulein, und die Abgaben verweigern der Obrigkeit! Zu saufen wie Soldaten und reiche Herren!

Als sie davongemurrt waren, spie er auf den Gängen und Stiegen noch aus, lachte schlimm; die Weiber steckten dahinter mit ihrem sündhaften Begehren nach Putz und Quinquireleien; tut man bald gut, das Hexenvolk von den Äckern zu verjagen. Der Kanzler, beim Durchschreiten einer Hofgalerie, meinte leise, die Amtleute müßten höher bezahlt werden. Böse meinte der Fürst: „Recht so, recht so. Die Herren sollen wissen, wer regiert! Nichts da von Nachgeben. Lassen wir uns die Welt über den Kopf wachsen, Sartorius?“

Brummelnd meinte er etwas von dem böhmischen Schafgift, das ihm nichts angetan habe.

Am Geländer stand er auf seinen Krücken fast eine halbe Stunde, vor sich zischelnd, den Kanzler nicht beachtend, lebhaft gestikulierend. Zog seinen Mantel fest, sah an dem Kanzler auf. In der Kanzlei, mit flüsternder Stimme, gab er dem verblüfften Mann Befehl, alles stehen und liegen zu lassen; in einer Woche wolle er mit ihm eine Reise antreten.

Philipp Ludwig verabschiedete sich nicht von seinen Söhnen; es hieß, er mache einen Jagdbesuch bei seinem Nachbarn, dem Markgraf von Burgau. Unter dem Kopfschütteln des Haushofmeisters und allen Hofgesindes bestieg er mit fünf Mann Gefolge die Reisewagen, nachdem er noch schniefend dem Vertreter des Kanzlers Acht empfohlen hatte „auf die arglistigen Bauern“. Soviel Geld und Pretiosen er im Gepäckwagen transportieren konnte, nahm er mit; heimlich schlossen sich eine halbe Tagereise hinter der Stadt zwei Rotten Berittene an, die er gedungen hatte als Geleit. So zog er stattlich durch die Grafschaft Scheyern Pfaffenhofen. Dort brach die Achse des Gepäckwagens vor dem Krug. Geschrei Lamentieren des Fürsten, der tiermäßig vermummt sich nicht bewegen konnte unter seinen Pelzkappen, gestrickten italienischen Hemden, wattierten Wämsern, Strümpfen aus Lammfell. Seine Furcht, die Sache könnte ruchbar werden, man könnte Verdacht schöpfen in Neuburg, die Söhne könnten etwas merken, die Berittenen könnten den Gepäckwagen plündern. Verängstigt schnaufte er aus seinem Fellhaus heraus mit dem steifen stummen Kanzler, ob man die beiden Rotten nicht fortschicken solle; man hätte den Bock zum Gärtner gesetzt; aber dann sei man den wartenden Soldaten und Fechtbrüdern ausgeliefert. Er gab dem Kanzler ein Galgenmännchen in die Hand, er selbst umklammerte mit jeder Faust zwei: „Greift sie fest, daß nichts geschieht.“ Die Berittenen mußten sich, als die Achse gestützt war, vierzig Schritt hinter dem Wagenzug halten. Über Dachau Nymphenburg näherte man sich nach zwei Tagen München. Der Pfalzgraf, übergeschäftig, hocherregt, wagte sich aus seinem tierischen Kerker heraus, schweißbegossen, bisweilen völlig wirr im Wagen nach vielem Schwatzen Disputieren und Aushorchen legte er als seinen neusten Trumpf hin, daß man in München nicht so kurzerhand vorgehen könne, wie wenn es sich um die Privatsache von Hinz und Kunz handle, daß man nicht so einfach gerade ausgehe, seine Kammerdiener und Läufer schicke, sich von einem Hofmeister ein Losament anweisen lasse, einen Besuch abstatte, Gegenbesuch erfolge, Geschenke Gegengeschenke Besprechungen Banketts Zechereien des Gefolges, Ausritte Karussells. Dabei bringe man eine Sache von solchem Gewicht leicht ins Lächerliche, bringe sie zum Versanden zwischen lauter Gerede und Höflichkeit.

Kurz und gut, er sähe gänzlich ab von einer persönlichen Rücksprache mit dem Herzog Maximilian, gänzlich und überhaupt.

Was dann nun sei, geschehen solle, sann besorgt der Kanzler; so müsse man wohl umkehren. Also, fuhr der Pfalzgraf fort, er sähe gänzlich davon ab. Er für seine Person. Es sei seine Ansicht, durchaus seine Privatsache. Er hindere niemanden, eine abweichende Ansicht, Meinung zu haben; im Gegenteil, es sei jeder sogleich verpflichtet, sie vorzutragen, zu vertreten. In ihm war kurz vor dem Ziel, vor dem fernen Blinken der Liebfrauenkirche die entsetzlich beschämende Furcht aufgetaucht, der ganzen Situation nicht gewachsen zu sein; die Persönlichkeit des Bayernherzogs drohte; ihm graute davor, sie könne sich an ihm, dem Neuburger ehrwürdigen Pfalzgrafen, vergreifen, irgendwie ihm respektlos begegnen. Er fühlte sich, noch nicht eingetreten in die Stadttore, überwunden von Widerwillen, einem Durcheinander peinlicher Bilder; sah sich schon auf einem Sessel in der feierlichen bayrischen Residenz, schwerhörig wie er war, unfähig den Spitzen und Feinheiten von Maximilians Worten zu begegnen; ein ängstigendes Schauspiel.