„Mein Lieber,“ gähnte gutmütig der Fürst, die Augen geschlossen, „wage Er es nur. Wir befehlen es Ihm, und so ist Er jeder Verantwortung vor göttlicher und menschlicher Behörde ledig.“

„Aber um Jesu willen, der Respekt, der Respekt vor Eurer pfalzgräflichen Gnaden. Was soll der Herr Herzog in Bayern und ihr erlauchter Hof von mir denken, daß ich glaube, im Namen des Neuburger Fürsten selbständig verhandeln zu können.“

Befriedigt nahm das der Pfalzgraf an; es werde nicht peinlich sein, jedenfalls nicht sehr; er werde alles in die Wege bringen, freilich etwas peinlich bleibe es. „Gegen Euer Durchlaucht Haus, gegen die Anverwandten, die hohen Vorfahren.“ „Freilich, es ist peinlich, bitter peinlich. Es ist ein Unrecht gegen das Haus. Aber es muß sein. Wir verantworten es. Wir befehlen Euch, uns während unsrer Schwäche nach Vermögen zu vertreten.“

Ruhelos trabte draußen der Kanzler; in einem plötzlichen Entschluß küßte er die auf dem Wagenschlag ruhende runzlige Hand des Alten, demütig, tief demütig innerlich um Verzeihung bittend für alles Zukünftige.

Die Reiter abgedankt, am Abend am Schwabingtor von der Torwache eingelassen, vom Schreiber vermerkt als Neuburger Kanzler Sartorius nebst unterschiedlichem respektierlichem Anhang bezogen sie Quartier in der berühmten Herberge „Der Strauß“. Tapsig schritt der Fürst neben seinem verlegenen Kanzler her in unsäglichem Behagen. Er lachte kräftig, wie er sah, daß man dem Heiligen Benno hierzulande in der Frauenkirche täglich mehrere Zentner Kerzen verbrannte. Am Weinmarkt stand das mächtige Landschaftshaus. Der Geheime Rat Jocher nahm im Alten Hof, in einem Gemach der Hofkriegskammer, den Vortrag des Neuburgers entgegen; recht wenig Haltung zeigte der Kanzler vor dem starken großen würdevollen Mann, der ihn mit überlegener Höflichkeit zur Stiege begleitete.

„Wir bleiben bis zum Bescheid,“ erklärte Philipp Ludwig. Eine Mietssänfte führte ihn den halben Tag durch die Stadt; der Fürst kam nicht aus dem Lachen heraus. Wie sie alles zeigten, nichts versteckten: Bilder Schmuckwerk Tapisserien, Bauten über Bauten, vierstöckige Häuser, Prunkfassaden, Kirchen voller Reichtümer. „Haltet den Beutel zu,“ kicherte er abends dem Sartorius in der Schlafkammer zu, „was gibt es für Narren. Unser Neffe Maximilian hat viel Geld, schönes schönes Geld. Seht an: er verdient es nicht. Er wirft es weg.“

Aus der mürrischen einsilbigen Äußerung des Herzogs machte Jocher die umständliche Belehrung an Sartorius, der sie ehrerbietig entgegennahm, daß die Kur nach Ächtung des Pfälzers natürlich an den Kaiser zurückfalle, der sie weitergebe; gäbe er sie dem erklärten Ächter nicht wieder, so einem Bruder, einem bestimmten nächsten näheren Anverwandten, und so fort. Sei alles Sache des Kaisers und der Hofkammer; diese gelehrte Institution verdiene jegliches Vertrauen; möge jeder gewiß sein, daß sein Recht dort und bei Erwählter Römischer Majestät ruhe wie in Gottes Schoß.

Jocher schickte vor dem Abschied, da er bei einem Gegenbesuch einen alten einfältigen Gesellen als des Sartorius Reisebegleiter im „Strauß“ antraf, einen gewandten bessern Mann, der München kannte. Dieser setzte sich, grob wie er war, nachmittags ohne weiteres in der Kammer des Fürsten fest, warf die kostbaren Kisten die Treppe herunter auf den Vorflur, lachte den vor Zorn stammelnden, der abends angetragen wurde, samt dem völlig rat- und hilflosen Kanzler, schallend vor dem Gesinde aus, ja verhöhnte ihn, als er ihm zitternd befahl, die Kammer zu räumen. Hin und her lief auf dem Flur der Pfalzgraf nachts in seiner Wut, wurde nach lebhaftem Wortwechsel von dem Kavalier vor die Tür gesetzt, in der Nachtmütze, Kerze in der Hand, Schlafrock um den Körper. Die Nacht über saß er betäubt auf dem Treppenabsatz, beim ersten Hahnenschrei wurde das Tor von Frauen geöffnet, die in die rückwärts gelegenen Stallungen mit Kannen und Eimern schlurrten und vor ihm aufschrien und noch Zeter schrien, als er schon in der ehemaligen Kammer seines Kanzlers sich Knie und Schenkel rieb, heftige leise Selbstgespräche führend gegen den Kavalier. Entschieden verbat sich aber der Fürst am folgenden Tage von Sartorius jede Beeinflussung des Kavaliers; er wahre seine Rechte selbst, wünsche nicht bevormundet zu werden; damit ordnete er die sofortige Abreise an.

Zwei Stunden weit hinter München geleitete sie der Münchner mit fröhlichem Geplauder und Späßen. Es bereitete dem Herrn ein rechtes Gaudium, den alten fremden Gesellen zu malträtieren. Zu einer förmlichen Pufferei Knufferei hinter dem Rücken des Kanzlers kam es, der verzweifelt vieles davon beobachtete, durch die Winke Philipp Ludwigs bedeutet wurde zu schweigen. Seitwärts bog dann der Wagenzug des Fürsten in ein lichtes Gehölz; stundenlang schlief er weich auf Bettpolstern unter dem Wagenplan, nachdem er sich gierig sattgegessen getrunken hatte. Nach dem Erwachen fragte er nach den Geschenken, die Sartorius in München empfangen hätte. Im Gras wurde vor ihm ein Kistchen geöffnet; es schälte sich aus eine silberne Aderlaßschale, eine hohe Majolikavase, ein Löwe als Lichthalter aus vergoldeter Bronze. Er drehte die Stücke nach allen Seiten, beklopfte sie, daß das Heu abfiel. Nachdem er das Einpacken beaufsichtigt hatte, in sein Pelzwerk eingeschlagen, auf seinen Wagenplatz gehoben war, die Berittenen antrabten, gab er Befehl nach Regensburg. Seine Augen blitzten: „Meint Ihr, mich hätte das erschreckt mit dem Hundsfott? Die Antwort meines Neffen Maximilian hat mich genugsam in jeder Minute belustigt. Was tut der Herzog anders als ausweichen. Totschweigen ist die Taktik dieser Welt, wenn es sich um rechtmäßige Ansprüche handelt.“ Er kicherte fröhlich: „Geh nach Hause, hat mein Neffe gesagt; wenn man alt ist, tut man nichts Gescheiteres als sterben. Neuburg ist so schön, hat so schöne Gärten, Lauben, Äcker, soviel Vieh, und an Kühen fehlt’s nicht für Butter und Sahne und Milch. Die Wälder stecken bis Burgau und Dillingen voll Hirschen und Fasanen; Forellen schwimmen in den Bächen, und die Hechte und Karpfen. Geh nach Hause, sieh dir deine Brillanten an.“ Er rieb sich die Nase, brummelte aus seinem Sack: „Schlau geantwortet, Herr Max in Bayern. Hat der Herr Sartorius etwas Auffälliges gesehen in seiner Stadt München?“ „Genugsam, Durchlaucht. Reichtümer in vieler Form.“

„Und was hat er davon gedacht?“