Die siegesheißen Ligisten, Bayern an der Spitze, schoben sich in die Kurpfalz; das Land wehrte sich nicht, sein Herr irrte mit der englischen Königstochter im Elsaß herum. Die Kartaunen und Mauernbrecher der Überwinder, zu hunderten versammelt, noch glühend wie ihre Führer, heulten Tag und Nacht auf den Bergen vor Heidelberg; als der Sitz des flüchtigen Kurfürsten brannte, ging ein Freudenschauer durch das Heer; über die blanke, dunkle Platte des geschlängelten Flusses warfen sie sich. Geplündert Heidelberg, geplündert Mannheim.

Zu dem Heere stießen Völker aus Böhmen Mähren Spanien. Und wie sie sich gegen den Main wälzten, sprang sie der dritte Ächter an, Christian, der tolle Bischof von Halberstadt. Der unbändige Mann konnte kaum lesen, kaum schreiben, an seinem Hut trug er den Handschuh der schönen, flüchtigen Pfalzgräfin. „Alles für Gott und für sie“ stand auf der roten Standarte, die seine Leibgarde trug; darauf gemalt war ein doppelköpfiger Adler, dem rechts und links ein Löwe päpstliche Tiara und Reichskrone mit erhobenen Pranken abzureißen suchte. Er kam stracks von Paderborn, wo er in der Kirche die Silberstatue des heiligen Liborius umarmt hatte, dem Heiligen dankend, daß er auf ihn gewartet hatte; er münzte ihn aus zu Trutztalern auf die Pfaffen. Der barbarische Recke und Mansfeld, der Kobold, zogen zusammen. Am Main prallten sie an die anrollende Heereswoge, bei Höchst wurden sie von der Woge verschlungen.

Friedrich schickte Boten an den Bastard und den tollen Bischof, sie möchten, sofern sie noch lebten, zu ihm kommen in das Lager von Zabern. Die lebten beide noch. Mit niedergeschlagenen Augen, wie nach einem mißglückten Selbstmord, fluchend haßgeschwollen schleppten sie sich auf den Muster- und Werbeplatz in der sanften hügeligen Landschaft. In das Wirbeln der Trommeln, zwischen die lockenden Wappenschilder, die geldtragenden Schreibertische, in das Bänderschwingen und trotzige Rumoren der jungen Arkebusiere tauchten sie wie lakenschleppende Gespenster ein. Man schob sie vor ein offenes prächtiges Feld, aus dem Musik scholl. Hinter ihnen Würfel, auf Trommeln geworfen, Rauch Bratenduft Gebrüll des Viehs. Die Musik zu Ende, hob Mansfeld den kleinen Seitenvorhang, an dem feine Glöckchen hingen. Hinter einem Tisch mit Weinkannen und Bechern, den abgelösten Degen und Gurt vor sich am Boden zwischen den Füßen saß barhäuptig, das edelgeschnittene Gesicht ihm zugewandt, der blonde Pfalzgraf, perlmutterweiß die Haut, halbschlafend, die ausgestreckten langen Beine in losen Stulpen, mit Spitzen verziert, die offene Jacke aus blauem gepreßtem Samt, silberne brandenburgische Aufschläge an den Ärmeln; weiß quoll das Spitzenhemd an der Brust und an den Ärmeln hervor. Er schien die beiden bestäubten Herren für Traumbilder zu halten, zwinkerte öffnete schloß die Augen. Dann riß er sie plötzlich auf, das schulterwallende Haar schaukelte über die Backen; stellte sich, die Hand auf den Tisch stemmend, auf die Beine, erkannte sie, streckte beide Arme nach ihnen, während ihm die Knie zitterten.

Dann nahm er aus ihren Gesichtern sein Verhängnis hin.

Er hielt ihre Finger fest; erst als sie nicht vom Boden aufsahen, ging er ein paar Schritt rückwärts, hob seinen Degen auf, setzte sich, ihn über den Knien, an den Tisch; liebevoll und leise sagte er: „Nun ist wohl Zeit, meine lieben getreuen Herren, daß ich mich für einige Weile aus dem Spiel zurückziehe. Mein Land hin, mein Kurhut hin, meine Kinder Bettler, meine Untertanen Papisten.“

Mansfeld zischte den langen Braunschweiger an: „Gibst du’s auf, Christian? Gehst du zu Max?“

„Spotte er meiner nicht.“

Mansfeld nach einigem Zögern klirrte dicht an den Stuhl des Pfalzgrafen, rauh sagte er: „Kann mich nicht entschließen, dem gottverdammten Habsburg Dienste zu tun, Herr Pfalzgraf, verzeiht mir. Muß mich entschließen, Euch den Dienst aufzukündigen.“

Der Pfalzgraf lächelte todernst: „Nur eine Weile. Habt Geduld mit mir. Der Dachstuhl brennt bei mir, gedenk es bald zu schaffen.“

„Bis sich der Herr erholt hat, sei er meiner, des Mansfeld, sicher.“