Damit drängte er gegen die Tür. Der kleine Oberst rührte ihn am Arm: „Ist das alles, Herr?“

Verächtlich Lamormain über die Schulter: „Ist das nicht genug? Ist Euch der Kopf auf der Schulter nicht genug?“

Als Lamormain am nächsten Mittag aus der Burg vom Besuch eines schwerkranken kaiserlichen Leibarztes, des witzigen Menschenkenners und Menschenfeindes Gabriel Ferrara, kam, trugen ihm in der Teschnergasse und dann am Hafnersteig verängstigte Novizen seines Ordens, unversehens aus Häusern sich nähernd, zu, daß der Platz vor dem Kolleghaus, der Universität, von einem ganzen Fähnlein grober Berittener besetzt sei, die sich ganz ruhig verhielten. Sie hätten den Eindruck, als ob auch hier und da in den Straßen verstreut sich Bewaffnete befänden; trügen große Sorge seinetwegen, um so mehr, als vor einer halben Stunde, bald nachdem er zu dem frommen Gabriel Ferrara gegangen sei, eine Anzahl Karossen und Sänften vor dem Profeßhaus hinter der Universität erschienen wären; die edlen Insassen hätten nach ihm, dem ehrwürdigen Pater und Beichtvater der Römischen Majestät, gefragt, hätten im Empfangssaal und den Vorkammern Platz genommen. Sie hätten zuerst die Abwesenheit des Paters nicht glauben wollen, hätten die Gänge und einige Gemächer durchsucht, freilich auch um Entschuldigung gebeten, weil es sich um dringliche Angelegenheiten handle. Die Zöglinge waren außerordentlich erregt, in Furcht auch um sich. Beklommen folgten sie dem ruhigen Mann auf den hufklappernden waffenstarrenden Platz, wo die Reiter auf Anruf ihres degenschwingenden Kornetts eine Gasse machten, die sich hinter dem Jesuiten schloß.

Lamormain stand lange vor der löwengeschmückten Freitreppe des Profeßhauses, bei den Sänften und Karossen der Herren, deren bunte Trabanten und Kutscher sich vor ihm entblößten, verneigten. Er hielt beide Arme fest über die schwarzverhängte Brust verschlungen, öffnete sie nicht, kopfgesenkt, als er die Stufen sehr langsam emporstieg, grimmige Blicke nach der Seite gegen die jungen Schüler schickend, die ihm folgen wollten, verscheucht sich um die steinernen, maulöffnenden Löwen hin und her bewegten. Der untere breite, blankgescheuerte Gang war leer; an jedem Pfeiler der unabsehbaren Fensterwand hing ein hohes Gemälde vom Wirken und Tod eines Märtyrers. Als der Priester sich gebunden vor der stummen, schmerzlodernden Reihe entlangschob, wurde er von einem knielähmenden Schwindel in eine Nische gedrückt, gerade vor einen Altar und Glasschrein, der Knöchelchen der heiligen Rosina enthielt. Mit den Zähnen rieb der Ohnmächtige an der gerieften Silberfassung des Schränkchens; wie er schluckte, das knirschende Metall biß, fand er sich, halbseitlich über dem Schrein liegend, die Arme schräg herabbaumelnd, in Gefahr, mit dem Gesicht die obere Glasplatte durchzudrücken. Hinten im Gang stand etwas Großes in einem Türrahmen, eine wilde dreifarbige Soldatenfeder schaukelte dem nach vorn über die Augen. Den Glasschrein umarmte der Priester mit vieler Zärtlichkeit, küßte die Platte, sprach ein lautloses Gebet. Als er den Rest des Weges zu der besetzten Tür ging, bewegte er sich in der trauten wonnigen Gesellschaft der Seligen, die von den Wänden her ihn überdrangen.

Das war die Bibliothek; der Offizier zog den Hut, trat zurück. In dem weißgetünchten langen Säulenraum des Saals verloren sich die zehn Herren, zu denen ihn, nahe einem kleinen Springbrunnen mit Blattpflanzen, über die Strohmatte der Offizier führte. Unter der geschnörkelten Stuckdecke, zwischen den Städtebildern, den Köpfen Amouretten, den vollen Bücherschränken, den Tischen mit Globen Büsten Kruzifixen saßen gelassen die Politiker und Soldaten; mit tiefer Verachtung, fremd, saß unter dem Springbrunnen der Jesuit mit den kurzen weißen Haaren, der knolligen Nase zwischen ihnen, betrachtete sie wie eine Ziegenherde. Als Lamormain statt einer Klage ruhig eingeladen hatte: „Mögen die Herren beginnen“, dienerte der alte galante Harrach, nach rechts und links lächelnd; sie hätten gestern mit Vergnügen seine Geneigtheit vernommen, sich ihren Gedankengängen anzuschließen, müßten aus nicht näher zu erörternden Gründen sogleich in nähere Besprechung mit ihm eintreten. Er könnte aus dem Formlosen ihrer Gegenwart erkennen, wie dringlich ihnen die Zustimmung des ehrwürdigen Paters und Beichtvaters der Römischen Majestät sei. Es seien in aller Kürze schwerwiegende Beschlüsse zu fassen, bei denen die Herren unbedingt gewiß seiner Haltung sein müßten.

Da konnte Lamormain nicht umhin, lächelnd den Arm zu erheben; eben entstand draußen ein heftiges Rufen und Pferdetrappeln; offenbar drangen Berittene in den Hof des Hauses; es lief auf dem Gang, in den oberen Zimmern; Aufschreie, flüsterndes Stimmengewirr vor der Saaltür. „Wie glaubt ihr, soll meine Haltung sein unter diesen Umständen?“

„Wir haben geglaubt, Euch den Entschluß erleichtern zu müssen. Es muß Euch, in dem Falle Ihr nicht beistimmt, eine Genugtuung selbst sein, nur eben diesen Umständen die Verantwortung aufzuladen.“

„Ihr seid doch ein Mensch“, sprach ihm bieder Questenberg zu; sie nickten alle. Wieder lief der Schwindel unter dem fassungslosen Zorn über Lamormain; wie er sich bezwang, kam es fast kläglich aus seinem weißen Mund: „Was soll geschehen?“ Sie verlangten von ihm einen vorbehaltlosen Eid über seine Verschwiegenheit, dann eine ebensolche Versicherung, daß er ihnen nichts in den Weg legen würde, wenn er es vermöchte, daß er den Kaiser beeinflussen würde zu einer veränderten Haltung gegen die notwendigen Ereignisse, zu einer Mitregierung des Erzherzogs Leopold.

„Wenn dies alles nun nicht meine Meinung, meine Überzeugung, mein Wunsch ist, — was, glauben meine Herren, wird der Weltenrichter Jesus beim letzten Gericht, wenn die Posaune ruft, urteilen über diese Tat: rechts meine Pflicht und links in der Wage die Umstände? Diese Pferde, Musketen, Spieße gegen mich?“ „Ich glaube,“ dröhnte Questenberg, „gegen so viele Soldaten zu erliegen, macht dem tapfersten Krieger keine Unehre. Was vermeinen die Herren? Wir werden nicht Weltenrichter spielen, aber es ist so.“

Harrach lächelte verbindlich, aufdringlich vertraut in einer Weise gegen ihn, die den Priester tief reizte: „So denke ich, daß darüber der Lehrer der Gesellschaft Jesu sich am besten äußern wird, auch gegen unsern Heiland. Wir sind unwürdige schlechte Menschen, werden ihm nicht in sein Handwerk pfuschen. Wir können schließlich nichts, als unsre Bosheit erkennen mit Schmerz, mit Reue, und können nicht aus unsrer Rolle fallen.“ Der hagere Oberst, mit dem starren Blick auf den Priester, schloß: „Und letztlich sind wir Christen und getrösten uns, daß Jesus sein heiliges Blut um unserer Sünden willen, die er auf sich nahm, vergossen hat.“