„Und Ihr,“ giftig fuhr er dem Kanzler vor das sich hochstreckende Gesicht, „seid nicht mein Minister. Ihr seid mein Geheimschreiber. Nichts weiter.“ Der verneigte sich: „Ich werde es ihm sagen.“

Philipp Ludwig raufte sich auf dem Gange die weißen Schläfenhaare: „Wien! Wien! Die Prager Schlacht!“

„Durchlaucht,“ klopfte nach einer Weile Sartorius an seiner Schlafkammer an, „in Neuburg sind die Kirschen und Johannisbeeren reif; die Stachelbeeren auch. Mit den Erdbeeren wird’s bald vorbei sein. Es ist noch Zeit. Der Pommernherzog schickt bald seinen Künstler mit den Auslagen.“

Den nächsten Besuch des weichen edlen Seigneurs trübte das starke Mißtrauen, das der Fürst an den Tag legte; kaum sprach er; sein Geheimschreiber neben ihm machte bei der Audienz Notizen auf der Schreibtafel. Marcheville wies dem mürrisch ungeduldig zu Boden starrenden Herrn dieselben Gründe vor, die von ihm selbst in den vier Neuburger Denkschriften niedergelegt waren, die Ansprüche Neuburgs auf die Kurwürde und pfälzisches Land, gestützt auf die Verwandtschaft mit dem letzten Kurinhaber, auf die Mitbelehnung, die Goldene Bulle, Hausgesetze, gültigen Reichsgesetze. Der Sehr Christliche König wolle nicht versäumen, erklärte der Geschäftsträger, die geöffneten Hände mit tiefer Verneigung nach hinten schwenkend, sich rechtzeitig der Gunst des neuen Kurfürsten zu versichern.

Neuburg, obwohl äußerlich in Haltung, ruhig mit dem eingeladenen Fremden bei einer kleinen Vormahlzeit, war bis zum Erliegen erschüttert. So sicher hatte er seine Sache nicht gehalten. So also lagen die Dinge. O verruchte Welt. Der Herzog in Bayern weiß, wie es steht; er schweigt. Der Kaiser weiß, wie es steht, schweigt; der Abt Antonius von Kremsmünster. Er, der alte Neuburger, der treu zum Reich gehalten hatte in jedem Augenblick, der kein Unrecht getan hatte sein langes Leben, sollte bei evangelischem Glauben vom jesuitisch beratenen Kaiser noch, bevor er in die Grube fuhr, grob übertölpelt werden. Würde der Marcheville sich zu ihm begeben, ihm geradezu auflauern, wenn dieser schlaue Franzose sich nicht rechtzeitig in seine Gunst setzen wollte? Eine Stimme gegen Habsburg wollte er gewinnen, verhindern, daß der Sohn Ferdinands deutscher König würde: darauf kam es dem an. Von Wien, ja von der Burg her schwieg man; von da hatte sich noch kein Fuß in die Herrengasse bewegt. Dabei jagten die Kuriere durch die Straßen, Musik schallte aus der Burg; Kämmerer Ausläufer in jeder Gasse, aber keiner zu ihm.

Marcheville wurde hochmütig durch einen Kammerdiener bedeutet, Besuche bei des Pfalzgrafen von Pfalz-Neuburg Philipp Ludwig Durchlaucht einige Tage zuvor seiner Kanzlei anzumelden. Und als der Gesandte erschien, ließ Philipp Ludwig sich verleugnen; ein würdiger Empfang wurde ihm bereitet in einer großen Kammer der Herberge, wo er sich auf eine gepolsterte Bank setzen mußte vor vier gemieteten Herren, zwei albernen Magistern und zwei schäbigen Theologiebeflissenen; den federkratzenden Herren erklärte er freundlich, bald wiederzukommen. Er durchschaute die Sache, erklärte dem Kanzler, er werde zur Aushaltung der Kanzlei selbst beitragen, bot auch, entsetzt über die Formlosigkeit des Auftretens seines Prätendenten, diesem ohne weiteres einige tausend Taler an, die der Pfalzgraf als Ehrengabe annahm, ohne darauf aber im mindesten Haushaltung, Kleidung besser auszustatten. Weitere tausend Taler, dem Kanzler zugesteckt, führten zum Ziel; mehrere vierspännige Wagen standen zur Verfügung, eine kleine Dienerschaft warf sich in Neuburgische Livree. Und wie ein wütendes, noch lichtscheues Tier erschien der Pfalzgraf, in galloniertem Samt und Zobelpelz, auf allen Ämtern, sprach bei den Mitgliedern des Geheimen Rates, der Hofkammer persönlich vor, hinterließ Denkschriften, die unter französischer Obhut ausgearbeitet waren, Denkschriften an alle Kurfürsten katholischer und protestantischer wie kalvinischer Religion, insbesondere, an den von Mainz, als des Reiches Kanzler, und abgegeben bei dem Türhüter des Reichhofrats für dieses oberste Reichsjustiztribunal, die Person des Kaisers selbst vorstellend. Die Mitglieder ihrer Adels- und Doktorbank beging Sartorius.

Die es lasen, der Abt von Kremsmünster, dann Doktor Wolfrath als Präsident der Hofkammer, die Herren vom Geheimen Rat Eggenberg Trautmannsdorf Breuner waren verblüfft über den Protest, der doch wohl eine offene Tür einrannte, besonders über seinen pointierten Schluß: es dürfe keinesfalls der Kurhut ohne Achtung der Neuburgischen Ansprüche, ohne ihre Prüfung vergabt werden; gegen jegliche etwa schon geschehene Entscheidung lege er feierlich Rechtsverwahrung ein; nur ein Deputationstag unter Zuziehung aller Kurfürsten könne hier das Recht finden.

Die Denkschrift war teils absurd lächerlich, teils verwirrend; für den Abt Anton, der sie scharf verbarg vor dem zudringlichen Spion des bayrischen Herzogs, dem Jesaias Leuker, war sie qualvoll.

Da geschah, daß eine zunächst unbekannte interessierte Partei einen Schritt tat, um sich des lästigen, noch nicht sehr auffälligen Mannes zu entledigen. Sie gedachte ihn verunglücken zu lassen. Von dem Führer seiner Roßbahre irregeführt — ungewiß, ob mit Absicht oder zufällig — geriet der Fürst, nur von einem welschen Agenten begleitet, in das Gewirr jener ärmlichen Gassen, die sich im Süden der Stadt nahe den Toren hinziehen und die Unterschlupfsorte den Bettlern und ihren Familien bieten. Unter diese, vor einem Wunderhof, trat der Bahrenführer, nach dem Weg fragend. Zwei Kamasiere — abgedankte sündhafte Scholare — hielten das vordere Roß fest, wollten sprechen, da machte einer von ihnen, anscheinend vom Roß geängstigt, einen Satz, stieß aus den Umstehenden einen Mann um, der sogleich einen Krampfanfall erlitt, die Backen aufblies, schäumte, so gut ein geübter Gauner kann, der über ein Stück Seife im Mund verfügt. Eine Frau, die blaß beiseite gestanden hatte, hielt den Krampfenden bei den Händen, schrie um ihren Mann, wandte sich an die andern, verlangte eine Entschädigung. Sie schickten die Bahre samt dem Franzosen weg, den alten Fürsten führten sie auf den Hof, sprachen ihm freundlich zu. Am nächsten Tage durchsuchten Soldaten der Stadtgarde die Gasse ohne Erfolg; ein Bettler, der sich als Sterzenmeister ausgab, führte sie. Dem französischen Geschäftsträger, dem feinen Marcheville, aber stieg das Blut vor Freude zu Kopf, als sein Agent ihm verängstigt den bedauerlichen Verlauf der Spazierfahrt schilderte. Er fuhr stolz bei Kremsmünster vor, bei dem Oberhofstallmeister, beim spanischen Gesandten, sprach voll Schmerz von seinem Hausnachbarn, dem Neuburger Pfalzgrafen, seinem wahrhaft väterlichen Freund, und wie dies möglich sei, was für ein entsetzlicher Vorfall das sei; er bitte dringend darum, daß von allen maßgebenden Stellen Nachforschungen angestellt würden; bei Ognate dem Spanier, wagte er, freilich lachend, die Bemerkung hinzuwerfen, man müsse geradezu auf den Gedanken kommen, es hätte jemand Interesse daran, den alten freundlichen Herrn bei Seite zu schaffen; ob nicht auch bei jenen durchgesickert sei aus den Kanzleien, der Herr betriebe hier Ansprüche auf die Pfälzer Kur, über die sonderbare Gerüchte verbreitet seien. Dem Abt Antonius wie dem Fürsten Eggenberg war die Angelegenheit um so peinlicher, als auch der Spanier sich nicht der entsetzlichen Vermutung entschlagen konnte, hier sei kurzer Prozeß gemacht, und es beklagte, daß das Ganze ziemlich ungeschickt angestellt sei von den bayrischen Herren. Denn er nahm als sicher an, daß Herr Doktor Leuker dahinter steckte. Abt Anton und Eggenberg aber fürchteten etwas viel Schlimmeres und waren glücklich, als Alles den Herrn Leuker mit dem Vorfall in Verbindung brachte, und nicht, wie sie, die völlig undurchdringliche Kaiserliche Majestät. Durch das wilde Herumposaunen des Franzosen sahen sie sich verhindert, den Vorfall zu vertuschen, wie sie gewillt waren; sie mußten vor aller Öffentlichkeit energische Maßnahmen zur Aufdeckung der Sache ergreifen.

Mit größter Besorgnis setzten die hohen Herren die Sache mit allen Einzelheiten selbst ins Werk. Eine gründliche Visitierung der Sitze der Gatterklopfer und Fechtbrüder in ihren Hauptzechen, im Königsklosterhaus, in der Kotluke erfolgte. Die beiden Sterzenmeister des Bezirks, in dem der Vorfall sich ereignete, wurden auf das städtische Rumorhaus geschleppt, ausgepeitscht und ihnen die gelinde Frage gestellt, wo sich der Pfalzgraf befinde; dies geschah sehr im Geheimen; Kremsmünster war in Person zugegen, um sogleich alles vertuschen zu können, falls eine Allerhöchste Person dahinter stecke. Sie hatten im Narrenkotter hinter dem Hohen Markt bei völliger Nahrungsentziehung vier und zwanzig Stunden Zeit, weiter über die Frage nachzudenken. Die Befragung ergab nichts. Aber wie die wilden Wölfe fielen dann die beiden freigelassenen in ihre Quartiere auf der hochgelegenen Laimgrube und an der Windmühle ein, sie plünderten mit einem handfesten Troß die Mirakelkeller, bunten Haushaltungen; aus den verfallenen Häusern, den Winkeln der Sackgassen sprangen vor ihnen die abenteuerlichen Schatzgräber im Vagantenkostüm, die braunbemalten Christianer, vergaßen ihre Kutten Stricke und Muschelhüte, die Pilgerstäbe warf man hinter ihnen drein, die plumpen ungefügen Schwangeren liefen wie Wiesel, verloren im Sprung ihre Bauchwülste. Eine verängstigte Besprechung der Zechen am Abend, nachdem ihnen unvermutete Ansengung des ganzen Bezirks angedroht war, hatte den Erfolg, daß man die Spuren der zwei Scholaren und des Weibes des Krampfkranken ermittelte; sie verrieten, der Fürst schwimme mit dem Anfallstäuscher und einem alten Weib die Donau herunter, fände sich aber alle zwei Tage, auch drei Tage in der Nähe des Quartiers; die beiden andern warteten auf eine Geldsumme, von wem wußten sie nicht, auch nicht für welche Zwecke, ob als Lösegeld oder sonst wofür. Das Boot wurde am folgenden Tage schon von den unruhigen Leuten erwischt, wie es am unteren Wehr an einer wüsten Stelle nahe dem Judenquartier anlegen wollte; zwei Insassen, an Land gestiegen, machten Reißaus; auf einer Bootsbank, mit einem Ruder bewaffnet, saß der alte barhäuptige Pfalzgraf, mit halbnacktem Oberkörper, mit hohen Soldatenstiefeln, in polnischen Samthosen, drohte jeden niederzuschlagen, der sich ihm näherte, sprang dann zwischen dem Schilf am Hinterteil des Boots ins Wasser, wurde gefaßt, ans Ufer gelegt. Die beiden Sterzenmeister redeten ihm freundlich und ehrerbietig zu, er glaubte aber, jetzt erschlagen zu werden, hielt stammelnd die gefalteten Hände vor den Mund, die Augen krampfhaft geschlossen. Nach einer Stunde erst ritten eine Anzahl Herren an, dabei der Kanzler; er sah mit tiefer Bewegung den Zustand seines gnädigen Fürsten, seine Verstörung, das schwappende abgemagerte Bäuchlein, die weißhaarige fette Brust, über dem schlaffhäutigen faltenreichen Hals das kleine dünne Köpflein. Vergraust lag Philipp Ludwig in seinem Bett; während man ihm zusprach, es sei auf ein hohes Lösegeld abgesehen gewesen, blieb er dabei, sie hätten ihn umbringen wollen; das alte furchtbare Weib hätte fast stündlich gesagt, er würde geschlachtet werden, er solle seine Seele darauf vorbereiten, sie warteten nur auf den Lohn für die Tat. Der Kanzler saß von Angst geschüttelt neben dem Bett, bebend, wie ihn die hochfürstlichen Söhne empfangen würden, wenn er ohne des Pfalzgrafen Durchlaucht zurückkehren würde. Nicht eine Woche war um, da fuhr der Neuburger wieder ab; den Kanzler ließ er auf Drängen Marchevilles zur Vertretung seiner Rechte zurück.