Mollert streckte sich golden und scharlachrot im Grün aus. Klar und kalt beobachtete der rüstige Mansfeld den Kaiser, scharf verfolgt von dem glühenden Grafen, der sich seitlich von ihm, die zornzitternde Unterlippe biß.

Freundlich lächelte am Galgen lehnend der Herr mit dem gelben kindlichen Gesicht im Schlaf; die Peitsche war ihm aus der Hand gesunken. Mit leichtem Satz sprang der Hund über seinen Körper auf die andere Seite.

Im schwarzen Jesuiterkleid, den viereckigen Flachhut in der Linken, führte der Pater den zögernden Fürsten in die Kirche. Die Tür fiel hinter ihnen zu. Auf dem kleinen Altar vorn brannten zwei hohe weiße Kerzen, unsicher leuchtend, ein Kruzifix aus Metall zwischen ihnen. Durch den finstern Gang wurde der Fürst geführt. Seinen kleinen grünen Hut legte er vor sich auf den Teppich der Stufe, der Pater kniete neben ihm. Ohne den Kopf zu beugen kniete der grauhaarige Fürst. Als wenn er aus der Wand etwas auf sich zukommen sähe, hielt er den Hals steif. Er wartete wie auf einen feindlichen Angriff, vor einer fürchterlichen unsichtbaren Front. Sein Mund war gepreßt, in seinen geballten Händen sammelte sich der Schweiß. Er kniete, aber er saß auf einem gepanzerten Roß im Harnisch, eine schwere Lanze unter dem Arm, rührte sich nicht.

Als der Pater das Zeichen zum Aufbruch gab, konnte sich der erstarrte Mann nicht erheben; er fiel auf die Hände, vergaß dann seinen Hut auf der Stufe. Wie ein Blinder war er in die Kirche gegangen, schweißüberflutet verstört bewegte er sich draußen an der blauen lerchendurchjubelten Luft. Der Geistliche gab ihn höflich lächelnd den Herren ab. Tief verneigte sich der Kaiser vor dem Geistlichen. In einer schweren Aufregung saß er am Spieltisch des Schlößchens, schwieg wie die andern.

Man brach früh auf zur Wildschweinjagd. Es ging nach Begelhof. In die neblige Luft ritt man hinein, das Laub stiebte Nässe, der Kuckuck rief fern im Holz, wonnig vergruben die Pferde im fuderhohen Blattwerk ihre glatten Füße. Je mehr die Sonne stieg, um so heftiger wurde der Vogelgesang, schallend riefen sich die Finken und Stare an, mit schwerem Flügelschlag segelten aus dem niedrigen Tannenwald dicke schwarze Krähen in das aufgebrochene Feld, lärmten heiser, siedelten sich an um Wurmlöcher. Die krummen Rücken der Reiter wurden grader, die Stumpfheit verblaßte in den Augen, die Körper, noch eben schwer sackend, fühlten sich in das elastische Wiegen und Schreiten der Pferde ein. Es ging flach nach Begelhof hinein. Von dort vieltöniges Kläffen. Am Holzhäuschen des Rüdenmeisters, vor den langen Zwingerhütten, Rendezvous. Morgentrunk im Freien. Fünf Hörner riefen in die Sättel.

Da wimmelten um die starken Rüdenknechte die Koppeln der französischen Hunde, Schweißhunde, Saufinder, die schwarze und braunschwarz gezeichnete Meute. Hinter den Kätnerhütten auf den Äckern bewegten sich ängstliche Bäuerlein, versteckten sich. Braunkappige Landleute trabten in Gruppen feldeinwärts, führten schwere Gäule, Karren zum Zugrobot, suchten die schmalen Saumpfade, hinter einander gereiht, aus den Hütten bedroht von halblauten Rufen und raschen Fäusten. In der Nähe pfiff es, lärmte plötzlich: die Wildkästen waren geöffnet worden, draußen rannte der vom Licht geblendete Keiler, die Hunde jaulend und springend, sich überkugelnd, rissen besessen an den Leinen. Die Riemen sausten über sie. Der Anjagdruf. Da rasten die Hunde, vor den Wind geworfen, leise knurrend mit tiefen Ruten in die Ackerfurchen. Das Feld setzte sich in Bewegung.

Und wie sie ritten auf der Fährte des todesbangen verzweifelten Schwarzkittels, über die stark duftende aufgerissene Fläche der Äcker, da fingen die Herzen der Herren zu beben an; das Herz Ferdinands bebte in der alten Lust, die Hitze stieg aus dem weißen Pferdefell in seine Arme, wogte aus den Schultern zurück in die Hände, um die Hüfte. Unter dem Silbergurt für das starke Schweißschwert schwelte die Luft so wild, daß sie das feine panzermaschige Hemd durchdringen, sich dem flatternden weißgrünen Überrock mitteilen mußte. Geschnürt war das Griffholz des Schwertes, lang und fest die Klinge mit den tiefen Rinnen, kurz vorne das zweischneidige blanke blutheischende Messer. Wind war nicht mehr Wind, Wald nicht Wald, Morast nicht Morast. Die Pferde flogen, kaum den Boden tastend, um ihre Hälse wehte Dampf. Zäune Häuschen Büsche sprangen mit einem Satz gegen sie, hinter sie zurück. Die Pupillen der Kavaliere unter den windschwellenden Federhüten, unter den roten Stirnen verengerten sich in der blitzenden Helligkeit, die Lider drückten sich zusammen in wachsender Inbrunst. In Reihen wurden die Herren über Hürden und Schwarzdornhecken gehoben. Die Tiere rissen, die Hinterhufe abstoßend, die gekrümmten Vorderbeine an die aufgerichtete Brust; im Schweben warfen sie Erdballen nach rückwärts, die Hinterhufe schlossen sich aneinander, während schon die Vorderbeine wie Fühler nebeneinander vorgestreckt gegen den neuen Boden tasteten, der sie empfing, sie weiter schwang. Gespitzte Ohren nach vorn.

Sehnsüchtiger, lockend der helle Chor der Hunde. Der Boden wurde knietief, der Eber warf sich zwischen durchbrauste Gehöfte, durchschwamm Tümpel. Koppeln hinterdrein, Pferde hinterdrein, Jäger obenauf. Flechtwerk, Furten, Dickicht. Vier knappe Sekunden stand der schwermütige böse schwarzplumpe Keiler, mit den kurzen morastigen Beinen, die Schnauze an dem halslosen Kopf gesunken, dann brach er in das kühle Unterholz. Kopfüber die Hunde in das Dickicht, im Schwarm eingesogen, verschwunden. Herren und Pferde abprallend am Gebüsch warfen sich im Anschwung links herum, nach rechts vor.

Mit rotgeäderten Augen, keuchend Ferdinand und einige Herren, versunken, verloren auf den stoßenden Rücken, wutertrunken, berauscht. Man schoß in den Wald, das Pferd wand sich unter den Sporen, das Geläute der Hunde klang näher ferner durch die Schwärze aus dem Brombeergewirr. Sie kämpften gegen das Dickicht, arbeiteten schweißgeblendet berstend vor Grimm und Lust gegen Äste Gestrüpp Tier. Rings war der wüste Keiler umfaßt, die Meute jauchzte im brechenden Unterholz. Da zappelten die Hunde unter dem Schimmel Ferdinands, der die Peitsche besinnungslos hob, die Krücke auf die Nase des stöhnenden Tieres schmetterte. Auf den Hinterbeinen stand es auf, drehte sich, zwei Schritt zurück, warf drehend umstürzend seinen Herrn zwischen die flüchtenden Hunde, sich selbst gegen einen schaukelnden Fichtenstamm, an den es mit den Füßen hieb, grimmig hilflos auf dem Rücken strampelnd wie ein Käfer. Heiß quietschte winselte die Rüde, der von den fallenden Füßen des Reiters eine Flanke aufgerissen war.

Paar, aus seiner Besessenheit geweckt durch das Keifen des Tieres, rückwärts blickend, sprang ab, taumelte nach hinten, stürmte: „Mansfeld, Mollert,“ die weiter preschten. Wie er die starren Asthaufen übersprang, stellte sich der Schimmel mit wütendem Werfen und Ruck auf die Knie, stand zitternd flankenschlagend aufgeregt neben dem Kaiser, der mit blaurotem Nacken auf dem Nadellager bäuchlings hingestreckt war.