Die Körper zerschlagen, die Güter zerrissen, verschleudert, die Erde unter das Schwert gestellt. Während sie über Vltava, der breiten nebligen Moldau, trockneten, flohen ihre ehemaligen Freunde als Rebellen ins Ausland, die Berka Luksan Pisetzky Fruewein Wichynik. Ihre Güter belastet mit den Günstlingen des Siegers. Und vor das vergrauste Böhmen trat der bestellte Ankläger, wies auf die Häuser, in die sich die Beamten des Konfiskationshofes begaben. Fünf eine halbe Million Taler heimste der kaiserliche Statthalter aus Nachlässen ein. Aus dem Volke stieg das Wort: Gnade? Was für eine? Eine böhmische? Kopf ab. Eine mährische? Ewiger Kerker. Eine österreichische? Raub aller Güter.

Braunaus Regiment harnischschüttelnd, Pike und Handbeil lösend, rasselte in Böhmen ein. Braunaus Zahlmeister hieß Wolfsstirn, er traf seine Anordnungen für die Einquartierung. Er arbeitete in Trautenau Leitmeritz Caslau. Mit kleinen Trupps rückte er vor ein Haus, seine Söldner verlangten zu essen, zu trinken, Fourage für Pferde Unterkunft Geschenke. Gesättigt und voll fing Wolfsstirn seinen Spaß an. Den Streithammer, den er am rechten Arm trug beim Schmaus, ließ er am Faustriemen in die Hand gleiten, griff nach dem gedrehten Eisenstiel, schrie, den Falkenschnabel in das Tischholz knallend: „Nun wir geschmaust pokuliert gerülpst gespuckt gesudelt haben, ist es Zeit, die Rechnung zu bezahlen. Also bezahlt, Herr Wirt.“ Und seine Dragoner schmetterten wiehernd aufstehend ihre Handbeile vor sich in die Tischplatten, zwischen ihre Beine in die Schemel und Bänke, über sich in die Balken der Decke: „Zeigt her Kreide und Schreibtafel, Herr, damit ich weiß, wie hoch ich mich zu bedanken habe, möcht nicht als Lump und Fuchsschwänzer verschrieen sein.“ Er meinte den Beichtzettel. Holte der Wirt das Papier, so schaute der Zahlmeister drohend seinen Mann an, tat falsch höflich, keifte böse nach den Pferden. Wo er einen hussitisch Gesinnten, ein böhmisch Brüderlein, Utraquisten, Calvinisten traf, fiel er ihm um den Hals, das Valetetrinken nahm kein Ende: „Herzbruder, wir lassen dich nicht, schändt uns Gottes Element. Wir halten zu dir, sollst nicht verderben.“ Fünf zehn seiner Leute quartierten sich ein, waren nicht zu vertreiben. Der tolle krummbeinige Zahlmeister sprach im Durchritt alle Tage vor: „Haltet gut Wacht, daß ihm nichts passiert. Er verdient es. Tot schind’ ich Euch, so ihm etwas widerfährt.“ Ausschüttete er sein Lachen, wenn sich einer beschwerte, demütig um Erleichterung bat: „Sieh mir einer den Aberweisen an! Ja, weiß der Hundsfott nicht, was ihm bevorsteht, wenn wir ihn lassen? Was ihm droht? Daß der Satan ihn ankrallt, ihn mit Leib und Leben, Haut und Haaren verschluckt. Weißt du, wer der Teufel ist?“

„Das ist der Böse selber.“ „Recht, da stimmen wir Christen mit euch überein.“ „Brauch keine Wache deshalb. Schütz mich schon selbst.“ „Hast du es vor, bereitest ihm vielleicht das Bett? Setzst lieber ihm deine Schinken und Hühner vor als meinen frommen Soldaten? Willst gar eine Mantelfahrt mit ihm machen? Ich steh’ für dich ein vor Gott und der königlichen Statthalterei, muß mit meiner Seligkeit für dich bürgen. Eher laß ich dir Daumschrauben anlegen, ehe ich ein einziges meiner frommen Kinder wegschicke.“ „Wir verhungern bald, Herr!“ Wolfsstirn, der gedrungene kleine o-beinige, blaurot die Eisenkappe aus der Hand werfend, schwer in seinem Panzer atmend, zu seinen Leuten: „Habt Ihr zu essen?“ Sie schwiegen, schmunzelten. Er drohend, gefährlich: „Daß Ihr nehmt, was Ihr findet, daß Ihr Euch sättigt und Kraft gewinnt, daß Ihr nicht die letzte Ziege und Kuh schont. Weh Euch, wenn ich Euch schlapp finde.“ Er hatte gerüstete Heerwagen mit zahlreichen Fuhrknechten Reiterjungen. Mit einer feinen Wage fuhr er, zwei Trommler und Trompeter voraus, durch die Stadt. Wo Einquartierung lag, wog er die Söldner mit dem sonderbaren verbogenen Instrument; wenn einer abgenommen hatte oder ihm dünn erschien, kassierte er die Taler von dem Hausherrn ein, ließ ihm fünfzig Hiebe versetzen von seinem Büttel, dem Söldner selbst halb so viel. Den Beichtzettel, der ihm eines Tages vorgezeigt wurde, salutierte er: „Lieber, juchhei, bist nun ein gottgefälliger rechter Christ. Mein Werk ist am Ziel und Ende bei dir. Wo du dein Heidentum hinter dir hast, wirst du mich verstehen und mir danken. Nur satt fressen konnten sich meine armen Kinder bei dir, nicht besser wie die Säue im Stall waren sie eingesperrt bei dir. Pfui über die Schwelle der Unzucht. Und nun präsentierst du den Beichtzettel.“ Er betete mit dem Herrn und seiner Familie auch mit den Söldnern gemeinsam, fiel hin im Harnisch, war befriedigt.

In den Rentämtern Küstereien Stuben der Amtleute Vögte Kellerschultheiße Räte Bürgermeister lagen Kornetts Spielleute Korporale mit wallenden Hüten, spähten zum Fenster hinaus. Regimentsschultheiß Gerichtsweibel thronten im Rathaussaal; wo einer kam sich zu beklagen, nahm der boshafte Schreiber ein Protokoll auf unter spitzfindigem Gefrage; dann hieß es danken, zahlen für die Klage, verlautete weiter nichts. Die Gassen der Neugläubigen versperrten sie mit ihren Troßwagen, quer lagen die schwerrädrigen Gestelle auf den Pflastersteinen oder im Sumpf, konnte keiner herüber von rechts nach links; wer die Gasse entlang wollte, stand vor hölzernen Barrikaden. Ganze Häuserreihen waren von den steinbeladenen Ungetümen gesperrt. Männer und Frauen saßen in den dunklen Höhlen der Keller und Erdgeschosse, oben goß und blies es hinein, das Stroh war von den Schindeldächern mit Haken für die Pferde gezogen. Nur bei Nacht trauten sie sich zum Fenster hinaus, zwischen die Räder, heimlich unter die Wagenbalken, um sich zu verköstigen. Die neugläubigen Kirchen waren vernagelt; und damit jedem die Lust an ihnen verginge, schleppten die Fuhrleute morgens mit dem Gemüllwagen den Unrat aus den Senkgruben bei den Häusern fort, stülpten ihn vor die Kirchtüren. Die Bauern, die Holz vom Amt bekommen wollten, brauchten keine Feldsteine zum Straßenpflastern mehr hereinzuschleppen; sie hatten genug an denen, die sie vor den Ketzerhäusern ausreißen durften. Wo ein Kehrichthaufen in der Gosse dampfte, wachte in der Nähe ein bestellter Spitzel, ein Dragoner hinter einem Torbogen, daß er nicht beseitigt wurde ohne besondere Erlaubnis. Dann zogen die Soldatenweiber mit Kind Kegel Raub und Plunder über die geräumigen Dielen, grell juchzend über die Parketts der Innungsstuben; in den Kammern der gelehrten Männer krähten die auf dem Feld, in Ställen geborenen Bastarde, ritten auf den bemalten Folianten. Man durfte sie nicht verjagen; die viehischen Gottesleugner durften sich freuen, daß sich ehrbare Leute bei ihnen bequemten. Dröhnend kletterten die Dragoner durch die verschmutzten Zimmer, über die Stiegen zu den kellergepferchten Besitzern, Teppiche unter dem Arm für ihre Wolfshunde, spektakelten nach Heu Stroh für ihre Pferde. Was nicht zu beschaffen war, mußten die Besitzer kaufen auf den Nachbardörfern; manche kamen nicht wieder von der Wanderschaft. Andre, wenn der Weinkeller geleert, die gedrechselten Holzstühle zerbrochen, die schönen ererbten Schränke zerkratzt, Salzfässer Leuchter und Lichtscheren zerstoßen waren, faßten sich ein Herz. Inmitten des wüsten, auf Faulbett Bankpolster Bank und Boden geworfenen gröhlenden Gesindels pflanzten sie das heimlich gekaufte Marienbildchen auf, auf einen Tisch, einen Wandbort, ein Schränkchen, fielen, den Jammer bezwingend, davor hin. Von seinem Spuk war bald darauf das Haus befreit, die toten Hunde und Hähne auf die Straße gekehrt, der Boden wieder glatt. Nur die Marienbildchen Rosenkranzbehänge waren in alle Räume eingezogen. Wie Knechte schlichen die Besitzer mit fremden Mienen um sie herum, Haus und Hof hatten sie wieder, waren dennoch daraus vertrieben.

Büttel Profosse Pikeniere und Geistliche wanderten von Gasse zu Gasse, Dorf zu Dorf. Sie gingen in die Schlafkammern, zogen die Decken von den Betten, denn viele Ketzer legten sich in diesen Wochen zu Bett, um den Fragen zu entgehen, die jedem entgegendröhnten, der den Kommissionen die Türe öffnete: „Wer ist im Haus? Und Ihr, seid Ihr katholisch geboren, geworden, versprecht Ihr es zu werden oder nicht?“

Über die Betten der Greise, Kranken im Caslauer Spittel beugte sich lederknarrend der Büttel. „Ich bin krank,“ wimmerte einer. „Ob Ihr lutherisch, calvinisch, utraquistisch, katholisch seid?“ „Ich bin krank. Mir fehlt der Atem, die Beine sind mir vollgelaufen mit dem Wasser, ich ersticke. Geht weg.“ Der Jesuit neben dem Büttel, grauhaarig kalt, geistlicher Koadjutor, den viereckigen Hut zwischen den Händen, die Achsel zuckend: „Die Antwort ist schamloser, als Euch gut täte. Es ist ihm gleich, ob katholisch oder ketzerisch. Er pocht auf seine sogenannte Krankheit. Dieser Mensch ist schlimm.“ „Geht weg,“ schrie der graublasse Schädel, der da lag. „Bald,“ sagten die Soldaten, warfen sich die Piken in den linken Arm, zogen dem Menschen Hosen und Wams über, stießen ihn über den Hof vor das Tor. Da keuchte, röchelte er an der Schweineschwemme.

Einer saß aufrecht auf seinem Lager; der Spittelmeister, dickbäuchig schlüsselklappernd, benannte sein Leiden — merkurialische Zeichen wie krampfhaftes Lachen, Zungenbrand, Pusteln in den Augen —, er lallte sonderbar bei der Annäherung der bewaffneten Gruppe: „Habe von Euch gehört, Ihr Herren. Hab’ Euch erwartet. Was wollt Ihr mich fragen, Pater.“ „Nach deinem Bekenntnis, armer Freund und was du von Gott, der Jungfrau und den Heiligen denkst.“ „Von Gott, der Jungfrau und den Heiligen. Das ist viel auf einmal für mich. Aber Ihr habt recht, mir liegt nichts so am Herzen als das Bekenntnis. Gott ist Gott. Die Jungfrau hat unsern wahrhaften Erlöser geboren. Und ein Heiliger bin ich.“ Er lachte heftig, erschreckend rauh und dann wieder ganz tonlos, versuchte zu kreischen, vor seine Augenhöhlen traten wässerige, rötlich gefärbte Tropfen. Die Männer bekreuzigten sich. „Was sprichst du armer Mensch?“ „Und woran zweifelst du ärmerer Mensch?“ schrie der zornig wieder, zitterte mit dem Kopf, „bin ich nicht ein Heiliger? Hast du nicht vor, mich zu martern meines Glaubens wegen?“ „Du bist also kein Katholik?“ Er schrillte, streckte fuchtelnd die Arme aus, man wich um ihn: „Ein Heiliger! Ihr seid Bären und Füchse. Betet mich an!“ Sie hoben ihn auf an den zerrenden Händen und Füßen: „Faßt mich nicht an, ich verfluche Euch bei allen Höllenteufeln.“ „Seht, ob er nicht Zaubermittel unter der Achsel eingenäht hat. Ihr müßt ihn rasieren. Wann warst du zur Teufelssynagoge?“

„Folterer. Betet an.“ „Man wird eine Probe mit ihm vornehmen müssen.“

Schlurrend stampfend murmelnd in die Stube der Kindsbetterinnen. Ein fieberheißes junges Weib rief jubelnd an der Wand zu ihnen herüber: „Zu mir! Fragt mich zuerst! Ich weiß schon, was ihr wollt!“ Ein winziges, kupferrotes Säuglingsköpfchen sah unter ihrem rechten Arm hervor. „So antworte.“ Gläubig weite feuchte Augen blickten den kopfsenkenden Jesuiten an, innig sagte sie, nach seiner hängenden Hand mit ihren schwitzenden greifend: „Ich war nicht katholisch, aber ich will es werden, gleich, bald, kommt recht bald zu mir. Und dann, dann werde ich gesund, nicht wahr, Ihr könnt das machen. Und dann kann ich mein Kindchen behalten, nicht wahr?“ „Wir schicken noch heute zu dir.“ „Ich werde gesund werden?“ „Bete, bereue deine Sünden.“ „Und bleibe ich leben? Seht doch mein Kindchen.“ „Bereue deine Sünden. Der Gnadenschatz der Kirche ist groß.“ Sie, eine Sekunde still, warf sich schreiend zurück, hob den schlafenden Säugling vor ihr verzerrtes Gesicht, so daß die kleinen Händchen über ihrem schluchzenden Mund hingen, das Bett zitterte unter den Erschütterungen. Als die Kommission an die Türe ging, rief sie aus ihrem Kissen: „Herr, Ihr vergeßt mich nicht. Ihr schickt zu mir.“

In Trautenau bauten die Soldaten hinter dem Tanzhaus einen rohen Stall, da hinein sperrten sie eine große Menge starker Doggen und Vorstehhunde, die sie in Bayern aufkauften. In der Stadt verbreitete sich blitzschnell das Gerücht, als das gräßliche Gekläff von Tag zu Tag wuchs, die Dragoner hätten vor, bevor die Kommission käme, Angehörige von Rebellen in den Stall zu jagen. Mit Freuden hörten die Soldaten das, auch die anströmenden Scholastiker und Dominikaner widersprachen nicht. Eines Vormittags, als die Kommission umgegangen war, trieb man eine Anzahl utraquistischer Bürger auf den sogenannten Entenmarkt unweit der katholischen Emeranskirche. Die Kirchentüren standen weit offen. Als das Orgelspiel begann, der erste Knabengesang hörbar wurde, hieß man einen Trupp von sechs Bürgern, die Hüte abgerissen, auf der Straße nach der Kirche laufen. Sie waren noch nicht zehn Schritt vorwärtsgekommen, als aus einer Seitengasse, die in den Markt mündete, plötzlich ein greller Pfiff tönte, kurz darauf Hundegebell Menschenrufe. Im Nu sprangen hinter den fortrasenden sechs Männern, toll sie anfallend, die schäumenden gehetzten Doggen her; die Männer schleuderten sie von Schulter und Nacken ab; die gestürzten Tiere holten sie ein, saßen an ihnen, schlangen sich vorn herum, hingen sich an die Beine, warfen die Männer um. Die schlagend schreiend rafften sich hoch, krochen, wurden umgeworfen, rannten weiter, zerfetzte Kleider, blutende Arme, zerkratzte Lippen. Torkelten an die nahe Kirchentreppe, der Schwall der Hunde über sie, dann war eine Treppenstufe erreicht. Stöcke und Riemen der Soldatenreihe fuhren unter die sich verknäulenden Tiere. Dahinter zogen sich die Männer fußgetreten faustgeworfen vierbeinig die Stufen hinauf. Am Weihbecken im weißen Chorhemd standen Priester, sie zu empfangen. Vor die händefaltenden Weißröckigen krochen keuchten die unkenntlichen Entgeisterten; sie spien Blut Schleim, ihre Lungen rasselten, die Augen weiß und rollend. Sie wollten sich blind und bewußtlos an den Priestern vorbei in die dunklen Winkel drücken. Die Geistlichen sprachen sie an, führten sie, vor denen die Menge zischelnd schaudernd zurückwich, vor an eine Bank. Sie ließen alles mit sich tun. In die leisen Worte, die stille Andacht sägten gleichmäßig und ohne Scheu die rasselnden Atemzüge. Schnauben, plötzliches Winseln: „Schlagt mich tot, schlagt mich tot!“, immer wieder unterdrückt von Händen, die sich vor die Münder legten. Wie die Menge sich von den Knien erhob, klatschte einer von den Zerfleischten lang auf den Steinboden, die Arme vorstoßend, den Kopf anhebend, tierisch gröhlend: „Schlagt mich tot!“ Und während die umringenden Scholaren sein Geschrei vergeblich zu ersticken versuchten, tobte draußen die zweite Jagd gegen die Kirchentreppe an, das Gekläff Getrappel Geheule, das Winseln Stöhnen Brüllen hallte gegen die Gewölbe, das triumphierend heiße Bellen der Hunde, ihr gelles Quietschen scholl gräßlich herein. Unter den Betern sanken ohnmächtige. Auf der Anjagdstraße mußten die Doggen mit Händen und Stöcken von Gefallenen abgerissen werden.