Hinter Amberg stießen sie nach Tagen auf die schwärmenden Vorhuten Mansfelds. Sie ließen den Grafen von Bristol nicht los, bis er die kostbaren Geschenke des Kaisers Ferdinand mit Einschluß der goldenen Waschschüssel verkauft, den Ertrag gezwungenermaßen dem Bastard geschenkt hatte. Nach einer furchtbaren Szene zwischen den dreien in der Gegend von Cham hinter dem abgebrochenen Hauptquartier des Feldherrn verließ Dighby die deutschen Herren, verließ über Brüssel bläkend rachedürstig den Kontinent.
Die beiden wandten sich nach Norden, nach dem Haag, an den Pfälzer Erzratgeber, den Doktor Ludwig Camerarius. Rusdorf wollte nicht säumen, nicht rasten; das bayrische Heer, die Wiener Tage brannten in seinem Herzen; er trug die Flamme weiter; Camerarius hieß ihn den Dänenkönig und den Schweden aufstacheln.
Pavel trennte sich bei der Abreise aus dem Haag von ihm; er lehnte weitere Gesandtendienste ab; sehr freundlich und gütig sagte der schwermütige kranke Mann zu dem springenden anderen: „Es ist gut, was der Herr vor hat, mein Segen ist bei ihm. Doch wird er sehen, wir haben die Fortuna nicht auf unserer Seite. Wird bald alles wieder anfangen wie in London und Wien; werden betteln; man wird uns nichts ersparen. Ich bin dem nicht gewachsen“. Mit vieler Liebe umarmten sie sich vor dem Postwagen; auch Rusdorf zerbiß sich schluchzend den Mund.
Als Doktor Jesaias Leuker, prächtig in Zobel getan, einen goldenen Gnadenpfennig an der Halskette, blutroten Gesichts die kaiserliche Antikamera betrat, stand gebückt ein schwarzer ungeheurer Mann neben dem Stuhl des Kaisers, der Beichtvater Lamormain, ein Luxemburger. Bemalte Leinewand und bunte Tafeln waren auf dem Teppich vor ihnen hingeschichtet. Ferdinand hielt den Kopf gesenkt, als Leuker vom siegreichen Vormarsch auf die Oberpfalz berichtete. Als er sein mattes aufgedunsenes Gesicht ihm wieder zugewandt hatte, sagte er halb fragend zu Lamormain und dem Bayern zugleich: „So möge unser frommer Schwager auf dem Zuge von uns jeder Hilfe und Vorschubs gewärtig sein“.
Und während er den Blick suchend richtete auf das Bildchen in seiner Rechten — die blaumantlige Maria mit dem geneigten Haupt, einen goldenen Stern auf der rechten Schulter, in einem Schutthaufen am Tiber von Dominikus a Jesu Maria gefunden — war plötzlich ein Licht in ihm erloschen; er sah sich an der Wand auf einer schwarzen Bank in einer finsteren Kammer sitzen, sich langsam aufrichten, die Hände an die Schläfen legen, zusammenlegen zum Gebet; und er sprach nach, ohne es zu verstehen, was dem Gebundenen auf der Bank von den Lippen ging: „Es ist geschehen. Im Namen des Vaters, des Sohnes, des heiligen Geistes.“
Aus seinem Bau, um den herum er mit Schonung fraß, stöberte das bayrische Heer den Bastard von Mansfeld. Von da strömte ihm, wegweisend, pestilenzialischer Geruch entgegen. Eine Seuche war in dem Lager bei Beidhaus ausgebrochen, hatte sich mit Werbern Fourieren Streifkorps beutemachenden Tummlern blitzartig durch die Wälder und Berge verbreitet, zuckte unter Bauern und Knechte, gepanzerte Kürisser, Musketenträger. Aus den Tümpeln stieg die Brut der Mücken und Stechfliegen. Unter der schilfdurchstochenen Oberfläche der Wasser, dicht am Spiegel, hingen die Millionen Larven wie herrenlose Naturtrümmer, gleichmäßig Luft saugend durch ihre kleinen Atemröhren. Dick schwoll ihr Kopf an, hob sich über den Spiegel, die Schale zitterte, knisterte, spannte sich, riß über der Schläfe, seitlich; langsam drängte sich das lange junge Gebilde durch, engangelegt Fühler Glieder Flügel, rastete sich spreizend, auf einem Blatt der Wasserlinse, hing flügelspannend großbeinig an einer Schilfscheide. Surrte in der Dämmerung aus. Die Luft mit Zirpen und feinem hohen Singen durchadernd. Spürsame surrende Mücke mit schwankendem Ringelleib, vor sich zwischen hauchartigen Fühlern gerade aus gestemmt den langen Stechrüssel, der wie ein Spieß steif auf dem Köpfchen wuchs, vor dem Prellbock des klobigen Brustwürfels. Das trug sich tausendfach, zehntausendfach, millionenfach durch die Abendluft mit gläsernen Flügelchen. Setzte sich an den Mund, an die Stirn, auf die Hand, die ein Brot brach, an den Hals, zwischen den geschnittenen Bart des Kornetts und Rittmeisters und die venetianischen Kragen. Riß sich einer, vom Pferde springend, schweißbegossen den Wams auf, kühle Luft gegen nasse Brust gehen zu lassen, so krallte das kleine Flügelwesen ungesehen an die warme Haut, sog sein Tröpfchen Blut, speichelte im Biß ein Tröpfchen Gift ein. Dann konnten die Soldaten auf ihre Jagd gehen, die Leute an Torsäulen und Brunnen aufhenken, das Vieh forttreiben, gewaltig prassen —, inzwischen liefen die Fieber durch ihre Körper, Abend um Abend, verwandelten ihr Blut in einen tropischen Sumpf. Kornetts mochten brüllen, den sauren Wein dieses Jahr in Kannen schlucken, gefahrdrohend auf ihren Gäulen vor hundert Mann durch die stillen schornsteindampfenden Dörfer segeln, Leder vor der Brust, dichtmachende Papiere um den Hals, breitbackig und heiß auf den übersättigten Tieren: es vibrierte in den Knieen, der Koller mußte herunter, die Waden waren schwach, vor den Augen flimmerten Regenbogen; das Frieren und Zähneklappern fing an, die Nacht lag man im Heu, im Bett, drohte heiser, als wäre nichts, und tags darauf war man schwächer, von Ritt zu Ritt gespenstischer. Und das fiel über die Obersten, die Pikeniere, wie über die Huren und ihre Weibel. Die Seuche tötete nicht viele. Wen sie befiel, den machte sie schwach und noch rasender, als er schon war. Wer starb, verweste wo er fiel. Gelb, schwach lachend ging man umeinander in der Hitze.
Bis noch das Gerücht sich verbreitete, erst im Lager bei Beidhaus, dann in Weiden, im Markte Kohlberg, es hätten sich Leute gefunden, die ein neuartiges Wesen von Krankheit zeigten. Pestbarbiere erzählten verstört von Bauern, die eine neue Krankheit in ihren Betten hätten. Die Läuse fielen das Heer an. In den geraubten Wämsen Leintüchern Betten Pelzen Schabracken wuchsen sie an den Söldnern hoch, die im Schmutz der Wälder und Straßen verkamen, machten feuchte und trockene Krätzen; bei sehr vielen geschah es unversehens, daß das tierische Gift sich in ihre Adern senkte. Sie begannen irre und fiebrig zu reden, manche zu rasen, Ausschläge bis zu Erbsengröße erhoben sich auf der zerbissenen Haut, Blutflecken sprossen in grausenerregender Weise hervor; schlafsüchtig, taub gingen sie, wo sie sich hingeflüchtet hatten, gemieden, eingesperrt, dazu verhungert zugrunde. Ohnmächtig sprachen die gelehrten Schüler des Paracelsus von den merkurialisch-schwefligen Zeichen der Seuche, von den merkurialisch-salzigen, dem Heißhunger, den Harnbeschwerden, der Wasseransammlung in den Beinen, Blutspeien, Brustgeschwulst, Melancholie.
Eine Verwarnung Maximilians ging an sämtliche Stände der Oberpfalz ging dem drängenden Heere voraus. Stark, gut gewaffnet, wohlstaffiert rückten die Söldner vor; man sah ihnen das Geld an, das der zusammenraffende Herzog an sie gesetzt hatte. Da wich der geschwächte Mansfeld zurück, hinter Amberg, streckte die Pfote aus gegen Maximilian mit einem offenen Grinsen, das der verstand. Es kostete sechshundertfünfzigtausend Dukaten, daß der Bastard sich auf die Beine machte; mit dem gleichen Grinsen erbat er sich und wurde ihm gewährt eine vierzehntägige Wartezeit zur Wahrung seiner Ehre, bis ein Bescheid des verlassenen Pfalzgrafen Friedrich zur Billigung des Akkords einträfe. Dann huschte er, das hungrige Volk hinter ihm, aus dem üppigen Land heraus, das er nicht hatte abgrasen dürfen. Zwanzigtausend Mann hatte er noch, fünfhundert Bagagewagen und einen starken Troß. An der Grenze des Landes war es, wo er Dighby traf, den englischen Gesandten, der, gefolgt von den beiden Räten, ihm vierzigtausend Gulden gab, bittend, daß er die Pfälzer Partei nicht verlasse. Der Bastard, der verkrüppelte Wicht mit der gespaltenen Oberlippe, der Hasenscharte, nahm an, dankte, huschte weiter. Über die Grenze weggetrabt stieß er seinen gellenden Kriegsruf aus, brünstiges Gebrüll der Söldner hinter ihm, die Reiter atmeten Luft. Maximilian hatte ihn auf die Unterpfalz loslassen wollen, wo die verhaßten Spanier saßen, denen der Bayer das Land nicht gönnte. Mansfeld pfiff; der Rhein lockte.
Durch Ansbach Hall, über Mannheim, auf Speyer; sündhaft reich das Bistum. Da hamsterte schon der englische Freibeuter Horatius Veer. Rasch hatte der einen Hieb vor die Schnauze. Die Gäule in die Ställe, Muskete auf der Schulter, Pike in der Hand, knurrend die Mägen zogen sie auf Menschenjagd. Schossen durch die Fenster, in die Scheunen, unter die Betten. In die Kirchen stiegen sie ein, vor den aufgesprengten Portalen machten sie die Pulverprobe, übten Anfänglinge im Treffen auf Heiligenbilder, die stillhielten, und schreiende Kinder. Priester samt Gemeinde schossen sie ab von den Fenstersimsen; nachher gingen sie in die Ecken, hoben den Rest auf Piken. Sie bestrichen ihre Schuhe mit dem heiligen Öl und Chrysam, zu Rotten trieben sie die Weiber und Mädchen zusammen auf Marktplätze, in Scheunen, in Waldlichtungen, verderbten sie am hellen Tag mit Unzucht. Wenn sie sich schnaubend von ihren Späßen erholt hatten, wischten sie sich die Mäuler, nahmen ein Bad mit den Weibern, die sie unter das blasenquellende Wasser hielten, bis sie sich ruhig gezappelt hatten. Da wollten sich einige üben im Menschenfleisch essen, mußten es aber zum Gelächter der anderen aufgeben, meinten, katholisches Fleisch schmecke sauer. Wollte ein Bauer frei sein, mußte den Kot eines anderen fressen, den der eben gelassen hatte; ging es nicht rasch, erstickten ihn kopfüber in dem warmen Gesudel. In der Wollust der Grausamkeit gingen sie wie Wahnsinnige herum; nicht viel fehlte, daß sie mit den Steinen am Wege zu kämpfen anfingen, die Vorlauben niedermetzelten, die Luft anspien, daß sie die Pferde zwischen ihren Schenkeln mit Stichen zu Tode quälten. Junge Weibsbilder, an denen sie ihren Mutwillen verübt hatten, lagen tagelang tot, unbekleidet, halb verbrannt auf offenen Wegen; die Bauern in den Nachbarhäusern wurden gehindert, sie zu beerdigen; wer sich daran machte, dem wurde der madenwimmelnde Leichnam in die Stube gelegt. Sie konnten sich nicht lange in den Stiftslanden aufhalten; trafen ausschwärmend bald nur leere brennende Dörfer, flammende Kornscheuern. Einige hetzte die Wildheit, daß sie toll gegen die heimflutenden Bauern rannten, süchtig, selber gemartert zu werden.
Der überschäumende Mansfeld, seine blutrünstigen Horden schwangen über den Rhein zurück nach Osten gegen den Neckar. Ein rasender anderer Rebell erwartete sie da; der alte Markgraf von Baden Durlach. Dem hatte es die Lebenslust weggefressen, daß er nicht Erbe sein sollte der oberen Markgrafschaft, weil er Protestant war. Mit zwanzigtausend Mann, vierzig Feldstücken, fünfunddreißig kleinen Geschützen, siebzig Wagenmörsern, achtzehnhundert Wagen stand er am Tage nach Christi Himmelfahrt auf den Höhen zwischen dem Neckar und Ballingerbach; überschüttet alle Täler und Berge unter dem blendenden Maienhimmel vom jungen Grün, von weißer Apfelblüte. Vor Glück wollte er zerbrechen in seiner schwarzen Eisenrüstung auf dem gepanzerten Pferd, als drüben jenseits des Waldes die Ligisten aufzogen, die Bayern voran; inmitten der Hakenspieße Streitäxte Reiterhammer, des klingenden Kompagniefeldspiels schrie der Graubart, sein schweres schottisches Schwert mit beiden Fäusten über sich hebend: „Sie müssen unser sein! Was wollen sie gegen uns!“ Einige Stunden darauf war das Grün jung wie vorher, die Apfelblüte schimmerte wonnig, das badische Heer zerschmettert wie loser Kalk am Boden, der alte Markgraf, von Qualen geschüttelt, von wenigen Offizieren gefolgt, auf dem rasselnden Pferd durch sanfte Wälder über träumende Wiesen zwitschernde Gärten nach Stuttgart, daß sich der Württemberger seines Sohnes annähme und die Flüche auf die Bayern höre.