Um sie herum standen die spitzgiebligen Häuser mit Ziegeldächern, mit Schieferdächern, bemalten Fassaden, in Fachwerk, Balkons vorstreckend, die in Stein, Paläste mit Bildsäulen an der Auffahrt, ornamentierten Fenstern, Häuschen mit mächtigen Schildern und lustigen Namen, Schulen, Sankt Tibold Sankt Niklas Sankt Johann Sankt Sebastian Sankt Maria Magdalena Sankt Falern Sankt Michael Sankt Sebastian das Studentenspital, zu unserer lieben Frau. Thronend in aller Mitte der Stefansdom, seine Turmspitze durchbrochen, tausendfach durchlässige Maschen aus Eisen, fast verwehend in die Luft wie eine blasse Flamme am Tag; am Knauf, warnend vor den fernen blutdürstigen Türken, der Halbmond mit dem Stern.

Breit fußte neben dem Augustinerkloster an der Mauer das riesige Massiv der Burg, viereckig, ellbogenartig die Ecktürme ausstemmend, drei hohe Stock ragend. Darin hauste der Gewaltigste des Heiligen Römischen Reiches inmitten seines ungeheuren Trosses, beschützt von der Trabantengarde und den kaiserlichen Hatschieren, hundert Mann samt Fourieren und Trompetern unter Don Balthasar, ihrem Kapitän. Benedicite und Gratias an der Tafel sagten sieben Kapläne. Für seine Küche sorgten Mundköche Meisterköche Unterköche Bratenköche Suppenköche Küchenträger Holzmacher Adjunkten. Im Keller dienten Hofkeller Kellerschreiber Kellerdiener Fuhrleute Mundjungen, seine Vorratskammern füllten Einkäufer Marktträger Hoffleischer. Obertafeldecker für seinen Tisch, Kammertafeldecker Tischaufwärter Edelknaben Offiziertafeldecker. Hohe adlige Mundschenken hatte er in Zahl, Matthias di Verdina, Michael de Alverngia, Erasmus von Hirschberg, Johann von Grünthal, Chorasinsky. Den goldenen Schlüssel des Kammerherrn trugen dreiunddreißig Edle, dabei Graf Wenzel von Würben, Graf Julius von Salm, Baron Peter Ernst von Mollert, Johann Graf Paar, Wolf von Auersberg. In den Fluren, großen und kleinen Höfen, auf den Stiegen drängten sich die Stallmeister Bereiter Hoftrompeter Fechtmeister Büchsenspanner Sattelknechte Sänftenmeister Waffenpolierer Stallbediente im spanischen Stall, im Klepperstall, Leibkutscher Vorreiter Stalljungen. In den Stallungen standen neunzig Tummelrosse, achtzig Reitklepper, sechzig Kutschpferde, zweiundzwanzig Maulesel. Um die Seele des Kaisers mühten sich neben dem Beichtvater der Pater Johann Weingärtner, der Hofkaplan Paul Knorr von Rosenrot. Eine starke Hofkapelle erfreute ihn mit Musik, Johann Valentini war ihr Kapellmeister; es sangen für ihn berühmte Sänger; Peter da Naghera sang. Alt, Diskant Luka Salvatori, Graf Ossesko. Seinen Leib hatte er großen Ärzten anheimgegeben, Managetta war Doktor der vier Fakultäten, dazu Mingonius, Mahlgießer, Johann Junker.

Während er noch schlief, traten am grauen Morgen mächtige Herren seiner Regierung aus ihren Schlafkammern, nahe der Burg, am Petersplatz, bei Sankt Michael, am Bischofshof. Langsame Reitrosse, knirschende Karossen, Roßbahren trugen sie aus der wenig klappernden Stadt zusammen gegen die Burg vor ein zurücktretendes Haus, hochgieblig mit Fachwerk, vielfenstrig, mit geschwungener Gesimsverzierung. Um das Haus lief eine Vorhalle, von bunten eckigen Holzsäulen getragen. Weit schwang darunter der Torbogen mit fürstlichem Wappenschild, öffnete das Dunkel zur Stiege: das Haus Eggenbergs. Dann standen lange die Sänften und Karossen vorhangwehend auf dem regenweichen Platz, die Pferde nickten mit ihren Puscheln, schüttelten die Klingeln an ihren geflochtenen Mähnen, wetzten die Hufe, während der Regen über sie floß.

In der trüben Ritterstube lag Eggenberg auf dem Faulbett, das schräg gegen die Mitte des Raumes gedreht war; er lag im dicken Schlafrock darauf, rotwangig, lebendig, mit schalkhaften Augen, hatte eine blaue Seidenmütze bis über die Ohren gezogen und begrüßte jeden Herrn mit beiden Händen. Sie schoben sich um den schlankfüßigen Eckofen, unter den Holzsims und seine Geweihe und Pokale, an die Fensterbank, beklopften erregt im Gespräch die runden Butzenscheiben.

Dröhnend fuhr nach einigen ruhigen Äußerungen Eggenbergs der untersetzte bärbeißerische Questenberg heraus: „Stehen wir hier nach dem unerhörtesten Sieg der Geschichte? Das heißt den Siegespreis aus der Hand geben. Das heißt: nicht Habsburg hat gesiegt, sondern Wittelsbach. Und nicht Wittelsbach, sondern England, Dänemark, die Protestanten, denen wir billigen Kriegsgrund geben und die wir gegen uns vereinen.“ Wilde Beschuldigungen warf er gegen Trautmannsdorf, der still, klein, verwachsen, als wenn er nicht dazu gehörte, auf der Fensterbank saß, daß dieser Graf und Beauftragte des Hohen Rats und der Kammer dabei war, als jene unseligen Beeinflussungen des Kaisers durch den Bayern stattfanden, ohne daß er sich gemüßigt gefühlt hätte, den Hohen Rat wenigstens nachträglich zu informieren. Begütigend meinte Eggenberg, dies sei wohl nicht möglich gewesen, wegen der sehr geheimen Natur der Besprechungen; hätte doch Questenberg selbst, sein lieber Gast, bei vielen Gesprächen mit Herrn Doktor Jesaias Leuker nicht vermocht, etwas Sonderliches aus ihm herauszuziehen. Der verwachsene kleine Mann sah nicht auf; er danke Herrn von Questenberg für den Hinweis, er hätte manches vermutet, wie der ehrwürdige Abt Anton auch; doch beteure er, auf der Krönungsreise oft mit der Römischen Majestät gesprochen und sie nach Vermögen beeinflußt und beraten zu haben; insbesondere sei der Erbschaft des Pfälzers gedacht worden und daß in München nicht Endgültiges vorgenommen werden sollte. Ferdinand sei nach der Krönung im Rausch gewesen, sein Glück, seine Gehobenheit hätte die ganze Reise bis München gedauert, mit Entzücken hätte er das deutsche Land gesehen, hätte mit vielen ehrenwerten Deputationen Abgeordneten Ständen verkehrt; einen wahrhaften Kaiser, Mehrer des Reichs hätten sie alle in ihm erblickt. Aus Dankbarkeit hätte es ihn zuletzt zu seinem hohen Schwager Maximilian gedrängt. Und dann — Trautmannsdorf sah die nachdenklichen Herren mit seinen großen samtbraunen Augen an. Sie schwiegen. Der graziöse zarte Harrach schüttelte sich entsetzt: „Wittelsbach steht wieder auf.“

Als wenn er mit sich spräche, schloß Trautmannsdorf die ruhigen Augen: „So bliebe nur zu bedenken, ob man jene auch mir bis jetzt verborgenen Maßnahmen des Kaisers als einen Regierungsakt aufzufassen gewillt ist.“ Hans Ulrich Eggenberg schob sich die Mütze hoch, er traute seinen Ohren nicht. „Wir können dem Hohen Rat,“ fuhr der Verwachsene im schwarzen Seidenwams fort, „nicht anders helfen, als indem wir auf eine gute Weise jene Maßnahmen annullieren. Es läßt sich anscheinend nicht leugnen, daß die Maßnahme unliebsam, ja gefährlich ist. Alsdann wollen wir weiter debattieren.“ Er hatte zu seinem Freund Kremsmünster am Ofen herübergeblickt, der lächelte ihm traurig zu: „Und werden den Teufel mit Beelzebub austreiben. Ihr seid ein Rechtslehrer, wie ihn Bologna nicht hat. Aber Logik hat hier nur stumpfe Zähne; sie beißt doch das kaiserliche Wort nicht tot.“

„So wird es nötig sein, mit des Herzogs in Bayern Durchlaucht in Verhandlungen zu treten.“ Er dachte laut weiter. Lächelnd respondierte Abt Anton: „Mag Euer Liebden dies im Ernst vorschlagen? Wird Ihm gewiß niemand verwehren, diese Verhandlungen zu führen.“ „So wird es nötig? sein —“ Trautmannsdorf biß sich auf die Lippen. Anton ermunterte: „Sprecht nur.“

„Es gibt auch Mittel, die man verwendet, wenn man eine Fährlichkeit für sehr groß erachtet und ihre Abwendung wirklich und von Herzen wünscht. Mittel selbst gefährlicher Art. Es gibt, wie den liebwerten Herren und Exzellenzen bekannt ist, nicht nur hier Männer, denen die Durchführung des kaiserlichen Entschlusses verderblich erscheint und erscheinen wird. Die Kurfürsten werden insgesamt als nicht gefragte Partei sich gekränkt erweisen, sonderlich die Durchlauchten von Sachsen und Brandenburg, welche samt ihrem Anhang in nicht vorzusehender Weise protestieren werden. Ich vermeine, wir werden jedenfalls nicht hindern, auch nicht hindern können, wenn sie sich gekränkt erweisen. Oder wenn sie Widerstand leisten, im Geheimen oder auf dem Deputationstag.“

„Sehr kühn,“ Herr von Strahlendorf mit salbungsvoller Stimme, pfeilerartig lang hinter Eggenbergs Bett über den Saal schauend, „drücke sich der Herr deutlicher aus; er empfiehlt: wir stecken uns hinter das hohe Kollegium.“

„Ich empfehle nicht,“ fuhr der vor den Butzenscheiben fort, „auch rate ich nicht. Wir überlegen. Die Frage lautet: ist die kaiserliche Maßnahme gefährlich, also: sollen Mittel dagegen ergriffen werden. Wer ist der Kaiser? Ein Habsburger. Leidet die Macht Habsburgs Einbuße durch jene Maßnahme?