Mittags im Saal des Noviziatengebäudes der Gesellschaft Jesu zu Sankt Anna, vor einer Aufführung des „Heldenmütigen Ritters Michael“, der kleine stille Abt im Gewimmel der lichtblauen Talare aus der Lilienburse, der schwarzen Röcke von Sankt Anna, blitzende Hoftrachten, zwischen Rosenkränzen, knisternden Schärpen Wehrgehenken erwartungsvollem Lächeln. Leuker wußte nichts von dem Neuburger Besuch in München, war dann nicht wenig erschreckt — sie gingen kopfgebeugt zur alten Kirche herüber, der Kaiser betrat den Theatersaal — als ihm blitzschnell einfiel, daß seit fünf Tagen Marcheville, der französische Geschäftsträger, ein beweglicher verschlagener Gesell, ebenso elegant wie zweideutig, im Besitz ungeheurer Summen und mit völlig undurchsichtigen Zielen, in Wien logiere, ohne erkenntlichen Zweck, wohl aber private Besuche mache, auch in der Herrengasse, wo der kuriose Neuburger logierte. Und ebenso erschreckt war der Abt selber. Unter den alten Buchen vor der Kirche fragte er, ob denn des Herzogs in Bayern Durchlaucht irgend etwas habe verlauten lassen, mittelbar oder unmittelbar, was vielleicht zu Ohren jenes armseligen Pfalzgräfleins gelangt sei, in ihm die unsinnige Vermutung erweckt habe, es sei etwas verfügt betreffend Kurlande und Kurwürde des Ächters. Der andre fühlte, daß ein leiser unruhiger Ton in der Stimme des Würdenträgers klang; er lachte herzlich, herzlicher, als er gewollt hatte. Oder ob vielleicht das Französlein selbst etwas Kompetentes wüßte; es stecke etwas dahinter, daß Marcheville auftauche, sich hinter das Pfalzgräflein stecke. Sie standen sich unsicher am Kirchenportal gegenüber. Leuker meinte gelassen, er werde bei seinem Fürsten anregen, daß auf den blöden Neuburger, den Anverwandten des Hauses eingewirkt werde. Dieser Mann irre zweifellos halb gedankenlos im Reich umher, lasse sich benutzen, könne dem Ansehen des Hauses nur gefährlich werden. Antonius seufzte, schüttelte ihm die Hand; er sei freilich ein kurioser Mann, der Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, „aber Ihr wißt selbst, Marcheville ist in dem Falle noch kurioser. Marcheville hat gar keinen Sinn für deutsche Sonderbarkeiten; er will etwas. Er weiß irgend etwas besser als Ihr und ich.“ „Er wird sich einen Spaß mit dem Alten machen vor seinem Gefolge,“ lächelte der Bayer. Und diese leichtfertige Bemerkung aus dem Munde des gewiegten Leuker beunruhigte den Abt aufs höchste, sein Begleiter mußte so gut wissen als er, daß Marcheville keine Späße machte; dann wußte auch Leuker mehr als er. Und da stand er und lächelte aufdringlich.

Hastig ging nach einigen höflichen Worten Antonius in den Saal zurück; Gesang scholl ihm entgegen. Ferdinand auf erhöhtem Purpursitz blickte ihn freundlich an. Der gelehrte Leuker, der stämmige gesundheitstrahlende kaum ergraute Mann fand erst nach einer halben Stunde sich über den Gartenweg zurück. Verwirrt nicht über das Gebaren und die Bemühungen des armseligen halbtoten Neuburgers, aber über Marcheville, über seine dunklen Wege hinter dem Rücken des halbtoten Narren; Marcheville sein Freund, beinah sein Freund! Und Bayern hatte den Kaiser doch im Sack! Samt der Kur! Begünstigt von diesem Frankreich!

Von seinem Besuch in München ab war Philipp Ludwig dem Franzosen nicht aus den Augen gekommen. Der würdevolle Jocher ließ zu ihm ein Wort fallen bei einer intimen Information über des Neuburgers possierliche Gesandtschaft im „Strauß“. Als der Pfalzgraf das Stubentor passierte, begleiteten ihn schon zwei Geschöpfe Marchevilles; in der Herrengasse nahe dem Gitterbrunnen und dem Haus der Landstände wohnte der Neuburger; ihm gegenüber logierte seit einigen Tagen völlig privat, seinen Schmetterlingssammlungen hingegeben, der französische Geschäftsträger. Ein nachbarlicher Besuch, rasch gemacht, wurde am nächsten Tage erwidert. Ehe Neuburg daran dachte, eine Audienz zu erbitten oder Fühlung mit dem Kabinett zu nehmen, trat Marcheville ohne Maske als französischer Gesandter in seine Gaststube, überbrachte besondere Empfehlungen des Sehr Christlichen Königs aus der Hand des Staatssekretärs Puisieux. Neuburg mußte die Konferenz rasch abbrechen, der Schreck war zu groß, gegen die Welschen hegte er ungemeinen Haß; daß der Geschäftsträger selbst kam mit einem offensichtlichen Auftrag seines jungen mutigen Souveräns, daß Frankreich die Pfalzgrafschaft Pfalz-Neuburg diplomatisch anging, warf seine Fassung über den Haufen. Im Erker, im dicht verhängten, vor einem Fäßchen Rosinen suchte er sich neben Sartorius, dem seriösen, der immer aus dem Schlaf gestört schien, zu erholen. Als sie beide ohne Haltung auf den Schemeln saßen, die Rosinenstengel in Wein hängen ließen, die nassen Beeren rissen schluckten, flüsterte entgeistert der Kanzler: „Wie soll man sich gegen ihn benehmen. Es ist keine Schreibstube da, keine Dienerschaft, keine Geschenke; es fehlt an allem.“

„Ich kann nicht meinen ganzen Säckel hergeben für —“ schrie der Pfalzgraf, Körner spuckend, die Stengel zertretend; „es wächst mir über den Kopf.“ Sartorius stimmte bei; es sei entsetzlich.

„Wollen wir weg?“

„Wollen wir nicht fliehen?“ in einem Atem fast mit seinem Kanzler der Fürst, „wir können nicht wissen, was sich aus diesen Dingen entwickelt. Das Beispiel des Heidelberger Friedrich ist nah genug, nah genug. Die Prager Schlacht hat gewirkt. Bei mir braucht es keine Prager Schlacht. Ich strecke meine Hände nicht nach fremdem Gut aus; ich insurgiere nicht.“ Er knirschte mit den Zähnen: „Wenn sie mich stürzen wollen, als Geächteten, bei mir geht es leichter. Mir dreht man als altem Hahn den Hals um.“

Er dürfe nicht mehr empfangen werden, bestimmte der Kanzler.

„Es geht schwer, es geht schwer,“ ächzte der Fürst, „wir wohnen zu dicht beisammen, er beobachtet mich. Sind die Läden geschlossen? Laßt die Roßknechte nicht heraus, meine Sänfte soll immer im Haus bleiben, die Pferde —“ Gebrochen lehnte er sich zurück: „Ich weiß, wir können uns nicht wehren.“

Und wie er mit geschlossenen Augen auf dem Schemel hing, stieg in dem Kanzler, der die Becher beiseite schob, die Furcht auf, er möchte wieder ermüden wie auf der Reise nach München und ihm alles überlassen.

Der Fürst winselte: „Es müssen Leute geholt werden, gelehrte, man muß sie zusammentrommeln, einen Staatsrat, man muß sich ordnungsmäßig konstituieren, beraten. Ich kann sonst nicht.“ Er hatte trockene Lippen, blickte erschöpft: „Wir müssen ihm das sagen. Ich habe meine Minister nicht da, nicht vollzählig da, ich kann nicht ohne sie beschließen; es widerstrebt mir, es ist nicht Tradition in Neuburg.“